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Chronik Welt
11/15/2019

Folgen der Abwanderung in Ostdeutschland: Auf der gefühlten Verlierer-Seite

Nach der Wende zogen Junge, Frauen und gut Ausgebildete fort. Das wirkt bis heute nach.

von Sandra Lumetsberger

Die Menschen haben das Land verlassen, noch bevor die Mauer stand; und hörten damit nicht auf, nachdem sie gefallen ist: Allein in den zwei Jahren nach dem Mauerfall waren es 400.000 Menschen, die auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben fortgezogen sind. Dabei sollte es nicht bleiben.

Zwischen 2000 und 2005 gingen noch einmal viele junge und gut ausgebildete Menschen – häufiger Frauen – Richtung Westen. "Es ist die erste Generation, die im vereinten Deutschland ausgebildet wurde. Für sie war es einfach, in den westdeutschen Arbeitsmarkt einzusteigen. Er ist für sie attraktiver, weil er dienstleistungsorientierter ist und Frauen häufig diese Berufe wählen", erklärt die Soziologin Katja Salomo. Nicht viele wären zurückgekommen – Frauen seltener als Männer.

Die Soziologin, 33 Jahre, stammt aus Sachsen und weiß, wovon sie spricht. Für das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) untersuchte sie den Einfluss von Abwanderung, Alterung und Frauenschwund in der Gesellschaft – am Beispiel Thüringen. Was Salomo herausfand: Der Frauenmangel wirkt sich auf das Gesamtbild in Dörfern und Kleinstädten aus. Frauen fehlen als Netzwerkerinnen und Partnerinnen, die für den sozialen Zusammenhalt sorgen. Es gibt weniger Kinder, Jugendliche und Familien, dafür ältere Menschen und alleinstehende Männer. Was oft weitere Abwanderung am Land und sinkende Kaufkraft mit sich zieht. Der Bäcker und die Post schließen, Vereine lösen sich auf – insgesamt leidet die ganze Infrastruktur, erklärt sie.

Anfälliger für antidemokratische Tendenzen

Das führe zu weniger Lebensqualität und dem Gefühl, auf der Verliererseite zu leben, obwohl es den Menschen aus ökonomischer Sicht dort heute viel besser geht: Die Arbeitslosigkeit ist gesunken, es gibt Jobs. Aber die Tristesse überwiegt und wirkt destabilisierend auf die Gesellschaft – und beeinflusst letztlich auch die politische Kultur: "Wenn sich Menschen benachteiligt fühlen gegenüber anderen; Abstiegsängste entwickeln, dann sind sie anfälliger für Fremdenfeindlichkeit, Abwertung anderer Minderheiten, Demokratieskepsis bis hin zu antidemokratischen Tendenzen."

Dazu kommt, dass viele der Männer im Alter von 25 und 45 in einem Land aufwuchsen, wo sich der Rechtsextremismus mit Vereinen gezielt in abgelegenen Gebieten ausgebreitet hat – von Musik bis Kampfsportgruppen. Auch hier spielen Frauen eine große Rolle: "Aus Aussteigerprogrammen weiß man, dass eine Beziehung oder Familiengründung vielen hilft, aus der Szene rauszukommen. Das fehlt hier."

Es braucht Zuwanderung

Für die Soziologin ist klar, dass diese Regionen Zuwanderung brauchen, doch das Image von "Dunkeldeutschland" und die fehlende Infrastruktur würden kaum jemanden anlocken. Dabei gibt es durchaus positive Entwicklungen: Der Abwanderungstrend hat sich eingependelt. 2017 zogen erstmals seit der Wiedervereinigung mehr Menschen von West nach Ost als umgekehrt. Die wirtschftliche Situation hat sich seit 2000 besonders in Thüringen und Sachsen verbessert. Davon profitieren bisher nur die Städte, weiß die Forscherin zu berichten.

Mehr Gleichberechtigung als im Westen

Generell wären aber die Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt nicht schlecht: "Nach den üblichen Indikatoren für Gleichberechtigung, ist Westdeutschland auf einem niedrigeren Niveau als Ostdeutschland", so Salomo. Das Angebot an Kindertagesstätten ist im Osten, anders als im Westen, flächendeckend und dass Kinder, auch schon die jüngsten, in die Krippe und den Kindergarten gehen ist normal. Das Lohnniveau ist im Osten zwar geringer, aber die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen klein: Sie liegt bei sieben Prozent, in Westdeutschland bei 22 Prozent. Zudem sind laut dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung mehr Frauen in Führungspositionen. Auf der ersten Führungsebene sind es im Osten 31 Prozent gegenüber 25 Prozent im Westen. Auf der zweiten Führungsebene 46 Prozent im Osten gegenüber 40 Prozent im Westen.

Ob diese Entwicklungen oder Einstellungen zu Arbeit noch aus DDR-Zeiten stammen? Katja Salomo ist skeptisch: "Ja und Nein", sagt sie und erklärt: "Die DDR hatte keinen emanzipierten Blick auf die Frauen. Klar, sie durften bzw. mussten mitarbeiten, das war aber keine freie Entscheidung der Frauen. Man brauchte Arbeitskräfte und musste die Produktivität steigern. Gleichzeitig wurde ihnen weiterhin die wesentliche Arbeit für Haushalt und Kindererziehung auferlegt. Doppelschicht nannte man das." Ihr Fazit: Zuerst war es Zwang, dann wurde es zur Norm und jetzt ist es ein Wert.

Bei allem Optimismus steht Ostdeutschland aber vor einem Problem, das hier noch gravierender ausfallen wird als anderswo: Die Generation der Babyboomer setzt sich bald zu Ruhe. "Wenn man Thüringen als Nationalstaat sieht, wird er Japan bald eingeholt haben, was die Alterungsquote betrifft." Das können die Rückkehrer aus dem Westen alleine nicht ändern.