Reichelt kommt nur zum Skifahren

┬ę APA - Austria Presse Agentur

Chronik Welt
12/08/2021

Ex-"Bild"-Chefredakteur Reichelt: "Wurde am Telefon entsorgt"

Der ehemalige Chefredakteur gab sein erstes Interview nach dem Aus bei der Bild.

Fast zwei Monate nach seinem Aus als "Bild"-Chefredakteur hat sich Julian Reichelt erstmals in einem ver├Âffentlichten Zeitungsinterview zu Wort gemeldet. Im Gespr├Ąch mit der "Zeit" ├Ąu├čerte der 41-J├Ąhrige an mehreren Stellen seine Entt├Ąuschung ├╝ber den Chef des Axel-Springer-Konzerns Mathias D├Âpfner. Reichelt sprach auch ├╝ber seine beruflichen Pl├Ąne.

Der Ex-Chefredakteur, der ├╝ber mehrere Jahre an der Spitze von Deutschlands gr├Â├čtem Boulevardblatt stand, verwies im Kontext einer Beziehung darauf, dass er dem Konzern gegen├╝ber nicht gelogen habe. ├ťber D├Âpfner sagte er: "Deswegen hat es mich sehr ├╝berrascht, wie ├╝berrascht er gewesen sein will. Man hat mich unterm Strich wegen meiner Beziehung rausgeworfen." Ein Springer-Sprecher teilte auf dpa-Anfrage mit: "Wir haben unserer bisherigen Darstellung nichts hinzuzuf├╝gen."

Mitte Oktober von Aufgaben entbunden

Mitte Oktober hatte Springer Reichelt von seinen Aufgaben entbunden. Der Konzern hatte das Ende der Zusammenarbeit so begr├╝ndet: "Als Folge von Presserecherchen hatte das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse ├╝ber das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen. Diesen Informationen ist das Unternehmen nachgegangen. Dabei hat der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Fr├╝hjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand dar├╝ber die Unwahrheit gesagt hat."

Im Fr├╝hjahr hatte das Medienhaus das interne Verfahren gegen Reichelt angesto├čen. Nach Springer-Angaben standen im Kern der Untersuchung die Vorw├╝rfe des Machtmissbrauchs im Zusammenhang mit einvernehmlichen Beziehungen zu Mitarbeiterinnen sowie Drogenkonsum am Arbeitsplatz. Der Konzern kam zum Schluss, dass Reichelt eine zweite Chance bekommen sollte. Die US-Zeitung "New York Times" hatte dann im Oktober einen Bericht ├╝ber Reichelt und den Konzern ver├Âffentlicht, zudem hatte ein Investigativ-Team bei der Ippen Mediengruppe monatelang recherchiert. Die Ergebnisse flossen zum Teil in einen "Spiegel"-Bericht ein.

Reichelt will "auf jeden Fall weitermachen"

Auf die Frage der "Zeit", ob er seinen "Rauswurf" habe kommen sehen, sagte Reichelt: "Nein, ich war im Urlaub, stand am Autozug nach Sylt, als der Anruf von Mathias auf dem Handy kam. Nach zwanzig Jahren loyaler Arbeit, zehn davon in Kriegsgebieten, wurde ich in zwanzig Minuten am Telefon entsorgt."

Reichelt sagte ├╝ber seine berufliche Zukunft, er wolle "auf jeden Fall weitermachen". Er erg├Ąnzte: "Wenn es keinen passenden gibt, hat man in einem freien Land ja die M├Âglichkeit, sich diesen Job selber zu schaffen." PR wolle er nicht machen, "sondern Journalismus f├╝r die Massen. Ich liebe es, Millionen Menschen eine starke Stimme zu geben".

Er sprach auch dar├╝ber, dass er danach gefragt werde, ob er ohne "Bild" leben k├Ânne, die Zeitung sei doch sein Leben gewesen. Reichelt sagte: "Das ist falsch. Nicht Julian Reichelt ist Bild, sondern: Bild war Julian Reichelt. Was diese Marke dargestellt hat, basierte auf meiner Arbeit, meinen Gedanken."

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