© Andrea Affaticati

Reportage
08/24/2021

Erdbeben in Italien: Die Wunden wollen nicht verheilen

Vor fünf Jahren zerstörte eine Erdbebenwelle viele Ortschaften. Bis heute ist nur wenig geschehen, weshalb immer mehr Einwohner abwandern.

von Andrea Affaticati

Ein frischer Wind weht durch die Trümmergassen von Castelsantangelo sul Nera, einer kleinen Ortschaft in den Marken, inmitten des Nationalparks Monte Sibillini. Castelsantangelo war das Epizentrum der zweiten Erdbebenwelle, die vor fünf Jahren zig Ortschaften in den Randgebieten der Regionen Umbrien, Marken, Latium und Abruzzen vollkommen zerstörte. Der Zutritt zum mittelalterlichen Ortskern von Castelsantangelo ist noch immer nicht erlaubt.

Entlang der engen Gassen, die sich den Hügel emporschlängeln sieht man Trümmerberge, aufgerissene Häuserfronten, heraushängende Heizkörper. Ein Schaudern läuft einem über den Rücken, während die Menschen beteuern: „Wer es nicht erlebt hat, der hat beim bestem Willen keine Ahnung.“

In diesen Tagen jährt sich zum fünften Mal das erste Erdbeben der Stärke 6, das die Menschen am 24. August um 3.36 Uhr nachts aus dem Schlaf riss. 299 kamen ums Leben, Tausende wurden obdachlos. Das Epizentrum lag zwischen Amatrice im Latium, Norcia in Umbrien und Visso in den Marken.

Der damalige Ministerpräsident Matteo Renzi versprach einen schnellen Wiederaufbau, doch einmal abgesehen von den Fertighäusern, die in den Talebenen errichtet wurden, geschah fast nichts. Drei Sonderkommissare hatten sich schon die Klinke in die Hand gedrückt, ohne etwas zu verrichten.

Paradigmatisch steht hierfür eine Szene von einem früheren Besuch der Autorin: Arquata del Tronto, eine ältere Frau, steht auf einem Gehsteig, links und rechts hält sie Einkaufstaschen. Sie blickte über die Trümmer der Altstadt, schüttelt den Kopf und sagte zu sich selbst: „Tja, man hat uns vergessen.“

Nicht alle waren aber zu der Zeit noch so resigniert, denn im Frühjahr 2020 war Giovanni Legnini zum neuen Sonderkommissar ernannt worden. Legnini stammt aus L’Aquila, der Stadt in den Abruzzen, die 2009 auch von einem verheerenden Erdbeben heimgesucht worden war. Man setzte also auf seine persönliche Erfahrung. Und endlich kam unter seiner Führung das Rad des Wiederaufbaus wirklich in Bewegung.

Die Pandemie verschob zwar den Start der Baustellen, die Zeit wurde aber genutzt, um das bürokratische Prozedere der Antragstellungen und Antworten zu beschleunigt. Von den 20.000 Anträgen in den fünf Jahren, sind mittlerweile 10.000 bewilligt worden. Davon allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres Projekte im Wert von 3,3 Millionen Euro. Insgesamt stehen für die Sanierung und den Wiederaufbau privater Immobilien 2,7 Milliarden Euro bereit. Weiter wurde die Finanzierung von 2.600 öffentlichen Bauten bewilligt.

Das alles macht auch Gian Luigi Spiganti Maurizi, Bürgermeister der Gemeinde Visso in den Marken, zuversichtlich. „Visso gehörte einst zu den 100 schönsten Gemeinden Italiens“, sagt er dem KURIER bei einem Rundgang durch die Sperrzone. Jetzt hofft er, dass auch im historischen Teil die Arbeiten bald beginnen.

Einwohnerschwund

Wir erreichen die groß angelegte Piazza, die an eine Theaterkulisse erinnert. Freilich, jetzt sind alle historischen Bauten mit Stahlseilen festgezurrt, doch man braucht nicht viel Fantasie, um sich den Trubel von einst vorzustellen. „Das Problem ist hier, wie in allen anderen historischen Zentren, dass der Wiederaufbau besonders schwierig ist.“ Spiganti Maurizi rechnet mit mindestens 15 Jahren, bis alles so ist, wie es einst war. „Und wollen wir hoffen, dass es dann noch Einwohner gibt“, fügt er hinzu. Vor dem Erdbeben lebten in Visso 1.180 Menschen, jetzt sind es nur noch 900, von denen 80 Prozent weiter in Fertighäusern wohnen (müssen). Vor allem die Jungen ziehen ab.

Von der wunderschönen gotischen Basilika in Norcia steht nur mehr die Fassade. Mitten auf dem Platz erblickt man die Statue des Heiligen Benedikt. Sein Arm ist erhoben, und es scheint als würde auch er rügend auf die noch immer in Trümmern liegende Basilika weisen.

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