Chronik | Welt
31.08.2018

Ende der Zeitumstellung: „Vielleicht kommt ewiger Sommer“

Das ungeliebte Vor- und Zurückstellen der Uhren wird abgeschafft – aber erst frühestens ab 2020.

Den Anlass gaben eigentlich die Finnen. Zigtausende Europäer im höchsten Norden, dort, wo es die längste Zeit im Winter stockdunkel ist, wollten es eine Stunde länger hell haben. Und so drängten die Finnen ihre Regierung im Vorjahr mit einer Unterschriftenaktion: Helsinki möge doch bitte Brüssel dazu bewegen, das ewige Umstellen in der EU abzustellen und auf Sommerzeit umzusatteln.

Die jüngste EU-weite Umfrage bestätigte: Die Zeitumstellung muss weg, verlangten 4,6 Millionen EU-Bürger. „Die Menschen wollen das“, sagte gestern EU-Kommissionschef Jean-Claude-Juncker und verkündete: „Wir machen das.“ Der KURIER beantwortet die wichtigsten Fragen zum nahenden Ende der Zeitumstellung.

Ab wann ist es vorbei mit dem Vor- und Zurückstellen der Uhren?

Drei Mal mindestens, eher noch öfter, werden die Europäer ihre halbjährlichen Zeitsprünge machen müssen. Denn auch im Idealfall geht es nicht schneller: Die EU-Kommission muss einen Gesetzesvorschlag zur Abschaffung der Zeitumstellung vorlegen. Der Test könnte 2019 vom EU-Parlament und von den EU-Staaten abgenickt werden. 2020 oder auch erst 2021 könnte die Zeitumstellung in der EU dann endgültig Vergangenheit sein, kündigte EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc an.

Und dann? Haben wir dann immer Normalzeit oder immer Sommerzeit?

Das entscheidet nicht Brüssel, sondern diese Wahl treffen die Regierungen der EU-Staaten. Und zwar jede für sich – das könnte unter Umständen dazu führen, dass sich Nachbarstaaten für unterschiedliche Zeitzonen entscheiden. Etwa: Österreich Sommerzeit. Ungarn: Normalzeit. In Österreich liegt die Präferenz eindeutig bei der Sommerzeit. EU-Verkehrsminister Norbert Hofer zum KURIER: „Beim letzten informellen Infrastrukturministerrat war das Thema bereits auf der Agenda. Wir könnten im Dezember eine generelle Annäherung finden und schnell eine Lösung herbeiführen. Dann kommt vielleicht ewiger Sommer.“

Und was wollen die Österreicher?

In erster Linie einmal ein Ende der Zeitumstellung. Bei der EU-Online-Befragung forderten dies 77 Prozent der aus Österreich abgegebenen Stimmen. Bei der Frage nach Sommer- oder Normalzeit gab es eine klare Zustimmung zur dauerhaften Sommerzeit.

Droht uns dann in der EU ein europäischer Zeit-Fleckerlteppich?

Genau das soll verhindert werden, die Kommission wird nach einer möglichst EU-weiten Lösung suchen. Vorerst aber soll es einzelnen Staaten verboten sein, auf die Schnelle gleich einmal die Sommer- oder die Normalzeit einzuführen. Schon jetzt gibt es in der EU drei Zeitzonen. In Irland, Portugal und Großbritannien gilt die mittlere Greenwich-Zeit. In 17 EU-Staaten, darunter Österreich – die Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Und in acht weiteren Ländern im Osten oder Südosten Europas ist es noch eine Stunde später.

Was sollte der Nutzen der halbjährlichen Zeitumstellung gewesen sein?

Am Anfang stand die Überzeugung, mit der Regelung durch eine bessere Nutzung des Tageslichts Energie sparen zu können. Doch die erhofften Energieeinsparungen durch die Sommerzeit hat es nie gegeben. Deshalb fordert nun auch Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck die Abschaffung der Umstellung: „Sie ist auch nicht mehr von wirtschaftlichem Nutzen.“ Der Erste, der übrigens über die Sommerzeit sinniert, war der US-Politiker und Erfinder Benjamin Franklin. Er hatte bereits 1784 die Idee, dass man Energie sparen, also weniger Kerzen am Abend verbrauchen würde, wenn man im Sommer früher aufstünde. Umgesetzt wurde die Sommerzeit im Ersten Weltkrieg, danach aber gleich wieder abgeschafft. Österreich hat sie 1980 eingeführt. Seit 1996 gilt sie zwingend in allen Ländern der EU.

Werden wir jetzt alle gesünder – zumal die gesundheitlichen Beschwerden bei der halbjährlichen Zeitumstellung ausbleiben werden?

Wie mühsam es ist, sich Ende März, bei der jährlichen Umstellung auf Sommerzeit, eine Stunde früher aus dem Bett zu quälen, wird niemand bestreiten. Mehr Streit gibt es schon über die vermeintlichen und tatsächlichen gesundheitlichen Folgen der halbjährlichen Zeitsprünge. Zahlreiche Studien wurden verfasst: Solche, die belegen, dass es zu Schlafstörungen kommt, zu Herzrasen, zu Konzentrationsschwächen, zu erhöhter Müdigkeit und damit erhöhter Unfallgefahr.

Andere Studien wiederum konnten keine Beweise für nachhaltige gesundheitliche Folgewirkungen der Zeitumstellung nachweisen. Klagen aber gab es stets von den Landwirten: Jede Umstellung bringe Probleme und Stress mit sich. Die Kühe möchten jeden Tag zur gleichen Zeit gemolken werden.

 

  • Warum der Ortszeit die Stunde schlug

Sonnenstand:
Vor der Vereinheitlichung der Zeitbestimmung galt die Zeit des lokalen Ortes – gemessen am Stand der Sonne bzw. angezeigt durch eine Kirchturmuhr.

Eisenbahn:
Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes im 19. Jahrhundert mit Fahrplänen wurde es notwendig, Ortszeiten zu vereinheitlichen. Es galt erst die Eisenbahnzeit, später die Zonenzeit. 

Österreich-Ungarn:
Es galten zwei Einheitszeitzonen, Prager und Budapester Zeit.