Ein mutiges Experiment gegen Krise und Stagnation

© Maren Häußermann

Andalusien
03/01/2021

Der „Bitcoin“ aus der kleinen Stadt in Spaniens Süden

Mit Digitalgeld kämpft Lebrija in der Provinz Sevilla gegen die wirtschaftlichen Corona-Folgen.

Aus Andalusien von Maren Häussermann

Zwei Nonnen in braunen Gewändern überqueren mit eingehakten Armen den von Orangenbäumen eingerahmten Rathausvorplatz. In der Mitte steht der Bürgermeister und gibt ein TV-Interview. „Wir haben 360 Tage Sonne im Jahr“, flüstert seine Pressesprecherin, während der Nieselregen sich auf ihre schwarzen Locken legt.

Das Wetter ist nicht das einzig Außergewöhnliche in der südspanischen Kleinstadt Lebrija in diesem Spätwinter. Weiße Häuschen mit Flachdächern und maximal zwei Stockwerken reihen sich an die leeren Straßen. Gitter vor den Fenstern unterstreichen die Stimmung im Lockdown in der Provinz Sevilla in Andalusien.

Um 18 Uhr schließen die Geschäfte, um 22 Uhr ist Ausgangssperre. Hohe Corona-Fallzahlen drücken zusätzlich zum bewölkten Himmel aufs Gemüt.

Aber die 30.000-Einwohner-Stadt weist eine hohe Kreativität auf, um sich nicht unterkriegen zu lassen. Zum Jahreswechsel haben die Haushalte 10.000 Luftballons in Erinnerung an die Verstorbenen und mit Wünschen für das neue Jahr in den Himmel geschickt. Man ist stolz auf das lokale Mischbrot, das eine geschützte Herkunftsbezeichnung erhalten soll. Und um den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zu begegnen, hat der Gemeinderat Anfang des Jahres eine eigene Kryptowährung, den „Elio“, eingeführt. Elio Antonio de Nebrija ist der Erfinder der spanischen Grammatik.

Die Statue des Philologen

„Natürlich kenne ich den“, antwortet ein älterer Mann mit Baskenmütze und Weste auf die Frage nach dem Geld. Er hat sich aus der Gruppe Senioren gelöst, die vor einer Bank steht und plaudert. Lebrija ist seine Heimat und die des Philologen, nachdem das digitale Geld benannt ist und auf dessen Statue er nun mit einer Handbewegung verweist.

Von ihrem Sockel blickt die Figur des im 16. Jahrhundert Verstorbenen hinunter auf den 40-jährigen Bürgermeister Pepe Barroso, der seine Politik erklärt.

50 Prozent Rabat

„Das ist kein Protektionismus. Es geht um Kundenbindung, wie bei Gutscheinen, die man zum Einkauf erhält.“ Rund 600 Familien können ihre öffentlichen Hilfsgelder in Höhe von einmaligen 50 bis 200 Euro ausschließlich in lokalen Geschäften ausgeben. Mit dem „Elio“, welcher eins zu eins dem Euro entspricht, zahlen sie 50 Prozent des Preises. Die anderen 50 Prozent müssen sie in Euro bezahlen. So will man dem heimischen Handel in der Corona-Krise helfen.

Im Ranking der Länder der Eurozone hat Spanien am wenigsten öffentliche Gelder mobilisiert, um der Wirtschaftskrise zu begegnen. Gerade einmal 1,3 Prozent des BIPs hat die Regierung laut EZB eingesetzt. Österreich dagegen ist auf Platz zwei mit mehr als 6 Prozent. Vor allem an den Bekleidungsgeschäften hängen die Plakate mit der Elio-Ankündigung.

In der Boutique von Maria Jose haben schon sieben Leute mit dem digitalen Geld bezahlt. Das Rathaus habe die Besitzerin um die Weihnachtszeit angerufen und erklärt, wie das Ganze funktioniere. Bisher sei die Euro-Auszahlung noch nicht angekommen. Die Unternehmerin zeigt aber Verständnis und Dankbarkeit für die Initiative.

Lebrija lebt hauptsächlich von der Landwirtschaft und hat die Krise deshalb bisher nicht so sehr zu spüren bekommen wie die spanischen Tourismusziele an den Küsten und auf den Inseln. Marschland umgibt die Stadt und Felder auf denen Gemüse angebaut wird, Tomaten für die Ketchup-Produktion und Baumwolle. Trotzdem ist die Arbeitslosigkeit, wie überall in Andalusien, hoch. In Lebrija lag sie im Dezember 2020 bei 24 Prozent.

Mit der Kryptowährung versucht man nicht nur die Wirtschaft zu retten, sondern auch einen Schritt in die Zukunft zu gehen, denn durch den Elio kann die Lücke in der Digitalisierung geschlossen werden. Da der Elio nur per Handy ausgegeben werden kann, müssen ein Smartphone und eine Internetverbindung vorhanden sein.

Alles ist damit kontrollierbar

„Ich finde das problematisch. Es ist ein neuer Weg, die Leute zu kontrollieren“, sagt der Manager einer Gitarrenschule aus Katalonien, der zu einem Gitarristen-Wettbewerb angereist ist. „Um das Geld ausbezahlt zu bekommen, muss alles offiziell sein, aber für manche Betriebe ist die Barzahlung überlebensnotwendig.“

„Für uns lohnt sich das nicht“, sagt der Kellner der Taberna del Truji, der mit Maske unter der Corona-Schutzscheibe Kaffee nach draußen serviert. „Wir müssen jede Rechnung abfotografieren, in der App hochladen und auf Bestätigung warten, um die Elios in Euro ausbezahlt zu bekommen.“ In der nahen Markthalle sieht man das ähnlich, auch dort nimmt man weiter nur Bares.

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