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Deutschland
08/30/2020

Das Haus für heikle Fälle: Die Charité und ihre politischen Patienten

Die Berliner Charité ist eine Klinik mit wechselvoller Geschichte – und ein Ort, wo mutmaßlich vergiftete russische Oppositionelle gleichermaßen Hilfe suchen die deutsche Kanzlerin.

von Sandra Lumetsberger

Egal, wohin man in Berlin-Mitte auch hinsieht, man kommt nicht an ihm vorbei: Weiß wie der Kittel eines Mediziners sticht das 21 Stockwerke hohe Gebäude mit dem überdimensionalen Schriftzug hervor: Der Bettenturm der Charité ist längst zu einem der Wahrzeichen der Hauptstadt geworden.

Gleich mehrere Nobelpreisträger kommen aus dem Haus mit der mehr als 300 Jahre alten Geschichte, zu dem Kliniken und Institute in der ganzen Stadt gehören. Mit Spezialisten, die Astronauten vermessen, an Covid-19 forschen – wie der Virologe Christian Drosten – oder mutmaßlich vergiftete Dissidenten behandeln.

Seit gut einer Woche ist Kreml-Kritiker Alexej Nawalny, 44, in den Händen der Charité-Ärzte, nachdem ihm in Russland Gift verabreicht worden sein soll. Der Russe liegt im Koma und wird bewacht.

Fast geheime Patienten

Nawalny ist nicht der erste politische Patient, den man hier behandelt. Die Namensliste ist lang und wird selten publik. Sie reicht von Präsidenten, Regierungschefs über Minister, Diplomaten und gar Despoten bzw. deren Funktionäre. Behandelt wird hier jeder. Der Name der Charité – auf Deutsch Nächstenliebe – scheint zu verpflichten. So soll dort der irakische Ex-Präsident Dschalal Talabani bis zu seinem Tod 2017 behandelt worden sein, ebenso wie bei den Protesten auf dem Maidan verletzte ukrainische Aktivisten und Offiziere des mittlerweile verstorbenen libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi. Oder die Witwe des früheren nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-iI. So viel geht aus Medienberichten hervor, die Mediziner selbst schweigen über ihre Patienten.

Warum ausgerechnet hier? Die Klinik ist weder für Luxus noch für VIP-Stationen bekannt, aber sie belegt bei Rankings Spitzenplätze, was zum guten Ruf beiträgt, besonders im osteuropäischen und arabischen Raum. Sie zieht neben Politikern auch Geschäftsleute oder Mitglieder arabischer Königshäuser an. 2015 beschloss man mit Saudi-Arabien eine Kooperation zur Fachärzteausbildung. Zudem gibt es eine arabischsprachige Spezialambulanz.

Zu den erfolgreichen und spektakulären Geschichten – eine 65-Jährige brachte 2015 Vierlinge zur Welt – gehören auch weniger erfreuliche: Multiresistente Keime, überfordertes und unterbezahltes Personal lieferten Anlass für Schlagzeilen.
 

Das ist aber offenbar kein Grund für deutsche Spitzenpolitiker, die Klinik zu meiden. Der heutige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spendete dort seiner Frau Elke Büdenbender 2010 eine lebensnotwendige Niere. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel, über deren Krankenakte wenig bekannt ist, begab sich 2011 wegen einer Meniskus-Operation in die Charité, die Friedrich I. 1710 einst als Haus für Pestkranke gründete. Da diese ausblieb, nutzte man es für mittellose Ältere. Bis es als Universitätsklinikum zum Mittelpunkt der modernen Medizin avancierte. Die Entdeckungen von Robert Koch (Tuberkulose-Erreger), Emil von Behring und Paul Ehrlich (Heilung der Diphtherie) revolutionierten die Wissenschaft.

All das wurde in der gleichnamigen ARD-Serie nacherzählt, genauso wie die dunklen Kapitel: Von den Ressentiments gegenüber jüdischen Ärzten und deren Vertreibung.

Braune Flecken

An vielen Standorten der Charité und ihren Instituten wurden unter den Nazis Experimente mit Häftlingen, Menschen mit Behinderung oder Kindern durchgeführt. „Teile der Ärzteschaft und des pflegenden Personals folgten bereitwillig den Paradigmen des herrschenden Regimes“, erklärte der frühere Vorstand Karl Max Einhäupl anlässlich der Eröffnung des „GeDenkOrt. Charité“. Unter ihm wurde die Zeit nach 1945 sowie des Mauerbaus 1961 aufgearbeitet. Die Klinik war das Vorzeigekrankenhaus der DDR und gleichzeitig Einsatzort der Staatssicherheit (Stasi). 80 inoffizielle Mitarbeiter waren an der Klinik tätig, drei Stockwerke besetzte die Stasi, wie man im Buch von Medizinsoziologin Jutta Begenau („Staatssicherheit an der Charité“) erfährt.

Politische Mission

Obwohl das Krankenhaus im sozialistischen Staat mit Mängeln zu kämpfen hatte, sprach der ehemalige Vorstand Karl Max Einhäupl, der es nach der Wende übernahm, von einer herausragenden klinischen Qualität. Der Neurologe gehörte 2012 zu jenem Ärzte-Team, das die damals schwer erkrankte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko im Gefängnis behandeln durfte – eine politisch heikle Mission. Die deutschen Ärzte wurden damals offen angefeindet. Zudem verschärfte sich der Ton zwischen Kiew und Berlin, da die deutsche Regierung auf Timoschenkos Freilassung und Behandlung in Deutschland drängte. Erst 2014 konnte sie sich nach ihrer Haft in Berlin behandeln lassen – den Ärzten in der Ukraine misstraute sie.

Aus ähnlichen Gründen drängte die Familie von Alexej Nawalny auf seine Überstellung nach Deutschland. Sie fürchteten, dass die Ärzte in Sibirien, die keinen Verdacht auf eine Vergiftung feststellen konnten, unter politischem Druck stünden. Eine Empfehlung kam dann auch von Pjotr Wersilow. Das Mitglied der regierungskritischen Gruppe „Pussy Riot“ litt 2018 ebenfalls unter Vergiftungserscheinungen und war Patient.

Vier Standorte in Berlin

Zur Charité gehören rund 100 Kliniken und Institute, die auf vier Standorte verteilt sind: Campus Benjamin Franklin, Campus Berlin-Buch, Campus Charité Mitte und Campus Virchow-Klinikum. Insgesamt gibt es mehr als 3.000 Betten

Größtes Universitätsklinikum

15.500 Menschen arbeiten an der Charité, die Europas größtes Uniklinikum ist. Darunter: 4.454 Forschende und Ärzte, 4.553 Pflegekräfte, 912 Verwaltungsangestellte, 290 Professoren – aus insgesamt 111 Nationen

Internationale Rankings

2019 ernannten das US-Wochenmagazin „Newsweek“ und das Datenportal „Statista“ die Charité zum fünftbesten Krankenhaus der Welt – auf Basis von Empfehlungen von Ärzten, Spitalpersonal und Bewertungen von Patienten

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