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Chronik Welt
06/23/2020

Tönnies-Lockdown: Wut und Entsetzen bei den Betroffenen

Schwellenwert für Neuinfektionen auch in Nachbarregion überschritten, Lage spitzt sich zu.

Nach einem Corona-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies schränken die Behörden im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen das öffentliche Leben im Kreis Gütersloh massiv ein. Erstmals in Deutschland werde ein gesamter Kreis wegen des Corona-Infektionsgeschehens wieder auf die Schutzmaßnahmen zurückgeführt, die noch vor einigen Wochen gegolten hätten, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

Bei den Menschen vor Ort herrschen Entsetzen und Wut. „Wir hatten schon so viel Ärger durch den ersten Lockdown und jetzt soll das Ganze von vorne losgehen“, sagte Kai Drees aus Steinhagen im Kreis Gütersloh der Deutschen Presse-Agentur. Der Gütersloher Pfarrer Stefan Salzmann sprach von viel Unmut in der Bevölkerung: „Ich nehme viel Hilflosigkeit und Unzufriedenheit wahr“. Es gebe auch „eine große Wut, dass dieses System Tönnies so lange hat weitergehen können“, so der evangelische Pfarrer. Seine Gemeinde sei besorgt, weil es in Teilen der Bevölkerung schon eine erhitzte Stimmung gegen die Werksarbeiter gebe.

Anwalt Drees sorgt sich auch um seinen Sommerurlaub: „Wir haben schon im Frühjahr den Urlaub umbuchen müssen, weil wir eigentlich fliegen wollten“, so der 52-Jährige. „Jetzt soll es mit dem Auto nach Norderney gehen, aber wir haben von Leuten gehört, die nicht mehr dorthin fahren durften, weil sie aus dem Kreis Gütersloh kommen.“ Das verunsichere seine Familie und ihn.

Im Kreis Gütersloh handle es sich um das bisher "größte Infektionsgeschehen" in Deutschland, so Laschet (CDU). Beim Schlachtbetrieb des Marktführers im westfälischen Rheda-Wiedenbrück hatten sich mehr als 1.550 Beschäftigte nachweislich mit dem Coronavirus infiziert.

Der Lockdown gelte zunächst für eine Woche. Bis 30. Juni werde man dann mehr Klarheit haben, inwieweit sich das Virus womöglich auch bei Menschen, die nicht bei Tönnies arbeiten, ausgebreitet habe, sagte Laschet. Bisher gebe es hier nur 24 nachgewiesene Infektionen. Die Behörden werden die Tests in der Bevölkerung zudem massiv ausweiten, betonte der Regierungschef. Ein Ausreiseverbot für den Kreis besteht nicht. Fragen des Schadenersatzes gegen die Firma Tönnies könnten nach der Krise geprüft werden.

Mittlerweile ist auch der Nachbarkreis Warendorf vom Lockdown betroffen. Ab Donnerstag werden außerdem Schulen und KIndergärten im Kreisgebiet geschlossen.

Genau wie im Kreis Gütersloh gebe es Kontaktbeschränkungen, Sport in geschlossenen Räumen und zahlreiche Kulturveranstaltungen würden verboten. Das sagte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) am Dienstag.

Rund 7.000 Mitarbeiter stehen mitsamt ihren Familien seit einigen Tagen unter Quarantäne. Die Einhaltung der Quarantäne-Maßnahmen gestaltet sich aber schwierig. Die nordrhein-westfälische Landesregierung habe drei Einsatzhundertschaften der Polizei in den Kreis Gütersloh geschickt, sagte Laschet. Die Polizisten sollten die Quarantäne der Mitarbeiter von Tönnies kontrollieren. Laschet warf dem Branchenriesen indes mangelnde Kooperationsbereitschaft vor. Daher hätten die Behörden die Herausgabe von Daten der Werkarbeiter von Tönnies durchgesetzt.

Schulen und Kindertagesstätten im Landkreis Gütersloh mit rund 370.000 Einwohnern waren bereits zuvor geschlossen worden. Für die größte deutsche Fleischfabrik war zudem ein vorübergehender Produktionsstopp verhängt worden. Auch im benachbarten Kreis Warendorf werde es Einschränkungen geben.

Im Kreis Gütersloh werden Laschet zufolge nun unter anderem wieder Kontaktbeschränkungen eingeführt. Freizeitaktivitäten in geschlossenen Räumen sind nicht gestattet, Ausstellungen und Museen müssen schließen. Restaurants und Speisegaststätten können geöffnet bleiben, aber nur noch für Menschen aus einem Hausstand.

Warum es besonders in der Fleischindustrie vermehrt hohe Zahlen von Corona-Infizierten gibt, kann der Präsident des Robert Koch-Instituts noch nicht sagen. Lothar Wieler verwies bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Berlin zum einen auf die Wohnsituation der Arbeiter in der Fleischindustrie, aber auch auf die niedrigen Temperaturen in den Schlachthöfen. "Wir gehen davon aus, dass es 'sowohl... als auch' ist", sagte Wieler. In engen Wohnungen habe es das Virus einfacher. Niedrige Temperaturen, um das Fleisch zu kühlen, könnten bei der Übertragung ebenso eine Rolle spielen wie Aerosole, bei der über die Luft Stoffe übertragen werden.

Die Menschen in Deutschland müssten sich auch für die nächsten Monate auf ein Leben mit Einschränkungen einstellen. Man werde das Virus kontinuierlich im Land haben, lokale Ausbrüche werde es wohl weiter geben. "Das wird die neue Normalität sein für die nächsten Wochen und Monate", sagte Wieler. Optimistisch äußerte sich der RKI-Präsident bezüglich einer zweiten Infektionswelle: "Wir können eine zweite Welle verhindern." Die Zahl der Neuinfektionen liegt in Deutschland seit Wochen bei deutlich unter 1.000 pro Tag. Wegen lokaler Ausbrüche in Wohnblocks oder Schlachthöfen war die Zahl der akut Infizierten aber zuletzt nicht mehr gesunken und die Ansteckungsrate gestiegen.

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