Polizei sperrt Wohnhäuser in Verl ab

© APA/dpa/David Inderlied

Politik Ausland
06/21/2020

Fleischfabrik Tönnies: Flucht von Corona-Infizierten in Richtung Balkan befürchtet

Corona-Welle im deutschen Gütersloh. Schlachthof-Mitarbeiter bei Tönnies könnten unterwegs nach Südeuropa sein

von Ulrike Botzenhart

Armin Laschet will CDU-Chef werden – und Bundeskanzler von Deutschland. Doch bevor er an das Erbe von Angela Merkel denken kann, muss sich der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen (NRW) erst als unerschütterlicher Krisenfeuerwehrkommandant beweisen. Jetzt. In der akuten Corona-Krise mit Masseninfektionen im größten deutschen Schlachtbetrieb, Tönnies, wo sich Hunderte Mitarbeiter infiziert haben.

1.331 Infizierte bei Tönnies

Konkret: 6.139 Tests wurden gemacht, von 5.899 lagen am Sonntag die Ergebnisse vor. Und die haben es in sich: 1.331 Menschen sind infiziert. Während Hunderte zunächst gar keine Symptome zeigten, mussten am Sonntag 21 in den vier Krankenhäusern im Kreis Gütersloh behandelt werden. Sechs Menschen rangen auf der Intensivstation um ihr Leben, zwei wurden beatmet. Die Mediziner bereiten sich auf viele weitere Patienten vor.

Schwierige Kontrollen

Alle Tönnies-Mitarbeiter und ihre Angehörigen, so sie in NRW wohnen, stehen unter Quarantäne. Allerdings ist die Kontrolle schwierig – und auch lückenhaft. Daran ließ der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer, Enkel des legendären Bundeskanzlers Konrad Adenauer, keinen Zweifel. Mobile Teams seien dabei, die Unterkünfte der Tönnies-Mitarbeiter zu checken. „Sie werden schauen, ob Betten unbenutzt blieben.“

Das Problem: Die Arbeiter sind auf 1.300 Wohnungen verteilt, zum Teil weit voneinander entfernt.

Deutsche Medien berichteten denn auch von Gerüchten, wonach sich Rumänen und Bulgaren, die über Sub-Unternehmer bei Tönnies geschuftet haben, schon in Richtung Balkan abgesetzt haben sollen.

Fahrt durch Österreich?

Falls ja, dann führt sie ihr Weg wohl durch Österreich. Spezifische Grenzkontrollen zu Salzburg und Oberösterreich gab es laut Auskunft der zuständigen Behörden gegenüber dem KURIER am Sonntagnachmittag aber nicht.

Späte Absperrungen

Vielleicht wäre es zu diesem Zeitpunkt eh schon zu spät gewesen. Denn die Quarantäne gilt zwar seit Freitag, aber sie konnte offenbar nicht wirklich kontrolliert werden.

WAZ-Reporter Hubert Wolf erzählt, er habe am Samstag bei seinem Lokalaugenschein in einem Vorort von Verl, wo viele Tönnies-Arbeiter vor allem aus Bulgarien und Rumänien untergebracht sind, zunächst nur zwei Wachleute eines Privatdienstes vor den mehrstöckigen an sich gesperrten Wohnhäusern angetroffen. „Sie haben Grüppchen, die sich offenbar in Richtung eines kleinen Lebensmittelgeschäfts aufmachten, darauf hingewiesen, dass sie nicht raus dürfen – mit wechselndem Erfolg. Sie waren ja nur zu zweit“, erzählt Wolf.

„Erst gegen 16 Uhr änderte sich das Kräfteverhältnis“, schildert der Reporter dem KURIER. „Da erschienen plötzlich Polizei, Feuerwehr und Bauarbeiter, stellten Bauzäune auf und riegelten drei Straßen ab.“ In den bis zu sieben Stockwerken hohen Häusern wohnen Wolf zufolge 670 Werkvertragsarbeiter, darunter 370 bei Tönnies, die „mit den anderen Tür an Tür leben“.

Dolmetscher unterwegs

Jetzt ist das ganze Gebiet eine Quarantänezone – aber es gibt eben noch viele weitere Wohnungen ganz wo anders, die kontrolliert werden müssen. Eine Mega-Aufgabe. 300 Polizisten waren am Sonntag bereits im Einsatz, Hilfsorganisationen schnürten Pakete für die Eingeschlossenen, Dolmetscher machten sich auf den Weg, um die Menschen zu informieren und zu überzeugen, dass sie sich an die Regeln halten müssen.

Das sei das A und O, betonte Ministerpräsident Laschet und versicherte, „jegliches Personal zu organisieren, das gebraucht wird“. Der sichtlich angeschlagene CDU-Politiker schloss einen Lockdown für den Kreis Gütersloh zwar für die Zukunft nicht aus, derzeit sei er nicht notwendig.

Es war Laschet, der gegen die Bestrebungen von Kanzlerin Merkel mit dem Ende des Lockdowns in Deutschland vorgeprescht war. Ausgerechnet von seinem Bundesland könnte sich jetzt eine neue Corona-Welle quer durchs Land ausbreiten. Am Freitag beginnen im 18 Millionen Einwohner zählenden NRW die Sommerferien.

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