© Northwell Studios Photography

Reportage
03/27/2020

Corona-Epizentrum New York: Abschied nehmen über Skype

Mit mehr als 1.000 iPads und Tablets versucht Northwell Health im neuen Coronavirus-Epicenter New York Menschen kurz vor dem Tod zu helfen.

von Angelika Ahrens

„Das Wichtigste ist es jetzt, dass wir die Patienten mit iPads ausstatten, die nahe am Tod sind. Man muss ihnen damit helfen“, sagt Sven Gierlinger, Chef Experience Officer bei Northwell Health. „Das sind ganz schreckliche Geschichten, sie sprechen praktisch das letzte Mal mit ihrer Familie über Skype. In vielen Situationen, wenn sie am Beatmungsgerät hängen, können die Menschen ein Handy nicht mehr halten oder sich einloggen. Wenn sie größere Bildschirme haben, sehen sie alles besser. Die Familien zeigen dann noch Fotos und Filme von den Enkelkindern, schicken Botschaften.“ 

25 Videogespräche haben die Schwestern schon für die Patienten und Angehörigen allein in einem Krankenhaus gemacht. Eine Schwester erzählt: „Wir haben mit einer Tochter geskypt. Die Diagnose für ihre Mutter war schlecht. Sie hat es dann auch selbst gesehen. Ich gab ihr so viel Zeit sie wollte, damit sie ihr all das sagen konnte, was ihr wichtig war. Ich habe sie gefragt, ob ich für sie die Hand ihrer Mutter halten oder ihr über den Kopf und die Stirn streicheln soll während sie ihr sagt, dass sie sie liebt. Die Tochter war sehr dankbar. Das habe ich dann auch mit ihrem Bruder und der Mutter gemacht. Am nächsten Tag ist die Frau verstorben. So hat die Familie sie noch ein letztes Mal sehen können.“

Ein anderer Patient auf der Intensivstation bekam Sprachnachrichten von seinen Enkelkindern. Ein Mädchen wollte dem Opa noch etwas Spezielles mitteilen, nämlich, dass sie vor zwei Tagen Radfahren gelernt hat.“ 

"Jetzt bin ich im Krieg"

700 iPads werden gerade zugekauft, 300 Bildschirme hat der Online-Riese Amazon gespendet. Um das medizinische Personal so gut, wie möglich zu schützen, werden in 19 Krankenhäusern von Northwell Health Plexiglasscheiben um die Arbeitsplätze, die Servicezimmer der Schwestern aufgestellt. So, wie in den Supermärkten.

Mit iPads und Tabletcomputern sollen sie zudem schon bald mit den Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind, per Video sprechen können. „Jedes Mal, wenn sie in das Zimmer eines Patienten mit Coronavirus gehen, müssen sie neue Masken, Schutzanzüge anziehen und dann wieder ausziehen. Die Burn-rate von dem Protective Equipment wie wir sagen, ist sehr, sehr hoch. Wir haben zwar noch genug Vorräte, aber damit können wir sie so gut, wie möglich bewahren.“ Sven Gierlinger hat gerade selbst einen Freund und ehemaligen Arbeitskollegen durch das Coronavirus verloren. 41 Jahre alt, ohne Vorerkrankung.  

„Ich war nie beim Militär, aber jetzt bin ich im Krieg. Ich weiß nicht, wie die Ärzte und Krankenschwestern das machen. Sie riskieren ihr Leben, um das von anderen Menschen zu retten.“ Vor einem der Krankenhäuser machen Ärzte und Schwestern jeden Morgen eine gemeinsame Gebetseinheit, jeweils mit 1,5 Metern Sicherheitsabstand.

Ausbau steht bevor

Vor einem anderen Krankenhaus der Kette auf Staten Island hat ein Künstler mit großen Buchstaben das Wort THANK YOU aufgestellt. Ein großes Dankeschön, das die Schwestern und Ärzte unterstützen soll. Vor einer Woche hatte Northwell Health, der größte Krankenhausbetreiber im Bundesstaat New York, 250 positiv getestete Fälle. Jetzt sind es 1.250.  Davon sind 443 Menschen sind allein in den Northwell Krankenhäusern (Stand Donnerstagabend) an ein Beatmungsgerät angeschlossen. 443 Schicksale. Täglich sterben hier Menschen.

Um jeden einzelnen bis zuletzt so gut, wie möglich und so menschlich wie möglich zu betreuen, informieren vor jedem Krankenzimmer große Zettel, was der Patient gerne hat. Beispielsweise: Dass ein Patient seit 13 Jahren verheiratet ist, Pink Floyd, Grateful Dead und Yoga liebt. Und, dass ihm die Schwestern jeden Tag sagen sollen, dass seine Frau Rachel ihn liebt.

Die vorhandenen Beatmungsgeräte werden in den Krankenhäusern verteilt, je nachdem, wo gerade die größte Not ist. Northwell versorgt derzeit zehn Prozent aller Covid19-Patienten in den USA und 20 Prozent im Bundesstaat New York. „Wir kaufen jedes Beatmungsgerät, das wir kriegen können,“ sagt Gierlinger. Zudem würden sie Anästhesie-Geräte zu Beatmungsgeräten umbauen.

Überall werden die Kapazitäten derzeit aufgestockt. Ambulanzen werden umgerüstet. Auch andere Krankenhäuser bauen auf der Straße Zelte auf. Das riesige Javits-Messecenter wird derzeit ebenfalls zu einem Notfall-Krankenhaus für 1.000 Virus-Patienten umgebaut.