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Chronik Welt
08/05/2019

Barcelona leidet am Massentourismus

Hohe Preise, Lärm, Getümmel: Die Bewohner Barcelonas fühlen sich von Touristen erdrückt.

In knapp zwei Wochen jährt sich zum zweiten Mal das Attentat, bei dem auf Barcelonas berühmtester Flaniermeile, Las Ramblas, 16 Menschen brutal aus dem Leben gerissen wurden. Doch weder dieses heimtückische Verbrechen noch die politische Krise rund um das katalanische Unabhängigkeitsreferendum haben Barcelonas Anziehungskraft geschwächt.

Bereits im Vorjahr stieg die Zahl der Besucher um vier Prozent. Insgesamt kamen 2018 knapp 16 Millionen Besucher in die Stadt, deren Bevölkerung gerade einmal 1,6 Millionen beträgt. Zum Vergleich: Wien hat 1,8 Millionen Einwohner und wurde 2017 von rund sieben Millionen Touristen besucht.

Schlecht bezahlte Jobs

Der Tourismus ist ein mächtiger Wirtschaftsfaktor. Zehn bis zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts und etwa 13 Prozent der Jobs generiert die Branche.

Doch der wirtschaftliche Erfolg kann die Schattenseiten des Massentourismus für viele Bewohner der Stadt nicht mehr aufwiegen. „Die Jobs im Tourismus gehören zu den prekärsten und schlechtbezahltesten“, sagt Daniel Pardo von Asamblea de Barris per un Turisme Sostenible. Und das Gefühl, aus der eigenen Stadt verdrängt zu werden, ist darüber hinaus für immer mehr Bewohner Realität.

Der Tourismusboom ist mitverantwortlich für die stark steigenden Immobilienpreise. Die Mieten sind zwischen 2013 und 2018 um 36 Prozent gestiegen und haben einen historischen Höchststand erreicht.

Obwohl keine neuen Lizenzen für private Ferienwohnungen vergeben werden und die Stadtverwaltung der privaten Organisation Airbnb saftige Strafen verpasst hat, wird weiter illegal vermietet. „Das kontrolliert ja niemand“, beschwert sich die 71-jährige Esperanza.

Die Nachbarn sind weg

Die rüstige Katalanin lebt seit ihrer Geburt im Stadtteil Barceloneta. Das Viertel liegt direkt am Meer, was es bei den ausländischen Besuchern besonders beliebt macht.

„Der Tourismus hat das Viertel zerstört“, schimpft Esperanza. Die Leute seien weggezogen, die Alltagsgeschäfte verschwunden. „Weil alles so teuer geworden ist“, sagt sie. „Allein auf meiner Stiege gibt es nur noch zwei richtige Nachbarn. Der Rest sind Touristenwohnungen“, sagt sie weiter.

Vier Fünftel der anreisenden Touristen kommen mit dem Flugzeug an, weiß Mira Kapfinger von „Stay Grounded“, einem Zusammenschluss verschiedener Organisationen, der sich für die Reduzierung des Flugverkehrs einsetzt. „Fliegen ist nicht nur der schnellste Weg in die Klimakrise, sondern hat schädliche Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung, die durch den von Billigflügen angekurbelten Massentourismus aus ihren Nachbarschaften verdrängt werden oder unter Fluglärm leiden“ sagt die Österreicherin. Vor Kurzem ist sie von Wien nach Barcelona im Zug angereist, um an der Konferenz „Degrowth of Aviation“ teilzunehmen.

Der Fluglärm

Mit Fluglärm hat Elisabet Martinez Erfahrung. Seit fast 30 Jahren lebt sie in Gavá, einem kleinen Küstenort unmittelbar neben dem Flughafen. 1992 war das Jahr der Olympischen Spiele in Barcelona. Das war der Startschuss für die unaufhaltsame Erfolgsstory der Marke Barcelona. Das führte unweigerlich zur Flughafenausweitung. 2004 wurde eine dritte Piste in Betrieb genommen.

„Ich hatte Selbstmordgedanken, weil der Lärm unerträglich war“, sagt Martinez im Gespräch mit dem KURIER. Mit bis zu 110 Dezibel donnerten die Maschinen dicht über die Hausdächer hinweg. Erst eine Klage vor Gericht brachte den Flughafenbetreiber Aena dazu, die Flugrouten doch noch anzupassen.

Doch nun ist der Bau eines dritten Terminals im Gespräch. „Barcelona wird Opfer des eigenen Erfolgs“, stellt Martinez mit Bedauern fest.

- Linda Osusky