Hütten aus Bambus und Holz: 17 Quadratmeter für fünf bis sechs Personen

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Chronik Welt
06/18/2020

900.000 auf engstem Raum: Corona-Alarm im größten Flüchtlingscamp

In Bangladesch harren seit drei Jahren Hunderttausende Rohingya aus Myanmar aus. Abstandhalten ist ein Problem.

von Irene Thierjung

In Wien, dem am dichtesten besiedelten Bundesland Österreichs, wohnen 4.600 Menschen pro Quadratkilometer, im dünn besiedelten Kärnten sind es 59. In den Flüchtlingscamps von Cox’s Bazar in Bangladesch leben 40.000 Menschen pro Quadratkilometer – mehr als achtmal so viele wie in Wien.

Allein diese Zahl verdeutlicht, wie dramatisch die Lage für die insgesamt 890.000 Vertriebenen ist, die sich im Südosten des bitterarmen asiatischen Landes in 34 behelfsmäßigen Lagern drängen.

Die meisten harren hier seit fast drei Jahren aus, nachdem sie 2017 aus ihrem Heimatland Myanmar (früher Burma) fliehen mussten. Der Grund? Sie gehören der muslimischen Ethnie der Rohingya an, die in Myanmar seit Jahrzehnten diskriminiert wird.

Laut den Vereinten Nationen, deren Flüchtlingshilfswerk UNHCR am Donnerstag seinen Jahresbericht präsentiert, sind die Rohingya die „am stärksten verfolgte Minderheit der Welt“.

Die muslimischen Rohingya  werden in ihrer mehrheitlich buddhistischen Heimat Myanmar (Burma) verfolgt. Sie gelten nicht als Staatsbürger, dürfen u. a. nicht wählen und erhalten keine höhere Schulbildung. 2017 startete das Militär eine Offensive gegen die Rohingya, eine Million Menschen floh nach Bangladesch. In Cox’s Basar entstand das weltgrößte Flüchtlingscamp.

Als das Militär Myanmars im Sommer 2017 begann, massiv gegen die Rohingya vorzugehen und ganze Dörfer dem Erdboden gleichmachte, blieb knapp einer Million Menschen nichts anderes übrig, als ins benachbarte Bangladesch zu fliehen.

In Cox’s Bazar entstand das heute weltgrößte Flüchtlingslager. Die Menschen leben zu fünft bis sechst in Hütten aus Bambus, Holz und Plastikplanen, die rund 17 messen. Beim Monsunregen, der demnächst wieder beginnt, drohen diese Unterkünfte jedes Jahr aufs neue weggeschwemmt zu werden.

Erste Erkrankungen

Im heurigen Sommer droht den Flüchtlingen eine zusätzliche Gefahr: Das Coronavirus. Zwar wurden bisher erst 38 Infektionen in den Camps gezählt, zwei Erkrankte starben. Allerdings gerät die wichtigste Maßnahme gegen die Krankheit, die soziale Distanz, in Cox’s Bazar zu einer nahezu unlösbaren Aufgabe, wie der Vize-Länderdirektor von CARE Bangladesch, Ram Das, am Mittwoch schilderte.

Umso mehr kümmert sich die Hilfsorganisation um Aufklärung: Freiwillige besuchen Familien und übergeben Informationsmaterial, aber auch Seife. In Gesundheitsstationen können sich Menschen mit Symptomen testen lassen.

"Anhaltender Völkermord"

Anders als zu Beginn der Rohingya-Krise gibt es in den Camps heute – auch dank CARE – ausreichend Nahrungsmittel, Wasser und Müllentsorgung; informeller Unterricht findet statt.

Was fehlt, ist jegliche Perspektive: Zwar haben Myanmar und Bangladesch eine Rückkehr der Rohingya vereinbart, aus Angst vor neuerlicher Verfolgung scheuen die meisten Vertriebenen aber davor zurück. UN-Ermittler sprechen von „anhaltendem Völkermord“.

Myanmars Führung bestreitet das – auch de-facto Regierungschefin Aung San Suu Kyi, die für ihren Kampf gegen das Militärregime einst jahrelang unter Hausarrest stand und 1991 den Friedensnobelpreis erhielt.

CARE Österreich hilft vor Ort. Spendenmöglichkeit: care.at oder IBAN AT77 6000 0000 0123 6000