Chronik
16.05.2014

Waffendebatte nach Amoklauf des "Wilderers"

Dem KURIER liegt ein Gutachten vor, in dem von veralteter Polizei-Munition die Rede ist, die Huber nicht stoppte.

Österreichs Polizei verfügt über nicht mehr zeitgemäße "Soft-Munition". Der Amoklauf von Annaberg bricht erneut eine Debatte um den Ausrüstungsstand der Polizei und des Sondereinsatzkommandos Cobra vom Zaun. In dem 115 Seiten starken Gutachten zu dem Vierfachmord kommt der sachverständige Waffenexperte zu dem Schluss, dass es mit den eingesetzten Waffen und Projektilen trotz der Abgabe Dutzender Schüsse nicht möglich war, den amoklaufenden Wilderer zu stoppen.

Das brisante Gutachten des Schießsachverständigen Armin Zotter liegt seit dieser Woche bei der Evaluierungskommission des Innenministeriums auf dem Tisch. In dem Papier, das auch dem KURIER vorliegt, sind die Geschehnisse in der Tatnacht und die vier Morde minutiös aufgearbeitet. Der jahrelang als Wilderer gesuchte Alois Huber erschoss in Annaberg den Cobra-Beamten Roman B., die beiden Streifenpolizisten Manfred Daurer und Johann Ecker sowie den Rot-Kreuz-Sanitäter Johann Dorfwirth. Um Lehren aus der Horrornacht zu ziehen, wird der Tathergang von einer Kommission genau evaluiert. Der Ballistik-Sachverständige hat dafür in den vergangenen Monaten die Schusswechsel an den verschiedenen Tatorten genau rekonstruiert und seine Schlüsse daraus gezogen. Entgegen dem bisherigen Stand ist sich Zotter sicher, dass Huber neben einer "Glock 17"-Pistole und seinem Mauser Jagdgewehr auch eine militärische Version des Sturmgewehrs (STG-77) verwendete.

Fotobeweis

Von der Waffe und den Patronenhülsen fehlt bisher jede Spur, allerdings gaben die Polizisten an, auch mit Dauerfeuer beschossen worden zu sein. Als Beweis, dass es die Waffe tatsächlich gab, dient ein Foto, das Huber neben seinem Hund in Tarnausrüstung mit dem STG-77 zeigt. Auf dem Gewehr ist ein Fangsack montiert, was das Fehlen der Hülsen erklären würde. Laut dem Gutachten hatte Huber das Sturmgewehr in einem Waffendepot unter der Rückbank seines Toyota Hilux versteckt. Er nahm den zivilen VW-Touareg mit Roman B. und drei seiner Kollegen auch damit unter Beschuss. Im Kugelhagel zerschellte ein Projektil an einem Hauseck, wodurch der Cobra-Beamte von mehreren Splittern in die Lunge getroffen wurde. "Bereits eine stichfeste Schutzweste hätte ihm das Leben gerettet", so der Gutachter.

Dienstpistole

Als Huber später den Streifenwagen von Johann Ecker und Manfred Daurer unter Beschuss nahm, lag die schlagkräftige Maschinenpistole der Polizisten außer Reichweite auf der Rückbank. Daurer konnte gerade noch zehn Schüsse aus seiner Dienstpistole in Richtung Huber abgeben, bevor er starb. Ein Schuss streifte den Wilderer am Bauch, was ihn aber nicht daran hinderte, mit dem Polizeiwagen auf sein Anwesen zu flüchten. Laut dem Sachverständigen wäre dies bei einer "mannstoppenden" Deformations-Munition, wie sie die Polizei in Deutschland einsetzt, nicht mehr möglich gewesen. "Die Munition verbessere massiv die Handlungsunfähigkeit nach Streifschüssen".

Auch der Beschuss des gepanzerten BMW X5 der Cobra am Anwesen in Großpriel wäre für die Polizei fast ins Auge gegangen, ist in dem Papier zu lesen. Ein Treffer durchbrach beinahe die Windschutzscheibe des Wagens. Der Umstand, dass Huber ein schwaches Kaliber und "weiche Geschoße" verwendete, verhinderte ein fünftes Opfer.