Chronik
31.03.2018

Treffpunkt Wien: Carpaccio zum Carousel

Den Text für sein aktuelles Volksopernstück lernte Bariton Daniel Schmutzhard abends im Spumante

Künstler, die tagsüber zum Arbeiten ins Kaffeehaus gehen, sind nicht weiter ungewöhnlich. Weniger häufig sieht man indes Opernsänger des Abends bei Pizza oder Pasta Texte studieren. Genau das hat Bariton Daniel Schmutzhard über Wochen hinweg im Ristorante Spumante aber gemacht. „Ich wollte ja eh immer untertags lernen.“ Er grinst und nimmt eine Olive. „Aber zu Mittag war der Druck einfach noch nicht groß genug.“

Vor wenigen Tagen hat der KURIER den Musiker in der Mittagszeit in seinem Stammlokal in der Gersthofer Straße getroffen. Beim Eintreten fällt der Blick auf die frischen Fische, die in der Vitrine auf Eis gebettet sind. Auf die italienischen Weine, die dicht aneinandergereiht auf der Theke stehen. Im Hintergrund laufen Italo-Klassiker wie „Felicità“.

Dabei ist der Lokalbesitzer selbst kein Italiener. Ramazan Türk kam vor 30 Jahren von der Türkei nach Österreich und hat genauso lange Erfahrung in der Gastronomie. Das Spumante hat er vergangenen Sommer übernommen, den Fokus aber auf der mediterranen Küche belassen, auf Meeresfrüchten, Pasta und Pizza. Daniel Schmutzhard entscheidet sich diesmal für eine Pizza di Carpaccio.

Musical mit Tragik

Einstudiert hat Schmutzhard hier übrigens die Rolle des Karussell-Ausrufers Billy Bigelow im Musical „Carousel“. Am Ostersonntag war er in dieser Rolle letztmalig in dieser Saison auf der Volksopernbühne stehen, das Stück selbst wird noch bis Ende April gezeigt.

„Musicals gelten als leichtere Kost. Aber hier ist Molnárs Liliom die Vorlage. Es ost alles andere als ein Happy-Peppi-Musical, es ist tragisch bis zum Schluss. Aber genau das ist das Herausfordernde.“

Herausforderung, die braucht der 35-Jährige auch regelmäßig. „Ich habe einmal 20 Mal hintereinander ,Die Zauberflöte’ gespielt. Da sehnte ich mich dann schon nach Abwechslung.“ Mitunter führt seine Abwechslungslust allerdings auch zu kritischen Momenten – etwa bei seinem Debütauftritt an der Oper Frankfurt. Drei Monate vor seinem Antritt als festes Ensemblemitglied wurde er gefragt, ob er als Dr. Falke in der Fledermaus einspringen könnte.

Was ihm bei der Zusage nicht bewusst war: Die Textfassung war völlig anders, als die, die er aus Wien kannte. „Im Endeffekt hatte ich einen Tag Zeit, um mir alles einzuverleiben“, sagt er, während die Kellnerin die Pizza mit Rindercarpaccio, Grana und Rucola serviert. „Selbst die Regieassistentin war am Vormittag noch überzeugt, dass das eine Katastrophe wird.“ Er lacht. „Und ich hab mir nur gedacht, was bin ich für ein Trottel.“ Aber bei der Aufführung war er so klar und fokussiert, dass er keinen einzigen Wortdreher hatte. „Ich brauche eben den Druck.“ Das war schon in der Schule so.

Fußball statt Joseph

Als Kind war die Sängerkarriere noch nicht unbedingt absehbar. „Nun gut“, räumt der Tiroler ein, „ich war bei den Wiltener Sängerknaben“, er komme aus einer musikalischen Familie und seine Eltern hätten viele Opern-Schallplatten. Aber es habe keinen Fanatismus gegeben.

„Auch mein erstes Musical habe ich nur so am Rande verfolgt. Das war während der Wien-Woche. Wir haben „Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat“ gesehen. Aber der FC Tirol hat zur gleichen Zeit ein unglaublich wichtiges Spiel gehabt. Also hab ich mit dem Walkman der Live-Übertragung mehr zugehört als der Musik. Und ich hab dann so laut gejubelt, wie noch nie im Theater.“ Er lacht und spießt ein Stück Pizza auf. „Weil der FC Tirol tatsächlich gewonnen hat.“

Überzeugt war er von Musicals lange nicht. Kurz hat er deshalb auch gezögert, als ihm die Rolle des Billy angeboten wurde. Heute ist er froh, dass er sie angenommen hat. Denn sie hat ihm gezeigt, wie spannend das Genre ist.