Bergstürze: Frühwarnsystem für ganz Österreich wird aufgebaut

Felssturz Vals
Veränderungen im alpinen Gelände sollen unter anderem mithilfe von Satellitendaten frühzeitig erkannt, Gefahrenhotspots ausgemacht werden.

Wenn auf den Bergen etwas ins Rutschen kommt, können die Ausmaße gewaltig sein. Das hat sich auf dramatische Art und Weise im vergangenen Mai im Schweizer Bergdorf Blatten gezeigt, das unter einer Schutt- und Eislawine begraben wurde, nachdem ein großer Teil des darüberliegenden Gletschers unter der Last eines Bergsturzes ins Tal donnerte.

In Österreich ist ein derartiges Szenario zwar ausgeschlossen. Zu weit sind Siedlungen von den schwindenden Gletschern entfernt. Aber Beispiele von großen Massenbewegungen in den heimischen Bergen gibt es in den vergangenen Jahren zahlreiche. Und sie passieren mitunter völlig überraschend.

Das Risiko wird größer

„Der Klimawandel erhöht das Risiko seltener, aber großräumiger Naturereignisse im Alpenraum", warnte Umweltminister Norbert Totschnig (ÖVP) am Donnerstag bei einer Pressekonferenz am Innsbrucker Hausberg Patscherkofel und erinnerte gleich an mehrere Ereignisse der jüngeren Vergangenheit:

Etwa an jene riesige Mure im Ausmaß von 1,5 Millionen Kubikmetern, die 2023 im Salzburger Pinzgau nach einem Starkregenereignis in Höhe von über 3.000 Metern Höhe am Pilatuskar abgegangen war. Im selben Jahr war im Vorarlberger Hörbranz ein Siedlungsgebiet von einer Hangrutschung betroffen. Mehrere Häuser waren danach unbewohnbar.

Totschnig sieht Österreich zwar im Schutz vor Naturgefahren grundsätzlich gut aufgestellt. "Aber für die frühzeitliche Erkennung von großen Massenbewegungen gibt es bis jetzt kein einheitliches, bundesweit abgestimmtes, System", so der Minister. Das soll sich mit Beginn dieses Jahres nun ändern. 

Sitz in Innsbruck

Bis 2030 soll im Zuge des Aktionsprogramms "GeoMonitorAT" ein flächendeckendes Überwachungssystem mit Sitz in Innsbruck aufgebaut werden.

Es gelte, "jede Veränderung der Topographie unseres Landes frühzeitig zu erkennen", erklärte Tirols Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) - nicht nur mit Blick auf Siedlungsgebiet, sondern auch hinsichtlich von Gefahren in den von Einheimischen und Gästen intensiv genutzten Naturräumen in den Bergen.

Wie groß das Gefahrenpotenzial ist, zeigen auch zwei Ereignisse in Tirol, mit denen zuvor niemand gerechnet hatte. Am 24. Dezember 2017 grenzte es an ein Weihnachtswunder, dass es keine Toten oder Verletzte gab, als ein riesiger Felssturz die Landesstraße in den Weiler Vals verschüttete, nachdem sie kurz zuvor von Kirchgängern benutzt wurde.

Berg 19 Meter kleiner

Und ausgerechnet in Mattles Heimatgemeinde Galtür gingen 2023 eine Million Kubikmeter Gestein vom Fluchthorn ab, das seither um 19 Meter niedriger ist.

"Jedes einzelne Ereignis vorab zu erkennen, wird uns nicht gelingen", stellt Michael Mölk klar. Beim Leiter des Fachzentrums Geologie der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) laufen die Fäden des aufzubauenden Geomonitoringprogramms zusammen. 

Genutzt werden dafür unter anderem Satellitendaten der europäischen Raumfahrtorganisation ESA, die an sich bereits kostenlos verfügbar sind. Einzelen Bundesländer seien bereits Schritte gegangen, um damit das alpine Gelände zu überwachen. Nun will man aber einen gesamthaften Blick erhalten. "Nicht alle sollen das Rad erfinden", so Mölk.

Hotspots erkennen

Sein Ziel: "Wir wollen Hotspots identifizeren können." Diese Gefahrenstellen würden nach dem Prinzip eines Ampelsystems bewertet und dann genauer unter die Lupe genommen. Im Zuge des Projekts, das vorerst aus bestehenden Mitteln des Umweltministeriums finanziert wird, gibt es auch eine intensive Zusammenarbeit mit der Wissenschaft.

Die müsse versuchen, die Wechselwirkungen zu verstehen, die in Zeiten des Klimawandels zu diesen großen Bergstürzen und Murenabgängen führen, sagt Gebirgsforscherin Margreth Keiler von der Universität Innsbruck und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 

"Österreich hat sich seit 1900 um 3,1 Grad erwärmt. Das hat Auswirkungen auf diese Naturgefahrenprozess. Wir haben intensivere Niederschläge", so Keiler. Und Wasser wie Temperatuen seien entscheidende Faktoren, die zu solchen Ereignissen führen können.

"Der österreichische Sachstandsbericht zum Klimawandel 2025 hat die Dringlichkeit des Monitorings hervorgehoben und zeigt, wie notwendig ein gemeinsamer, richtungsweisender Beitrag zur Klimawandelanpassung ist“, begrüßt die Forscherin das nun gestartete Projekt. 

Das sieht vor, dass bis 2030 unter anderem ein nationales Inventar für große Massenbewegungen, aber auch eine nationale Gefahren- und Risikoanalyse erstellt weren soll. Laut Mattle wird es aber auch darum gehen, wie man Gefahren kommuniziert, "ohne dass große Panik ausbricht."

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