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Nach 10 Jahren Forschung: Graz lüftet Geheimnis der Straßennamen

Historikerkommission suchte nach der Geschichte hinter personenbezogenen Bezeichnungen. Die Ergebnisse sind digitalisiert und auf einer Online-Stadtkarte abrufbar.
Drei Frauen stehen vor dem Straßenschild „Aigner-Rollett-Allee“ in Graz.

Zusammenfassung

  • In Graz sind rund 800 der 1.700 öffentlichen Verkehrsflächen nach Personen benannt, davon 737 nach Männern und etwas mehr als 60 nach Frauen.
  • Seit 2021 werden belastete Straßennamen, insbesondere mit NS-Bezug, zunehmend durch Namen engagierter Frauen ersetzt.
  • Eine Historikerkommission stufte zwölf Prozent der personenbezogenen Straßennamen als bedenklich ein; die Ergebnisse sind online einsehbar.

Historikerin Barbara Stelzl-Marx war selbst neugierig und suchte nach dem Namenspatron jener Straße, in der sich das von ihr geleitete Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in Graz befindet: die Liebiggasse.

1.600 Seiten voller Straßennamen

Justus von Liebig war deutscher Chemiker und lebte im 19. Jahrhundert. "Der Erfinder des Backpulvers und des Babybreis", wusste Stelzl-Marx nach dem Nachschlagen in einem 1.600 Seiten dicken Buch, der Langfassung des Berichts einer Historikerkommission über Grazer Straßennamen.

Rund 1.700 öffentliche Verkehrsflächen gibt es in der steirischen Landeshauptstadt, knapp 800 davon sind nach Personen benannt. "737 nach Männern, etwas mehr als 60 nach Frauen", zählt Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne) auf.

Belastete Namen verschwinden

Viele weibliche Namen kamen erst seit 2021 zum Zug, 15 bisher. Das hat zum Teil mit den Umbenennungen zu tun: Bezeichnungen, deren Namenspatron eine belastete Vergangenheit hatte, etwa führend im NS-Regime war oder ausgewiesener Antisemit, verschwinden zusehends aus dem Stadtbild.

Sie werden durch Namen engagierter Frauen ersetzt, bisher waren das fünf:

  • Max-Mell-Allee in Aigner-Rollet-Allee (Oktavia Aigner-Rollett, promovierte 1905 als zweite Frau an der medizinischen Fakultät; erste Medizinerin, die in Graz eine Arztpraxis eröffnete).
  • Dr.-Muck-Anlage in Ella-Fesch-Platz (Ella Fesch, Sopranistin, musste 1938 vor den Nationalsozialisten flüchten).
  • Kernstockgasse in Maria-Stromberger-Gasse (Maria Stromberger, half als Krankenschwester im Konzentrationslager Inhaftierten, bekannt als "Engel von Auschwitz").
  • Hans-Kloepfer-Straße in Julia-Pongracic-Straße (Julia Pongracic, Widerstandskämpferin, von der SS am 3. April 1945 ermordet).
  • Dr.-Karl-Lueger-Straße in Maria-Matzner-Straße (Maria Matzner, Widerstandskämpferin; 1950 SPÖ-Landesrätin in der Steiermark und die erste Frau in einer österreichischen Landesregierung).

Im Juni kommt noch der Rosa-Wartinger-Weg statt des Hermann-Gmeiner-Wegs dazu (Rosa Wartinger, ausgebildete Sozialarbeiterin, später erste Frau bei der Grazer Kriminalpolizei).

2014 begann die Arbeit der Kommission unter der Leitung von Uni-Professor Stefan Karner, 2019 übernahm Stelzl-Marx.  Es dauerte bis 2023, die Geschichte zu allen personenbezogenen Bezeichnungen zu erforschen, erinnert sich Karner. "Das war Knochenarbeit. Wir haben eigentlich damals keine Erfahrung gehabt, wie geht man so etwas an?"

Zwölf Prozent der Namen "bedenklich"

In Auftrag gegeben wurde die Untersuchung unter dem damaligen ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl, um ursächlich herauszufinden, wie viele Bezeichnungen als belastet einzustufen seien. Zwölf Prozent stufte die Kommission als "bedenklich" ein, die ÖVP-FPÖ-Stadtregierung entschied sich aber gegen Umbenennungen und für Zusatztafeln - allerdings gleich für alle personenbezogenen Flächen.

Der seit Ende 2021 regierenden Koalition aus KPÖ, Grünen und SPÖ war das zu wenig. Sie entschloss sich in Fall sehr belasteter Namen eben auch für Umbenennungen.

Forschung per Mausklick

Bei den Hunderten Zusatztafeln blieb es aber; mit ihrer Aufstellung sei die Stadt "fast fertig", betont Elke Achleitner, Leiterin des Stadtvermessungsamtes. Zusätzlich wurde der gesamte Bericht der Kommission digitalisiert und auch auf eine Online-Stadtkarte übertragen: Jeder Interessierte kann nun per Mausklick die Geschichte hinter seiner Adresse nachlesen.  

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