Chronik | Österreich
23.03.2018

Problem mit Straßennamen: Kriegstreiber, Hetzer, Antisemiten

Stadt Graz ließ Straßen auf Hintergrund ihrer Namensgeber prüfen: Zwölf Prozent der Benennungen sind historisch bedenklich.

Hans Pfitzner, Max Mell, Walter Semetkowski. Drei Männer mit Gemeinsamkeiten: Nach ihnen wurden Straßen in Graz benannt und sie waren ausgewiesene Nazis.

Pfitznergasse, Max-Mell-Allee und Walter-Semetkowski-Weg sind nur drei von insgesamt 82 Straßenbenennungen in Graz , die eine Historikerkommission als bedenklich einstuft. Gemessen an 707 öffentlichen Verkehrsflächen, die nach Personen benannt wurden, ist das ein Anteil von rund zwölf Prozent. 20 dieser Benennungen betrachtet Kommissionsleiter Stefan Karner als „sehr problematisch“: „Bei den Personen geht es um mehr als bloße Mitgliedschaften bei totalitären Organisationen. Das sind Menschen, die extrem aktiv waren, rassistisch und antisemitisch.“

Lange Liste

Die Kommission arbeitete fast vier Jahre lang und tauchte tiefer in die Materie ein. Nicht nur Proponenten von NS-Regime oder Austrofaschismus wurden durchleuchtet, sondern auch Benennungen nach wesentlich älteren Männern. Eine nach Conrad von Hötzendorf benannte Einfallsstraße nach Graz sehen Karner und seine Historikerkollegen ebenfalls als kritisch an: Der 1852 geborene General gilt nach moderner Forschung als antisemitischer Kriegstreiber, dem Teilschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zugerechnet wird.

Auf der Liste der besonders bedenklichen Namensgebungen stehen auch die Dr.-Karl-Lueger-Straße, benannt nach dem bekannt antisemitischen Wiener Bürgermeister, die Dr. Muck-Anlage (Karl Muck war Dirigent und trat bereits in den 1920er Jahren betont antisemitisch auf) sowie die Luigi-Kasimir-Gasse (nach dem Krieg mehrfach wegen Bereicherung im NS-Regime verurteilt) oder die Kernstockgasse, benannt nach dem deutschnationalen Dichter Ottokar Kernstock.

1000 Seiten dick ist der Abschlussbericht der Kommission, den Bürgermeister Siegfried Nagl „breit diskutieren“ will. „Mit der Politik, aber auch mit den Bürgern.“ Noch heuer, im Gedenkjahr 2018, soll aber entschieden werden, was mit den 82 betroffenen Straßen passiert. Es gäbe mehrere Möglichkeiten: Völlig neu benennen; die Namen belassen, aber Zusatztafeln anbringen, künstlerisch aufarbeiten oder breite Information bei Stadtführungen sowie im Internet anbieten.

Jetzt folgen Denkmäler

Noch lässt sich Nagl aber nicht entlocken, was er bevorzugt. „Ich schließe gar nichts aus. Es kann auch zu Umbenennungen kommen.“ Der Bericht und die Konsequ enzen sollen im Gemeinderat diskutiert werden, Nagl wünscht sich auch ein Bürgerbeteiligungsmodell. „Wichtig ist, dass wir gemeinsam einen Weg finden, wie wir mit dem umgehen.“ Der nächste Schritt ist schon geplant: Die Denkmäler in der Stadt sollen ebenfalls „kritisch beleuchtet und hinterfragt“ werden, kündigt der ÖVP-Stadtchef an.