Dass Sänger Kurt Cobain verewigt wurde ist  eine humorvolle, aber  illegale Aktion.

© Elisabeth Holzer

Steiermark
04/11/2014

Kritischer Blick auf alte Namen

Eine Expertenkommission nimmt Grazer Straßenbenennungen unter die Lupe.

von Elisabeth Holzer

Es dürfte wohl das am meisten geknipste Straßenschild von Graz sein: Die Kurt-Cobain-Gasse im Bezirk Gries. Ein Komitee, das anonym bleiben möchte, hat es im Gedenken an den Sänger aufgehängt und die eigentliche Kernstock-Gasse überdeckt.

Hinter der humorvollen aber illegalen Neu-Benennung einer wenige hundert Meter langen Gasse in Graz steckt ein ernstes Thema. Nach langen Debatten über Straßenbezeichnungen, deren Namensgeber dem Nationalsozialismus verhaftet oder antisemitisch waren, wurde im Gemeinderat eine Kommission eingerichtet: Sie soll prüfen, welche Straßennamen kritisch sind, ob sie umbenannt werden sollen oder Zusatztafeln reichen.

Aus dem Büro des Bürgermeisters Siegfried Nagl, ÖVP, heißt es, dass man dem Team so viel Zeit einräumen werde, wie es brauche. Ein Rahmen sei aber eine vergleichbare Wiener Arbeit, die gut zwei Jahre dauerte. Die Grazer Expertenrunde ist mit 14 Mitgliedern eine sehr große und großteils mit bekannten Historikern besetzt, den Vorsitz hat Uni-Professor Stefan Karner. Ihr Arbeitspensum ist umfangreich: Sämtliche personenbezogene Straßen- und Platznamen sollen überprüft werden.

Hakenkreuz-Lied

Lange schon haben Kritiker Straßen im Visier, die etwa Namen eines Ottokar Kernstocks, dem Verfasser des Hakenkreuzliedes, oder Friedrich Ludwig Jahns, dem "Turnvater", tragen. Jüngst flammte die Diskussion über Conrad von Hötzendorf auf: Die zwei Kilometer lange Einfallstraße von einem Autobahnknoten bis fast zur Innenstadt wurde nach einem General des Kaiserzeit bebannt. In der Forschung gilt er heute aber als antisemitischer Kriegstreiber, der zumindest Teilschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte.

Die Kommission wird sich kniffligen Fragen stellen müssen. "Die Frage ist, was ist gangbar und was nicht?". überlegt Heimo Halbrainer, Leiter des Geschichtsvereins Clio. "Wie weit geht man zurück? Soll man zum Beispiel auch über einen Herrn Luther reden, der ja genug Antisemitisches geschrieben hat?"

Der Historiker schätzt, dass letztlich zehn bis zwanzig verdächtige Namen zur Diskussion stehen werden. "Die Frage ist dann: Umbenennen, Zusatztafel aufhängen?" Das oststeirische Gleisdorf machte es vor: Nach langer Diskussion wurde die Fritz-Knoll-Gasse, benannt nach einem ausgewiesenen Nazi, in Josefa-Posch-Straße geändert. Poschs Vater und sie versteckten Juden in ihrem Haus, dafür wurden von Israel unter die "Gerechten der Völker" aufgenommen.

In Graz wird allerdings auch schon vor den Kosten für Unternehmer und Anrainer gewarnt, die Neubenennungen haben könnten, von Visitenkarten bis zu Versicherungspolizzen. Die Wirtschaftskammer kam zum Ergebnis, dass allein ein neuer Name für die Conrad-von-Hötzendorf Straße 560.000 Euro Folgekosten für Anrainer und Unternehmer hätte.

Zurück in die Cobain-Gasse. Sie wird vorerst wieder Kernstockgasse heißen: "Das Schild muss weg und wird abgenommen", heißt es aus dem Rathaus.

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