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An der Macht im Grazer Rathaus: 135 Männer – und eine Frau

An der Stadtspitze waren Frauen lange Zeit kaum vertreten. Die erste Vizebürgermeisterin kam 1992, die erste Bürgermeisterin 2021.
Das Grazer Rathaus von außen.

Bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts reicht die Liste der Grazer Bürgermeister – bis Elke Kahr Ende 2021 ins Amt kam, war Gendern unnötig: Seit der Kür Wolfgang Steirers zum ersten Stadtchef im Jahr 1446 hatte er ausschließlich männliche Nachfolger.

135 insgesamt, KPÖ-Stadtchefin Kahr ist die erste Frau an der Stadtspitze und Nummer 136 in der Nachfolge des Herrn Steirer.

Die derzeit noch regierende Stadtspitze – am 28. Juni wird in Graz wieder gewählt – stellt die maskulin dominierte Geschichte allerdings gerade auf den Kopf.

Komplett weibliche Führungsriege

Die Bürgermeisterin hat eine weibliche Stellvertreterin, Judith Schwentner (Grüne); so eine Konstellation gab es bis dahin noch nie in einer österreichischen Landeshauptstadt. Und da die Grazer SPÖ, die mit KPÖ und Grünen zusammenarbeitet, seit März 2023 mit Doris Kampus eine Stadtparteiobfrau hat, ist die Führungsriege der Koalition nun komplett weiblich.

Die Pionierinnen

Auch die Vizebürgermeister waren bis November 1992 ausschließlich Männer. Nach dem überraschenden Tod des amtierenden Vizestadtchefs Erich Edegger kehrte die frühere Stadträtin und damalige Umweltministerin Ruth Feldgrill-Zankel als Vizebürgermeisterin nach Graz zurück.

Sie war die erste Frau in dem Amt und zudem auch die erste Stadtparteiobfrau der ÖVP – sie blieb bisher übrigens auch die einzige Parteichefin der Grazer Schwarzen.

Die erste "Frau Stadträtin"

Als Bürgermeister-Stellvertreterin blieb Feldgrill-Zankel bis 1997, bereits in ihrer Zeit im Stadtsenat (1987 bis 1991) führte sie bewusst die weibliche Form des Amtstitels: Als "Frau Stadträtin" statt "Frau Stadtrat" tituliert zu werden, war zu dieser Zeit nicht üblich.

Insgesamt hatte Graz nach der ÖVP-Politikerin drei Vizebürgermeisterinnen: Lisa Rücker (März 2008 bis Jänner 2013) war die erste Grüne im Amt, später folgte Martina Schröck (Jänner 2013 bis April 2016) von der SPÖ. Auch Elke Kahr war kurzzeitig Vize, und zwar ab 2016 knapp ein Jahr lang.

Die erste Frau im Stadtsenat

Als Pionierin gilt aber Anna Puschnik (SPÖ): Sie kam 1968 als erste Frau in die Stadtregierung und war unter anderem für Kultur, Gesundheit und Sport zuständig.

Auch ihre Arbeit in der Stadtregierung war pionierhaft: So gehen die Etablierung von Ärztenotdienst und Tierärztenotdienst auf sie zurück, ebenso die Familienberatungsstelle oder die ersten "Bücherbusse". Konzerte oder Aufführungen auf den Kasematten am Schloßberg, heute eine nicht wegzudenkende Spielstätte, sind ebenfalls Puschniks Initiative zu verdanken.

Deutlich weiblicher

Seit 1982 gab es immerhin keine Regierungsperiode, in der nicht zumindest eine Frau im Stadtsenat vertreten war. Ende 1982 avancierte Richarda Kotal (SPÖ) zur Stadträtin, sie übernahm einen vakant gewordenen Sitz eines Mannes und blieb bis zu den Wahlen 1983 die einzige Frau im damals neunköpfigen Gremium, später saßen zwei, manchmal drei Frauen im Stadtsenat.

"Andere Bilder entstehen"

In der aktuellen Stadtregierung – sie hat nur noch sieben Mitglieder – haben Frauen die Mehrheit: Neben Kahr und Schwentner sind mit Claudia Unger (ÖVP) und Claudia Schönbacher (KFG) zwei weitere Stadträtinnen im Amt.

Die Stadtpolitik ist somit nach außen hin deutlich sichtbar weiblicher geworden, ein Fakt, auf den schon die frisch gekürte Vizebürgermeisterin Schwentner Ende 2021 hinwies: "Wir waren gewohnt, nur Männer auf den Bildern zu sehen. Jetzt werden andere Bilder entstehen."

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