Graz-Wahl: Wo der unberechenbare Wähler wohnt
Stadt Graz baut Park&Ride-Anlagen aus (Symbolbild)
Rund 225.000 Wahlberechtigte – inklusive EU-Bürger – wären ein schöner Testlauf für andere Wahlen, das Ergebnis deutlicher als jede Meinungsumfrage. Allerdings: Sobald Graz im Spiel ist, hat es sich mit der Vergleichbarkeit.
So bleiben die Gemeinderatswahlen am 28. Juni, was sie seit Jahrzehnten sind – ein Sonderfall, aus dem weder für den Bund noch für das Bundesland Trends ablesbar sind. Das liegt an der Konstellation der in Graz etablierten Parteien, die es in der Form anderswo nicht gibt.
Die Ausgangslage: 18 Jahre lang führte die ÖVP in Graz, davor ebenso lang die SPÖ. 2003 kam der Aufstieg der KPÖ in den Stadtsenat, der vor allem Ernest Kaltenegger zuzuschreiben ist: Er besetzte Themen wie Mieten und Wohnen, die Schwarz und Rot zu lange ignoriert hatten. Seit 1945 war die KPÖ zudem ununterbrochen im Gemeinderat vertreten; in Graz ist sie trotz der belasteten Historie der Partei etabliert, ein Faktor, der oft übersehen wird. 2021 überholten die Kommunisten, zuvor schon zweitstärkste Fraktion, die ÖVP.
Aktuelle Prognosen: Die aktuellste Umfrage ließ die Kleine Zeitung in Auftrag geben, allerdings ist die Anzahl der Befragten (615) klein, die Schwankungsbreite mit vier Prozent entsprechend groß. Demnach würde die KPÖ bei 31 Prozent landen und gegenüber 2021 noch ausbauen, die ÖVP und FPÖ würden mit 20 bzw. 18 Prozent um den zweiten Platz rittern. Die Grünen kämen auf 15 Prozent, SPÖ und Neos auf je 8 Prozent.
In Graz sind seit Ende 2021 zwei Frauen an der Spitze, Bürgermeisterin Elke Kahr (KPÖ) und Vize Judith Schwentner (Grüne), Unterstützung kommt von der SPÖ.
Die Wechselwähler: Die Menschen in der steirischen Landeshauptstadt neigen dazu, bei Wahlen gegen den Strom zu schwimmen. Meinungsforscher sagen oft, Graz sei ein Horror, weil einfach nicht gut vorhersagbar. Ein Blick auf die jüngere Wahlgeschichte bestätigt: Bei den Landtagswahlen 2024 siegte die FPÖ im Bundesland, aber im links regierten Graz hatten wiederum die Schwarzen die Nase vorn. Bei den Nationalratswahlen 2024 wählten die Grazerinnen und Grazer die SPÖ auf den ersten Platz, gefolgt von ÖVP und FPÖ – bei den Gemeinderatswahlen 2021 reichte es für die SPÖ nur für Platz 5.
Faktor Elke K.: Gäbe es in Graz eine Direktwahl von Bürgermeistern, Elke Kahr käme auf 40 Prozent, das ergaben Umfragen. Im Sommer 2025 entschied sie, wieder anzutreten und bemüht sich seither, ihren von Beobachtern erwartenden neuerlichen Wahlerfolg als nicht fix darzustellen, um nicht gar zu siegessicher zu wirken.
Die Opposition: In Graz gilt das Proporzprinzip, alle Parteien ab einer gewissen Stärke sind in der Stadtregierung. Ein Arbeitsübereinkommen haben aber KPÖ, Grüne und SPÖ geschlossen, an der Spitze steht mit Elke Kahr und Judith Schwentner (Grüne) als Vizestadtchefin ein Frauenduo. Jene Parteien, die seit mehr als einem Jahr das Bundesland regieren – Blau und Schwarz – bilden die Opposition. ÖVP-Stadtparteichef Kurt Hohensinner tritt heuer erstmals als Spitzenkandidat an, ebenso René Apfelknab für die FPÖ: Die Stadtblauen zerbröselten ja nach einer Spesenaffäre, in der die Staatsanwaltschaft seit viereinhalb Jahren ermittelt.
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