Chronik | Österreich
03.06.2018

Zwischen Armut und Luxus: Was uns Essen wert ist

Zwei Schokopizzen um einen Euro oder ein Bio-Kistl um 25 Euro: Wie ernähren sich Österreich Familien und warum?

Es ist ein idyllisches Bild: Kurz nach der Morgendämmerung führt Stefan Perner seine Kühe aus dem Stall auf die saftig-grüne Weide, wo sie zufrieden grasen. Perner ist ein kleiner Milchbauer mit 18 Kühen im Salzburger Lungau. Sie leben im Sommer auf der Weide und bekommen auch im Winter nur Futter aus der Region. Die Milch, die daraus entsteht, kostet zwei Euro, weit mehr als die billigsten Konkurrenzprodukte in den Supermarktregalen. Trotzdem kann Perner von seiner Milch nicht leben – er bietet auch Urlaub in seiner Idylle an.

Perners Dilemma lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Das Nahrungsmittel hat nie etwas kosten dürfen“, sagt er. „Das ist sehr schade, weil wenn man sich das Wort Lebensmittel sich auf der Zunge zergehen lässt, weiß man, wie wichtig das ist – und es sollte auch einen gewissen Stellenwert haben.“

Die Aussage Perners lässt sich auch in Zahlen gießen: Durchschnittlich werden in Österreich nur noch 11,8 Prozent der Haushaltsausgaben für Lebensmittel aufgewendet – während es in den Fünfzigern noch 45 Prozent waren. Anderes ist wichtiger geworden. „Es ist einfach so, dass Lebensmittel nichts kosten sollen, damit für die Konsumgesellschaft das Geld für andere Sachen frei bleibt, für das Paar Ski oder den Sommerurlaub“, sagt Perner.

Sowohl Ljiliana, eine alleinerziehende Mutter, die im Sozialmarkt einkaufen muss (Artikel siehe hier) als auch Familie Schrei, die sehr bewusst isst (Artikel siehe hier), sind Ausnahmen; sie beschäftigen sich sehr intensiv mit dem Preis und mit dem Wert ihres Essens, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Ljiliana, weil sie genau darauf achten muss, wieviel Geld sie für Lebensmittel ausgibt und ausgeben kann. Laut der Armutskonferenz ist es vor allem der Zugang zu frischem Obst und Gemüse, der Menschen fehlt, die wenig Einkommen zur Verfügung haben.

Das führt in den industrialisierten Staaten zu einem zunächst absurd wirkenden Phänomen: Jene, denen nicht viel Einkommen zur Verfügung steht, neigen eher zu Übergewicht als jene, die viel Geld haben. Laut einer US-Studie aus dem Jahr 2006 führt Armut zu einem 50 Prozent höheren Risiko für Übergewicht.

Das ist nur auf den ersten Blick ein Widerspruch: Eine Studie der University of Cambridge kam 2014 zu dem Ergebnis, dass als gesund eingestufte Lebensmittel im Schnitt drei Mal so teuer waren wie Junk Food. Es ist also schlicht billiger, sich ungesund zu ernähren. Ljiana bekommt zwei Schokopizzen um einen Euro, während Familie Schrei für ein Bio-Kistl 25 bezahlt – für sie ist es eine bewusste Entscheidung, mehr Geld für Essen auszugeben.

 

Wer es sich leisten kann, hat mit der Entscheidung, zu welchen Lebensmitteln er greift, eine enorme Macht. Einkaufen sei „ein politischer Akt“, sagt auch Milchbauer Perner. „Da entscheide ich mit, wie die Zukunft ausschaut.“

Der Preis bestimmt, was Bauern wie Stefan Perner bleibt. Er legt fest, wie es den Tieren geht, die letzten Endes am Teller landen. Welche Zutaten in einem Produkt landen. Woher sie kommen, wer sie erzeugt, welche Qualität sie haben.

Schlicht: Was uns essen wert ist. Mit dem Preis und Wert von Lebensmitteln beschäftigt sich der KURIER im Rahmen der Serie „Besser essen“.

Lesen Sie morgen: Welche Folgen billige Lebensmittel für die Landwirtschaft haben.