Zeitungen für Austro-Türken werden konservativer, islamischer

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Foto: Kurier Titelseite der Yeni Hareket

So wie viele Austro-Türken orientieren sich deren Zeitungen verstärkt an ihrem Ursprungsland.

Yetkin Bülbül kam Mitte der Achtzigerjahre nach Österreich. In Istanbul hatte er sein Studium der Politikwissenschaft abgeschlossen, in Wien arbeitete er als Taxifahrer – klassisch überqualifiziert. Es traf sich gut, dass im Jahr 2003 eine Gruppe türkischer Studenten genau nach jemandem wie Bülbül suchte. Sie waren frisch aus der Türkei nach Österreich gezogen, trugen Kopftuch und statt zu wilden Studentenpartys gingen sie in die Moschee. Sie wollten eine Zeitung gründen, von Türken für Türken in Österreich. Bülbül sollte seine guten Kontakte in die Community einbringen.

So entstand im Jahr 2003 Yeni Hareket. Der Name bedeutet übersetzt "Neue Bewegung“, inspiriert von der "Welle von Studenten, die damals aus der Türkei nach Österreich gekommen sind“, sagt Bülbül. Seine Zeitung ist heute die Speerspitze einer hierzulande wachsenden Zahl von islamisch-konservativen Medien.

In Österreich leben rund 300.000 Menschen mit türkischen Wurzeln. Ein guter Teil davon kann aufgrund der Sprachbarriere mit den klassischen heimischen Medien wenig anfangen. In den vergangenen 15 Jahren sind deshalb mehr als ein Dutzend türkischsprachiger Zeitungen aus dem Boden geschossen. Für viele sind die Blätter eine wesentliche Quelle für Nachrichten über Österreich. Doch wie die Community ist auch die türkische Medienlandschaft einem Wandel unterworfen: Säkulare Blätter stehen einer zunehmenden Zahl von religiös-konservativen Zeitungen gegenüber.
Der größte Teil davon wird in türkischen Vereinslokalen, Restaurants, Supermärkten oder Moscheen kostenlos verteilt.

Integration als Ziel

Die Player am Markt heißen Yeni Vatan ("Neue Heimat"), Öneri ("Vorschlag"), Haber Journal ("Nachrichtenmagazin"), Actüel Haber ("Aktuelle Nachrichten"), Ajans ("Agentur"), Pusula ("Kompass") oder Avusturya Günlügü ("Tagesjournal Österreich"). Der größte Teil davon wird gratis verteilt, in türkischen Vereinslokalen, Restaurants, Supermärkten oder Moscheen. Gemeinsam haben Die Zeitungen auch, dass sie sich überwiegend mit Inseraten finanzieren, meist von türkischen Unternehmen.

"Den türkischen Printmedien geht es im Allgemeinen darum, Migranten dazu zu motivieren, die Geschehnisse in Österreich zu verfolgen und das Zugehörigkeitsgefühl zu stärken", sagt die österreichische Journalistin und Turkologin Aysun Bayizitlioglu. Integration mag das gemeinsame Ziel der türkischsprachigen Zeitungen sein. Nicht ganz nebenbei konkurrieren die Blätter auch um die Meinungshoheit in der Community. Die Trennlinien verlaufen zwischen konservativ und liberal, politisch-religiös und säkular.

Zentralorgan des Verfassungspatriotismus

vatan.JPG Foto: Yeni Vatan Die 1999 gegründete Monatszeitung Yeni Vatan ("Neue Heimat“) beansprucht den Titel der ältesten und größten türkischsprachigen Zeitung für sich. Die Blattlinie ist dezidiert säkular. "Ich bin nicht gegen Religion, aber in erster Linie ein säkularer, verfassungspatriotischer Österreicher, der für Demokratie, Frauenrechte und freie Meinungsäußerung eintritt“, sagt der Gründer und Herausgeber Birol Kilic, dessen Neue Welt Verlag hinterYeni Vatan steht. Seine Zeitung wird von einer mehrköpfigen Redaktion produziert. Die Auflage von 50.000 Stück laut eigenen Angaben wird per Post verschickt und liegt gratis in Geschäften und Vereinslokalen auf. Das Geschäftsmodell wurde von den anderen Zeitungen zum Vorbild genommen. Ab der Jahrtausendwende setzte am türkischsprachigen Zeitungsmarkt ein regelrechtes Gründerfieber ein. Nicht unbedingt zur Freude von Birol Kilic.

Tankstellen in der Wüste

"Durch unqualitative Zeitungsmacherei wurde der Markt verwässert", sagt er. "Das schadet der Glaubwürdigkeit." Für den Wildwuchs sieht er zwei Ursachen. Erstens sei es Ende der Neunziger durch den technologischen Fortschritt schlicht einfacher und günstiger geworden, Zeitungen zu produzieren. Zweitens habe die Unternehmermentalität vieler türkischstämmiger Österreicher zum Boom beigetragen. "Türken haben die Eigenschaft, als Unternehmer geboren zu sein“, sagt Kilic. "Man kann das auch so sehen: Ein Türke gründet mitten in der Wüste eine Tankstelle. Der nächste Türke baut gleich daneben seine eigene.“

Darunter leide mitunter die Qualität. Viele der Zeitungen seien wenig mehr als Ein-Mann-Unternehmungen. "Man müsse die Spreu vom Weizen trennen“, sagt Kilic. "Es gibt einen Unterschied zwischen einer glaubwürdigen Zeitung ohne Parteinähe und denen, die den Beruf dazu verwenden, die Agenden von Parteien oder religiösen Gruppen zu verbreiten.“

Verlängerte Arme in den Moscheen

Der Einfluss der Religion habe für die Gründung von Yeni Vatan den Ausschlag gegeben, noch bevor die islamisch-konservativen Blätter auftauchten, sagt Kilic. Die in der Community zunehmende Vermischung von Religion und Politik gab ursprünglich auch den Impuls für die Gründung der Zeitung. "Ich habe Ende der Neunziger gesehen, wie ein politisierter Glaube nach Österreich importiert wird“, sagt Kilic. "Dass unsere Gemeinde missbraucht wird und Moscheen keine wirklichen Moscheen sind, sondern verlängerte Arme von reaktionären politischen Gruppierungen in der Türkei. Da habe ich gesagt, ich gründe eine Zeitung.“

Die Entwicklung hat in den vergangen Jahren eher zu- als abgenommen. "Seitdem die AKP in der Türkei in der Regierung sitzt, werden die türkischen Migranten in Österreich und auch in Europa von Jahr zu Jahr konservativer“, sagt die Expertin Asyun Bayizitlioglu. "Diese Entwicklung wirkt sich natürlich auch auf die Zeitungen aus.“

Ähnlich sieht das Alev Korun, Nationalratsabgeordnete der Grünen, die die politische Entwicklung am türkischen Zeitungsmarkt seit Jahren verfolgt. Zwar gebe es auch linke Medien, die von linken Türken und Kurden geführt werden. "Aber der Großteil der Printmedien ist konservativ, manche religiös und manche eindeutig Pro-AKP.“

Mit den Pro-Erdoğan Demonstrationen in Wien sind auch die hiesigen Zeitungen in den Fokus der Politik geraten. Die Wiener NEOS forderten vergangenen Juli im KURIER den Stopp von Förderungen für türkisch-nationalistische Organisationen, sei es direkt oder über Inserate. Explizit genannt wurde Yeni Hareket, jenes Blatt, das der Ex-Taxifahrer Yetkin Bülbül einst mit den türkischen Studenten gründete.

Keinen Groschen von der AKP

Wer in Wien nach Erdoğan-freundlichen türkischen Medien fragt, erhält als erste Antwort meist Yeni Hareket. Die Zeitung ist mittlerweile auch über die türkische Community hinaus bekannt. Als im Frühjahr 2015 das neue Islamgesetz beschlossen werden sollte, berichtete Yeni Hareket als erstes österreichisches Medium, dass türkische Vereine gegen das Gesetz vor den Verfassungsgerichtshof ziehen würden.

Nicht zum ersten Mal hatte es die Zeitung damit auf die große Bühne geschafft. Umso erstaunlicher, dass es sich praktisch um eine One-Man-Show handelt. Yetkin Bülbül schreibt fast alle Texte selbst. Sein Sohn hilft neben seinem Studium ein wenig mit. Eine Woche pro Monat kommt der Grafiker. Drei Helfer verteilen die Auflage von monatlich 15.000 Stück in türkischen Lokalen und Vereinen, hauptsächlich in Wien und Umgebung.

"Erdoğan ist kein Diktator"

Yetkin Bülbül ist Herausgeber, Chefredakteur und Reporter in Personalunion. Er kennt die Vorwürfe, besonders AKP-freundlich zu berichten. „Ich bin kein Parteianhänger. Wenn es Grund zu Kritik gibt, dann kritisieren wir auch die Türkei. Aber wenn Erdoğan etwas Gutes macht, dann sage ich es und unterstütze das auch“, sagt Bülbül. In Österreich verstehe man vieles falsch. "Erdoğan ist kein Diktator. Es ist nicht kriminell, Erdogan zu wählen. Das sind demokratische Wahlen und die AKP ist eine legale Partei.“

IMG_8821.JPG Foto: Kurier Yeni Hareket würde von der AKP oder staatlichen Stellen in der Türkei kein Geld erhalten, sagt Bülbül. "Wir bekommen seit 13 Jahren keinen Groschen Förderung, weder in Österreich noch aus der Türkei.“ Die Stadt Wien schalte ab und zu Inserate, "ein- bis zweimal im Jahr“. Laut Impressum ist Bülbül als Einzelunternehmer der alleinige Medieninhaber der Zeitung.

"Wir sind nicht Charlie“

In der türkischen Medienlandschaft besetzt Yeni Hareket den konservativen Flügel. Die Blattlinie "Islamisch-konservativ“ definiert sich für Bülbül vor allem auch dadurch, "nichts gegen den Islam zu schreiben“. Nach dem Terroranschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt titelte Bülbül auf der ersten Seite mit "Wir sind nicht Charlie!“. Nicht, weil man für Terror sei ("Wir verurteilen jede Art von Terror“), sondern, weil die Karikaturen des Satiremagazins eine "Beleidigung unserer Religion sind“.

Als Provokation will er die Schlagzeile nicht verstanden wissen. "Warum provokativ? Ich bin anderer Meinung. Wir sind gegen den Terror, aber auch gegen diese Karikaturisten. Die sind provokativ.“

Verjüngung auf Deutsch

Mit seiner Blattlinie hat sich Bülbül eine treue Leserschaft aufgebaut. Doch die Branche steht durch das allgegenwärtige türkische Satelliten-TV unter Druck. Mehrere Zeitungen, auch konservative, bieten daher vermehrt Beilagen auf Deutsch an. Ziel ist die Verjüngung der Leserschaft: "Die jüngeren Generationen sprechen schon besser Deutsch als Türkisch“, sagt die Turkologin Aysun Bayizitlioglu. Das gelte vor allem für die zweite Generation. Bei den noch Jüngeren sei wiederum das Phänomen zu beobachten, dass die Deutschkenntnisse etwas abnehmen, weil das türkische Fernsehen dominant geworden ist. "Die Zeitungen wollen daher mit ihren zweisprachigen Beilagen auch die fehlenden Grammatik-Kenntnisse von Jugendlichen verbessern."

Die liberale Monatszeitung Actüel etwa publiziert seit Anfang des Jahres pro Ausgabe vier Seiten auf Deutsch. Es ist ein Pilotprojekt. Das erste Resümee sei positiv, sagt Eda Ünal, die bei Actüel unter anderem für das Marketing zuständig ist. "Es kommt an, das merkt man an den guten Rückmeldungen, vor allem von österreichischen Unternehmen."

Der Trend geht dahin, auch Österreicher für Migrantenthemen zu gewinnen. Alev Korun glaubt, dass es umgekehrt nicht sonderlich gut geklappt hat. Die deutschsprachigen Medien spielen in den türkischen Gemeinden eine verhältnismäßig geringe Rolle: "Es hätte Bedarf gegeben“, sagt Korun. "Aber Sorgen und Anliegen in den türkeistämmigen Communitys sind in den Medien jahrelang nirgends vorgekommen und wenn, dann meistens im negativen Kontext. Da wurde relativ viel verpasst, fürchte ich.“

(kurier) Erstellt am
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