© REUTERS/ANDREW BOYERS

Chronik Österreich
10/06/2021

Wohnzimmer statt Klasse: Illegalen Schulen auf der Spur

Corona brachte drei Mal mehr Eltern dazu, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten. Es mehren sich Fälle nicht erlaubter Lerngruppen.

von Elisabeth Holzer, Anja Kröll

Für exakt 7.515 Kinder in Österreich ersetzt heuer das Wohnzimmer der Eltern die Klasse. Diese hohe Anzahl ist Experten zufolge der Corona-Pandemie zuzuschreiben: Üblicherweise gab es sonst 2.400 bis 2.600 Abmeldungen pro Jahr -  somit hat sich die Anzahl der Kinder im Heimunterricht verdreifacht.

Das ist legal. In Österreich gibt es keine Schulpflicht, sondern eine Unterrichtspflicht bis zur 9. Schulstufe Kinder können also auch zu Hause unterrichtet werden. Eltern müssen das bloß der Bildungsdirektion melden. Sie kann die Zustimmung verweigern, aber nur wenn „anzunehmen ist, dass die Gleichwertigkeit des Unterrichts nicht gegeben ist“.

Und in einem weiteren Fall, nämlich bei der Bildung illegaler Lerngruppen: Da träfe dann zu, wenn die Kinder nicht zu Hause von ihren eigenen Eltern unterrichtet werden, sondern beispielsweise bei einer befreundeten Familie. Das wäre als Privatschule klassifiziert, die ohne Genehmigung illegal ist, es drohen Verwaltungsstrafen. Die Tiroler Bildungsdirektion untersagte aus dem Grund vier Antragsstellern den Hausunterricht von zehn Kindern, die Betroffenen beriefen dagegen und bekamen recht: Das Bundesverwaltungsgericht hob die Untersagung auf und befand, die Bildungsdirektion müsse sich das genauer anschauen. In Tirol gibt es derzeit vier Verdachtsfälle auf illegale Lerngruppen, die Erhebungen laufen wie in Vorarlberg, wo die Gründung einer illegalen Privatschule angezeigt wurde. Auch im Bezirk Grieskirchen in Oberösterreich gab es bereits eine Anzeige, laut Bildungsdirektion habe man mehrere Lerngruppen unter Beobachtung.

Schattenschule flog auf

In Villach in Kärnten flog vor zwei Wochen sogar eine illegale Schule auf. Seither gab es zwei weitere Kontrollen in dem Gebäude, Hinweise auf einen andauernden Schulbetrieb wurden nicht gefunden. Betrieben wurde die Schule von einem Verein, dessen Mitglieder „früher im Zusammenhang mit Anti-Corona-Maßnahmen-Aktivitäten agiert haben“, so Alfred Winkler vom Magistrat Villach. Die Personen könnten der Querdenker-Szene zugerechnet werden. Ob die Schule verlegt wurde, sei laut Winkler nicht bekannt.

Die hohe Anzahl an Abmeldungen alarmierte auch Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP). Er erließ vor kurzem Regeln, unter anderem ist am Ende des ersten Heimsemesters ein „Reflexionsgespräch“ mit den Eltern vorgesehen. Außerdem weisen die Bildungsdirektionen ein Institut für die Externistenprüfung zu.

Häuslicher Unterricht
Österreichweit wurden heuer 7.515 Kinder für den häuslichen Unterricht angemeldet, im Vorjahr waren es dagegen nur rund 2.600. Die Verteilung sah zu Schulbeginn so aus:  Burgenland 285,  Kärnten 452, Niederösterreich 2.049, Oberösterreich 1.427, Salzburg 406, Steiermark 1.130, Tirol 543,  Vorarlberg 353 und Wien 870

Rechtliche Grundlagen
In Österreich  gilt Unterrichtspflicht bis zur 9. Schulstufe – und nicht, wie landläufig ausgedrückt, Schulpflicht.
Kinder können somit auch zu Hause von den Erziehungsberechtigten oder in Privatschulen ohne Öffentlichkeitsrecht  unterrichtet werden, müssen  dann aber  an einem regulären Bildungsinstitut eine sogenannte Externistenprüfung ablegen

Dem Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) geht dies nicht weit genug: Er fordert als Frist zur Abmeldung mindestens zwei Monate vor Schulbeginn, derzeit ist dies bis zum letzten Ferientag möglich. Zudem soll es ein verpflichtendes Beratungsgespräch geben, in dem Eltern ihren Qualifikation für den Hausunterricht vorlegen.

Die Rückkehr in die Klasse ist trotz Abmeldung jederzeit möglich, das ist bisher aber nur selten passiert: Von den in Salzburg gemeldeten Fällen wurden 13 revidiert. In der Steiermark gab es laut Bildungsdirektion unter rund 1.100 Abmeldungen „eine geringe Zahl“ an Rücknahmen.

Generell hoffen Bildungsreferenten, dass dieses Rückkehrrecht in Anspruch genommen wird. „Die beste Form ist Präsenzunterricht im gewohnten Schulumfeld mit professioneller, pädagogischer Unterstützung“, sagt die niederösterreichische Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister (ÖVP). „Im häuslichen Unterricht sind Eltern und Kinder ganz auf sich allein gestellt.“

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