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Chronik Österreich
06/19/2020

Wo ist der "böse Wolf" geblieben?

In Salzburg will man ein Raubtier töten, das gar nicht mehr da ist und in Niederösterreich sind anscheinend zwei Rudel verschwunden.

von Patrick Wammerl, Petra Stacher, Matthias Nagl

Das Ersturteil ist gefällt, doch der Adressat ist verschwunden. Diese Woche stellte die Bezirkshauptmannschaft St. Johann im Pongau den Bescheid zur „Entnahme“ eines Wolfes aus.

Etwas salopper formuliert: Der Wolf mit dem DNA-Genotyp 59MATK wurde zum Abschuss freigegeben. Das Tier ist aber quasi untergetaucht, österreichweit den letzten DNA-Nachweis dieses Tieres gab es bereits vergangenen Jänner im Gasteiner Tal. Im Juni und Juli 2019 hatte der Wolf 24 Schafe gerissen und vier weitere verletzt, woraufhin eine Agrargenossenschaft den Entnahmeantrag stellte.

Bis zu einem rechtskräftigen Urteil hätte 59MATK aber ohnehin nichts zu befürchten. Und bis dahin kann es dauern. Zwei Naturschutzorganisationen haben bereits einen Einspruch angekündigt. „Ich denke, dass das bis zum Europäischen Gerichtshof gehen wird“, sagt Hubert Stock, Wolfsbeauftragter des Landes Salzburg.

Gutachten empfiehlt nicht den Abschuss

Am Freitag meldeten sich die beiden entgegengesetzten Pole in der Debatte zu Wort. Die Landwirtschaftskammer begrüßt den Bescheid, bemängelt aber die Verfahrensdauer: „Aufwendige Verfahren dieser Art sind nicht geeignet, um rasch reagieren zu können.“ Der WWF sieht „große inhaltliche Schwächen“ im Bescheid. Schließlich meldete sich auch Gutachter Klaus Hackländer von der Universität für Bodenkultur zu Wort: „Mein Gutachten empfiehlt nicht den Abschuss als erste Wahl, sondern den Fang, die Besenderung und die Vergrämung des besagten Wolfs.“ Der Bescheid wird nun jedenfalls vom Landesverwaltungsgericht Salzburg überprüft werden.

Auch in Oberösterreich beschäftigen die sagenumwobenen Raubtiere die Politik. In der Landtagssitzung am Donnerstag hat man mehrstimmig eine Resolution verabschiedet: Diese zielt darauf ab, im Umgang mit den Tieren mehr Spielraum zu bekommen. Laut Antragseinbringer Josef Rathgeb (ÖVP) umfasst die Resolution deshalb mehrere Punkte: Künftig soll die Population der Wölfe nicht nationalstaatlich, sondern EU-weit betrachtet werden, da auch die Tiere vor Staatsgrenzen nicht Halt machen. Zudem solle der Schutzstatus eine Stufe nach unten gesetzt werden.

30 bis 35 Wölfe leben aktuell in Österreich. Diese Zahl, die die Tier- und Naturschutzorganisation WWF vor wenigen Tagen veröffentlichte, beruht auf Sichtungen, DNA-Nachweisen und der Auswertung von Wildkameras und Fotofallen.

Nachgewiesen wurden zuletzt drei Rudel, alle davon hielten sich in Niederösterreich auf. Eines am Truppenübungsplatz in Allentsteig, zwei weitere im Raum Harmanschlag im Bezirk Gmünd und Gutenbrunn (Bezirk Zwettl). Für ein viertes Rudel im Bereich von Vorderweißenbach an der oberösterreichisch-tschechischen Grenze (Bezirk Urfahr-Umgebung) gibt es zwar Indizien, aber keinen stichhaltigen Nachweis. Dazu kommen 14 durch DNA-Treffer bestätigte Einzelwölfe. Insgesamt sind aus dem Vorjahr 103 Risse von Schafen durch Wölfe dokumentiert, weshalb der WWF für stärkere Herdenschutzmaßnahmen eintritt. Noch mutet die Zahl der in Österreich beheimateten Tiere aber harmlos gegen den Bestand in unseren Nachbarländern an.

In Deutschland wird die Population auf beispielsweise 400 bis 500 Exemplare geschätzt, in Italien geht der Bestand auf bereits 2.000 Wölfe zu. Laut der jüngsten Expertise vom führenden Wildtierbiologen, Klaus Hackländer, ist bei gleichbleibenden Bedingungen davon auszugehen, dass sich in den kommenden 15 Jahren bis zu 500 Wölfe in Österreich ansiedeln können.

Die Internationale Naturschutzunion (IUCN) geht in ihrer aktuellen Einschätzung der gesamteuropäischen Population davon aus, dass diese zumindest aus mehr als 17.000 Individuen besteht, die Populationsgröße weiterhin ansteigt und daher der Wolf in Europa als nicht gefährdet einzustufen ist.

„Es geht nicht um die Ausrottung des Wolfes, aber darum, auch andere Interessen, mit zu berücksichtigen.“ Man wolle den Wolf nicht dämonisieren, aber auch nicht verharmlosen. „Wenn wie in Salzburg erst Monate danach ein nicht rechtskräftiger Beschluss für den Abschuss vorliegt, dauert das zu lange. Wir wollen schneller reagieren können“, sagt Rathgeb. Auch wenn es derzeit in OÖ keinen Problemwolf gibt, solle die Resolution vorausschauend wirken.

Eine Änderung des Jagdgesetzes hat es in Niederösterreich möglich gemacht, dass die Bezirkshauptmannschaften per Bescheid über Maßnahmen gegen Problemwölfe verfügen können – auch über den Abschuss.

Suche nach Rudeln in NÖ

Auch wenn ein Waffeneinsatz gegen die Tiere noch nicht notwendig war, hegt die Naturschutzorganisation WWF schlimme Befürchtungen. Zwar wurden in NÖ zuletzt drei Rudel nachgewiesen, zwei weitere im niederösterreichisch-tschechischen Grenzgebiet gelten aber als spurlos verschwunden, sagt WWF-Wolfsexperte Christian Pichler. „Als Rudel gelten die beiden Elterntiere, die irgendwann Nachwuchs bekommen. Wenn eines der Elterntiere umkommt, zerbricht das Rudel. Uns fehlt der Nachweis von zwei solcher Vorkommen“, so Pichler.

Es sei naheliegend, dass die Tiere in Tschechien oder Österreich den Tod gefunden haben. Dass sie überfahren wurden, schließt Pichler aus. „Das hätte die Öffentlichkeit erfahren.“ Man hofft, dass niemand zur Selbstjustiz geschritten ist.