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Chronik Ă–sterreich
12/18/2021

Wieso eine misshandelte Ehefrau selbst angeklagt wurde

Von ihrem Ehemann geschlagene Frau wegen Falschaussage vor Gericht, weil sie behauptet hatte, nie von ihm misshandelt worden zu sein.

von Stefan Jedlicka

Was genau zwischen Ariya F. (Name von der Redaktion geändert, Anm.) und ihrem Ehemann am 9. Juni dieses Jahres vorgefallen war, bleibt wohl ihr Geheimnis.

Als die Frau danach von den zu Hilfe gerufenen Polizeibeamten zum Vorfall befragt wurde, nahm die afghanische Staatsbürgerin ihren Gatten jedenfalls in Schutz. Es sei nur ein „verbaler Streit“ gewesen, niemals sei sie von ihm geschlagen oder misshandelt worden, sagte sie aus. Die auch fotografisch dokumentierten Verletzungen im Gesicht der Frau seien bei einem „Sturz mit einem Scooter“ schon vor der häuslichen Auseinandersetzung entstanden, behauptete sie.

Zahn ausgeschlagen

Ganz so unschuldig, wie von ihr zunächst geschildert, dürfte Ariyas Gatte allerdings dann doch nicht sein. Denn in einer späteren Aussage vor der Polizei gab sie zu Protokoll, zwar in Österreich nicht geschlagen worden zu sein, davor in Afghanistan und im Iran aber sehr wohl. Ein Widerspruch, der die mittlerweile in Wien lebende Frau wegen falscher Beweisaussage auf die Anklagebank am Landesgericht Wiener Neustadt brachte.

Zu Sohn und Tochter sei ihr Ehemann „sehr streng gewesen“, sie selbst habe er des Öfteren „festgehalten und geschüttelt“. Zugeschlagen habe er aber nicht, seit man in Österreich lebe, bekräftigte sie dort – bestätigte dann aber auch, dass ihr im Iran einst mit der Faust ein Teil eines Zahnes ausgeschlagen worden sei und ihr Gatte ihr mit einem Obstmesser Verletzungen am Arm zugefügt habe.

„Sie leben aber nach wie vor zusammen?“, wollte die Richterin wissen. „Was passiert ist, ist Vergangenheit“, antwortete die Angeklagte. „Und das funktioniert?“, hakte die Richterin nach. „Ja, es funktioniert jetzt wieder.“ Ausreichend Beweise für eine Verurteilung sah die Vorsitzende letztlich jedenfalls nicht. Sie sprach die Afghanin im Zweifel frei.

Angst vor Konsequenzen

Was bewegt Frauen als Opfer gewalttätiger Ehemänner dazu, ihre Peiniger danach in Schutz zu nehmen? Warum riskiert – wie in diesem Fall – eine misshandelte Ehefrau sogar, selbst strafrechtlich belangt zu werden? „Aus psychologischer Sicht ist es so, dass manche Frauen, die geschlagen werden, die Schuld auch bei sich selbst suchen“, erklärt Paarberaterin Claudia Sima auf KURIER-Nachfrage. „Sie sagen sich: Ich habe ihn ja provoziert, oder Ähnliches. Und es geht auch um eine Art von Sicherheit, auch wenn das paradox klingt. Weil sich die Frau dadurch vor weiteren Konsequenzen schützt und vor der Unsicherheit, wie es nach der Partnerschaft weitergehen könnte.“

Denn neben der Angst vor weiteren Übergriffen stehe für Opfer von häuslicher Gewalt auch nicht selten die Sorge um die wirtschaftliche Situation im Mittelpunkt ihrer Überlegungen, so Sima. „Sie fragen sich, ob es überhaupt besser wird, wenn sie den Partner verlassen, wie es finanziell weitergeht.“

„Großer Druck“

Dies bestätigt auch Anna Sonnleitner vom Gewaltschutzzentrum NÖ: „Oft bestehen starke Abhängigkeiten. Von Gewalt betroffene Frauen sind sehr häufig auch großem Druck ausgesetzt. Natürlich seitens der gewaltausübenden Person, aber auch von deren Familien. Besonders wenn Kinder im Haushalt leben, wird dieser Druck noch größer. Sie bekommen dann zu hören: Willst du die Kinder ohne Vater aufwachsen lassen?“

Fälle von falschen Zeugenaussagen zugunsten mutmaßlicher Gewalttäter seien kein Einzelfall, weiß Sonnleitner. „Das gibt es glücklicherweise zwar nicht oft, aber leider doch immer wieder“, schränkt sie ein. Schutz bieten Beratungsstellen und Frauenhäuser. „Wer hierher kommt, ist meistens schon bereit, sich zu lösen und für sich selbst einzutreten“, betont die Expertin.

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