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Chronik Österreich
07/19/2021

Wiener-Terrorprozess: Maskierter Kronzeuge belastet Wiener IS-Rückkehrer

Der Mann gibt an, IS-Krieger in Syrien über Funk abgehört zu haben.

von Markus Strohmayer

Unter die FFP2-Masken mischten sich am Montag im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Straflandesgerichts Sturmhauben. Diese trugen aber nicht nur die zahlreichen, im Rahmen des Terror-Prozesses anwesenden WEGA-Beamten, sondern auch der Kronzeuge, der maskiert am Zeugenstuhl Platz nahm. Zwar sind die Sicherheitsvorkehrungen seit Beginn des mehrtägigen Prozesses, bei dem sich mutmaßliche IS-Kämpfer, deren Angehörige sowie der bereits verurteilte „Hassprediger“ Mirsad O. verantworten müssen, extrem hoch. Am Montagnachmittag wurden diese aber noch einmal verschärft.

Denn der geladene Kronzeuge befindet sich im Zeugenschutzprogramm und lebt unter neuem Namen an einem unbekannten Ort. Er war 2013 nach Syrien gegangen. Dort schloss er sich der gebürtige Tschetschene der Freien Syrischen Armee (FSA) an und hörte als Übersetzer den Funk der gegnerischen, tschetschenischen IS-Kämpfer ab.

Kopfgeld ausgesetzt

Der Mann, den damals Youtube-Videos dazu bewogen hatten, nach Syrien zu gehen, wandte sich bald von der FSA ab. Im Juni 2014 kehrte er nach Österreich zurück. „Ich habe schreckliche Dinge gesehen und wollte den IS hier weiter bekämpfen“, gab der Rückkehrer am Montag an. Deshalb habe er sich den österreichischen Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt und gegen IS-Kämpfer ausgesagt. Laut eigener Aussage sei Kopfgeld auf ihn ausgesetzt.

Nach seiner Rückkehr berichtete er von den Gräueltaten in Syrien, darunter getötete Schwangere und lebendig Begrabene. Seine Angaben führten unter anderem dazu, dass gegen den Hauptangeklagten, Turpal I., ein internationaler Haftbefehl erlassen wurde. Der mehrfachen Staatsmeister im Taekwondo wurde daraufhin in Weißrussland in Haft genommen und nach Österreich ausgeliefert. Hier befand er sich bis vor Kurzem in U-Haft, ist aber mittlerweile auf freiem Fuß, da diese zwei Jahre nicht übersteigen darf – obwohl er sich in Syrien als besonders brutaler IS-Schlächter „Abu Aische“ einen Namen gemacht haben soll.

Erinnerungslücken

Bei seiner Einvernahme und in Anwesenheit einiger Beschuldigter kämpfte der Kronzeuge immer wieder mit Erinnerungslücken: „Ich kann mich an viel nicht mehr erinnern, es ist fast zehn Jahre her.“ An Vieles wolle er sich auch gar nicht mehr erinnern. Auf mehrfache Nachfrage des Vorsitzenden meinte er aber zumindest, „Abu Aische“, der eine Kampftruppe angeführt und Massaker angeordnet haben soll, durch ein Fernrohr bei einer Geiselnahme beobachtet zu haben.

Der Zeuge trug auch dazu bei, dass Mucharbek T. – ein 33-jähriger Tschetschene, der als Jugendlicher nach Österreich gekommen war – zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, weil er als IS-Kämpfer in Syrien unter anderem an der Erschießung von Bewohnern eines Hochhauses beteiligt war.

T. war am Montag ebenfalls als Zeuge geladen. Wiederholt bestritt er, Waffen verwendet zu haben. „Was der Kronzeuge erzählt, ist erfunden“, behauptete der 33-Jährige. Turpal I. habe zudem nie den Kampfnamen „Abu Aische“ getragen oder als Anführer fungiert. Der Hauptangeklagte selbst sieht sich als Opfer einer Verwechslung und will in Syrien lediglich das Grab seines gefallenen Schwagers besucht haben.

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