© Kurier/Juerg Christandl

Chronik Österreich
07/11/2021

Wie die "Silosophen" Agrar-Türme retten wollen

Rund 300 Getreidesilos ragen seit den 1950er-Jahren in Ostösterreich aus der Landschaft. Ein Verein will diesen neues Leben einhauchen – und sie zu Leuchttürmen der Energiewende machen.

Von Bernhard Gaul und Edgar Subak

Einst war es eine gute Idee, zur Getreidespeicherung riesige Silos zu bauen. „In den 1950er- und 1960er-Jahren war das damals die beste Lösung, um Getreide zu speichern und die Bevölkerung damit sicher zu versorgen“, erzählt Armin Knöbl. Der studierte Human- und Sozialökologe hatte sich der vielen Türme für seine Masterarbeit angenommen und sich gefragt, was man damit alles sonst noch machen könnte.

Rund 300 dieser Türme, die bis zu 75 Meter hoch sind, finden sich in Ost-Österreich. Knapp 30 Türme sind nicht mehr in Verwendung und drohen zu verfallen.

Wenn Knöbl über Silotürme spricht, merkt man gleich, wie sehr ihn das Thema erfreut. Der Übergang von seiner Abschlussarbeit zum Verein, den er mit drei anderen jungen Männern gründete, war dann auch fließend, sagt Knöbl. Im Verein ist Lucas Silhanek für technische Entwicklung und Kooperationen zuständig, Maximilian Wittman für Forschung und Entwicklung und Jacob Wöginger für Finanzierung und Förderungen. Auch der Vereinsname – „Silosophie“ – war rasch gefunden.

Konkret widmen sich die vier Männer der Umgestaltung der Silos. Idee und Ziel ist es, die Türme mit Photovoltaik-Paneelen auf der Südseite und mit riesigen Kunstwerken auf den anderen Seiten auszustatten. So können die Bewohner jeder Ortschaft stolz auf ihr Leuchtturmprojekt der Energiewende werden. Nutzen wollen die Männer dabei das soeben im Nationalrat beschlossene Gesetz für den Ökostrom-Ausbau.

Öko-Strom
Durch die Bestückung der sonnenseitigen Turm-Wände mit Photovoltaik-Modulen sollen nahe gelegene Haushalte und Unternehmen ihren Strom über eine Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft  direkt vom „Solar Silo“ beziehen

Kunstwerke
Auf den übrigen Seiten werden Streetart-Künstler Kunstwerke erschaffen

Vereinsarbeit
Die „Silosophen“ wollen Silo-Flächen vermitteln und Gemeinden zur Umsetzung beraten

Das sieht die Möglichkeiten für Energiegemeinschaften vor, kurz erklärt heißt das: Wer in der Gemeinde Interesse hat, kann sich mit anderen zusammenschließen und Strom produzieren (etwa mit PV-Modulen am eigenen Dach). Der Strom kann dann untereinander verkauft werden, das war bisher nicht möglich.

„Die PV-Paneele auf unserem Siloturm alleine könnten 75 Haushalte mit Strom versorgen“, erklärt der Umweltgemeinderat von Tattendorf, Christian Mesterhazi (SPÖ). Oder aber, im Fall von Tattendorf, könnte die Energie auch dem Lagerhaus und dem Turm selbst zugutekommen, so Mesterhazi, da der Wirtschaftsbetrieb rund 250.000 Kilowattstunden im Jahr benötigt. Besonders die Lüftung für die Trockenlagerung der Kornspeicherung sei energieintensiv.

Die „Silosophie“ ist gerade einmal ein halbes Jahr alt. Momentan gibt es zwei geplante Projekte: Jenes in Tattendorf (NÖ), dort ist das Projekt schon einigermaßnen fortgeschritten, und in Ottensheim (OÖ). „Wir peilen in den nächsten zwei Jahren den Umbau von fünf Silos an“, erzählt Lucas Silhanek. Langfristig – in den kommenden zehn Jahren – wollen die Männer die Hälfte aller Silos, 150 Stück, mit PV-Paneelen und Kunstwerken erneuern.

„Zudem lassen sich die Silos energetisch unterschiedlich verwenden. Sie können potenziell auch als Fernwärmespeicher genutzt werden“, sagt Silhanek. Dazu wird aber noch geforscht. Der Verein sieht die grauen Wolkenkratzer jedenfalls als Chance.

„Silosophie“ ist dezidiert nicht profit-orientiert, Leitmotive seien die ökologische Energiewende und die künstlerische Ambition. Da der Verein erst jetzt richtig tätig wird, steht auch die Finanzierung noch nicht. Spenden und Vereinsmitgliedschaften sollen für die materielle Grundlage herhalten. „Silosophie“ plant auch Crowdfunding, bei dem einzelne Paneele oder Quadratmeter Kunst finanziert werden können.

„Die ungewollten Wahrzeichen vieler Dörfer sollen zu einem stromgewinnenden Gesamtkunstwerk werden, so können wir das Thema der erneuerbaren Energien für eine Vielzahl von Menschen zugänglich machen“, ist Knöbl überzeugt.

Das Projekt solle auch ein Zeichen setzen, dass lokal erzeugter Strom möglich ist. „Grundsätzlich ist es nicht schwer, einen hohen Grad an Energieautarkie (Selbstversorgung) in einer kleinen Gemeinde zu erreichen. Wenn man alle Dächer für Photovoltaik nutzt, kann über das Jahr oft bilanziell mehr Strom erzeugt werden, als benötigt wird“, erklärt Hubert Fechner, Professor für Erneuerbare Energie – und für die „Silosophen“ eine Art Mentor des Projekts. Fechner sieht noch einen anderen Vorteil: Nicht zuletzt könne lokal generierter Strom eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber schwankenden Energiepreisen schaffen.

www.silosophie.at

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