Chronik | Österreich
07.06.2018

Wetterkapriolen: Wo Technik hilft und wo nicht

Wetter-Apps taugen nichts, sagt der Meteorologe. Forscher haben dagegen ein wirksames Modell, um Hochwasser zu simulieren.

Um 6 Uhr früh rückte die Feuerwehr in Waldbach-Mönichwald am Donnerstag aus. Schon wieder. Diesmal rutschte ein Hang auf eine Gemeindestraße. Für diesen Ort sowie St. Lorenzen am Wechsel bleibt der Katastrophenplan aufrecht.

Seit mehr als einer Woche das gleiche Szenario: Von Niederösterreich über das Burgenland und die Steiermark bis Kärnten vergeht kein Tag ohne Alarm wegen Starkregens. Bis nächste Woche dürfte sich das Wetter aus Vormittagshitze und Nachmittagsgewitter halten.

In solchen Zeiten vertraut der Mensch gern auf Technik. Wetter-Apps sind auf jedem Smartphone. Doch was taugen sie? Laut dem renommierten Meteorologen Jörg Kachelmann gar nichts. „95 Prozent der Warnungen sind falsch. Niemand kann am Vormittag sagen, ob es am Nachmittag ein Unwetter geben wird. Früher haben die Meteorologen im Fernsehen gesagt, es kann örtlich zu Gewittern kommen. Örtlich bedeutet, dass sie eben nicht wissen, wo.“

Geschäft kaputt

Kachelmann schildert, dass es immer wieder Fälle gibt, wo Menschen sich auf die Vorhersage der Apps verlassen und sogar in Lebensgefahr geraten, weil sie sich auf schönes Wetter, etwa bei einer Bergwanderung, verlassen. Es ginge den Anbietern aber nur um kommerzielle Zwecke: „Es gibt so viele Wetterdienste, die sich verkaufen wollen. Würden sie das Wetter genau vorhersagen, würden sie ihr Geschäft zerstören.“

Die einzig verlässlichen Quellen seien jene, die in Echtzeit Gewitteraktivität über Radar anzeigen. Der Appell des Experten: „Löschen Sie alle Wetter-Apps!“

Doch Technik kann durchaus vorsorgen. „Visdom“ etwa: Die Software des Wiener Institutes für Virtual Reality und Visualisierung simuliert Hochwasser und Überflutungen. Je nach Menge der Daten dauert die Berechnung zwischen einer Minute und einer Stunde, beschreibt Geschäftsführer Gerd Hesina. Somit könnte das System im Akutfall von Gemeinden eingesetzt werden, aber die Idee ist eine andere. „Es ist wichtig, dass man Notfallpläne entwickelt. Dafür kann man verschiedene Szenarien durchspielen.“

Virtuelle Katastrophe

Visdom“ wird mit Daten von Gelände, Gebäuden, Vegetation, Kanalnetz oder Straßenverkehr gefüttert. Dann bricht die virtuelle Wasser-Katastrophe herein: Deutlich ist erkennbar, wo Bäche über Ufer treten und Kanäle Abwasser nicht mehr packen. Doch auch Gegenmaßnahmen wie Sandsäcke und deren Wirkung lassen sich darstellen. Das Modell kann aber mehr, beschreibt Hesina: „Wenn eine Gemeinde eine neue Straße plant, könnte man berechnen, ob es als Schutz reichen würde, sie höher zu bauen.“ Köln setzt bereits „Visdom“ ein, in Österreich ist es Amstetten sowie der Versicherungsverband.

Die Forscher schnüren gerade Pakete, die Gemeinden angeboten werden sollen. Die Software hat aber ihren Preis: Ab 20.000 Euro aufwärts.