Chronik | Österreich
05.06.2018

Wetterkapriolen: „Normal ist das Frühjahr sicher nicht“

Steirische Gemeinden sind Katastrophengebiet, Feuerwehren rückten drei Mal öfter aus als im Frühling des Vorjahres.

Rosa und Alexander Reiterer stehen vor ihrem verschlammten Haus, erbaut von den Alexanders Eltern vor Jahrzehnten. „Nie ist da was passiert“, seufzt Rosa, Montagabend ist aber die Katastrophe eingetroffen: Schlamm und Wasser wälzten sich durch Festenburg, einem Ortsteil von St. Lorenzen am Wechsel. Schlamm brach durch die Fenster, füllte die Küche der Reiterers meterhoch. Die Senioren konnten flüchten, gerade noch. Ihr Haus ist unbewohnbar.

Sieben Häuser in Festenburg waren die Nacht über vom Rest des Orts abgeschnitten; bis Dienstagfrüh hatte die Feuerwehr die Wege wieder freigebaggert. Die Landesregierung erklärte St. Lorenzen, aber auch Waldbach-Mönichwald in der Oststeiermark zum Katastrophengebiet. Das ermöglicht es, das Bundesheer zum Assistenzeinsatz zu holen.

Jeden Tag Regen

Seit einer Woche bereits gehen täglich schwere Unwetter über den südlichen Teilen Österreichs nieder. Sogenannte ortsfeste Gewitter fallen kurz, aber umso heftiger aus: 1500-mal rückten steirische Feuerwehrleute heuer bereits zu Unwettereinsätzen aus das ist drei Mal so viel wie zur gleichen Zeit im Vorjahr.

In Kärnten hat es laut Wetterdiensten seit 22. April täglich in irgendeiner Region geregnet, an 26 Tagen im Mai wurde Blitzaktivität registriert. „In den vergangenen neun Tagen wurden in Kärnten 2300 Feuerwehrleute von 240 Wehren zu 420 Einsätzen gerufen“, berichtet Hermann Maier von der Landes-Alarm- und Warnzentrale. Für die Helfer sei das belastend, weil meist dieselben Bezirke – Spittal, St. Veit und Wolfsberg – von den Unwettern betroffen gewesen seien. „Dass wir andauernd ausrücken müssen, ist schon eine ungewöhnliche Laune der Natur.“

Das spürten auch die Landwirte: Mehr als viel Millionen Euro Schaden richtete die Unwetter binnen einer Woche in der steirischen Landwirtschaft an, in Kärnten wird der Schaden mit 500.000 Euro beziffert.

Zu nass und zu trocken

An der Wetterlage wird sich in nächster Zeit auch wenig ändern: „Bis auf weiteres bleibt es in der Tonart“, befürchtet Meteorologe Nikolas Zimmermann vom Wetterdienst Ubimet: Vormittags Hitze, ab dem Nachmittag Starkregen, Blitzschlag und Hagel. „Solche Wetterlagen gibt es immer wieder“, überlegt Zimmermann. „Aber dass das über Wochen auftritt, ist außergewöhnlich. Normal ist dieses Frühjahr sicher nicht.“ Im Süden Österreich ist es derzeit viel zu nass, in den übrigen Regionen hingegen wesentlich trockener als gewöhnlich (siehe Grafik). Meteorologen nennen das konvektive Ereignisse: Gewitter, die über einem Ort bleiben und sich dort ausregnen, statt wie üblich weiterziehen.

Das liege an der „festgefahrenen Wettersituation“, beschreibt Zimmermann. Über Mitteleuropa gäbe es nur schwachen Höhenwind und keine richtige Kaltfront. Österreich erlebt derzeit zudem den zweitwärmsten Frühling seit Messbeginn vor mehr als 200 Jahren.

Während sich jedoch Gewitter, die durch das Aufeinanderprallen verschiedener großer Fronten entstehen, gut prognostizieren lassen, tun sich die Experten mit ortsfesten Gewittern schwer. Für die meisten Klimamodelle sind sie nämlich zu kleinräumig. Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik arbeitet deshalb bis 2020 an einem Projekt, um solche Ereignisse in Prognosen packen zu können: Neue Computermodelle sollen auch kleinräumige Gewitterzellen zwischen einem und drei Kilometer simulieren.