Werner Gruber

© Kurier / Gilbert Novy

Chronik Österreich
01/06/2022

Werner Gruber: "Wir werden die Kernkraft noch brauchen"

Physiker Werner Gruber über „grünen“ Atomstrom, gefährlichen Atommüll und warum die Kernkraft bald ausgedient hat

von Elias Natmessnig

Erneuerbare Energieformen wie Windkraft und Fotovoltaik boomen. Dennoch steigt der Strombedarf. Doch kann er nur mit Erneuerbaren gedeckt werden, oder braucht es noch Atomkraft? Ja, sagt Physiker Gruber: "Aber sobald irgendwo der Begriff Radioaktivität auftaucht, zucken die Leute zusammen und werden nervös."

KURIER: Herr Gruber, in Europa werden neue Atomkraftwerke gebaut, nun will die EU-Kommission Investitionen in Atomkraftwerke als klimafreundlich einstufen. Ist das nicht ein gefährlicher Irrweg?

Werner Gruber: Da muss man aufpassen. Wir haben das Glück, dass wir Wasserkraft haben. Doch was machen andere Länder wie Tschechien: Die haben keine Flächen für Fotovoltaik oder Windkraft im großen Stil, keine Flüsse wie wir in Österreich. Wie sollen die CO2-neutral Energie gewinnen?

Aber ist Atomkraft wirklich CO2-neutral? Was ist mit dem Abbau von Uran? Der Transport, dazu kommt der aufwendige Bau von Atomkraftwerken im Vergleich zu Windrädern.

Ja, problematisch ist der Beton, der da verbaut wird. Aber wenn Sie die Errichtungskosten auf die Megawatt-Leistung umrechnen, kommen Sie bei Windrädern etwa aufs Gleiche raus. Aber klar, es gibt Nachteile. Etwa beim Uranabbau. Der findet nicht unter menschenrechtskonformen Bedingungen statt. Das gilt aber auch für den Abbau von Rohstoffen für Handys.

Das ganze Interview im Daily Podcast hören:

Atomstrom gilt als billig. Aber sind da alle Kosten eingerechnet, inklusive auch der Lagerungskosten des Atommülls für ein paar hunderttausend Jahre?

Lagerkosten sind tatsächlich ein ganz relevantes Thema. Man muss aber unterscheiden: Es gibt Atommüll, der im Krankenhaus oder in der Industrie anfällt, da ist die Radioaktivität gering. Den muss man hundert Jahre gut wegsperren und dafür sind die aktuellen Lager gut geeignet.

Gut, aber wie sieht es mit der Endlagerung des hoch radioaktiven Atommülls aus?

Der ist 300.000 Jahre hochgefährlich. Aber man kann ihn mit Neutronen beschießen, damit er unter kontrollierten Bedingungen in fünf Minuten zerfällt. Eine erste Anlage, der sogenannte Rubbiator, ist 2017 in Betrieb gegangen. Noch ist aber nicht alles gelöst. Man muss die Brennstäbe zuerst chemisch zerlegen. Wir werden diese Anlagen aber auf alle Fälle brauchen, weil wir schon jetzt viel radioaktiven Müll haben.

Brauchen wir wirklich neue Atomkraftwerke oder kann man den Mehrbedarf nicht mit erneuerbarer Energie ersetzen?

Das Wichtigste, was wir tun können, ist, jedes Kilowatt, das nur irgendwie möglich ist, einzusparen. Es wird ja gern auf die EU geschimpft, aber durch die Einführung der Energiesparlampen sind in Europa drei Kernkraftwerke eingespart worden.

Reicht das aus?

Nein. Die Deutschen haben unmittelbar nach Fukushima begonnen, ihre gesamte Industrie umzubauen, Kern- und Kohlekraftwerke zu schließen, und haben jeden Cent in erneuerbare Energien gesteckt. In Wind- und Solarkraftwerke, Biomasse und Gaskraftwerke. Und was sie geschafft haben, ist beachtlich. Aber sie haben nur ein Drittel ihres Bedarfs durch alternative Energiequellen sichergestellt.

Das heißt, mit den klassischen Erneuerbare-Energie-Kraftwerken, also sprich Wind und Solar, kann man die Atomkraftwerke und dann auch die Kohlekraftwerke nicht ersetzen?

In Deutschland nicht. In Österreich schaut das anders aus.

Electric cars charging

Elektroautos sind derzeit in aller Munde. Aber bedeutet das nicht noch mehr Stromverbrauch?

Ja. Ein Beispiel: Wenn 5.000 Elektroautos gleichzeitig laden – und das ist nicht unwahrscheinlich –, brauchen sie dafür ein kleines Kraftwerk. Das müssen Sie dann auf der Seite haben. Das ist eine große Herausforderung.

Kommen wir zur Sicherheit. Wir haben zuletzt bei Fukushima gesehen, dass ein ganzer Landstrich nicht mehr bewohnbar ist. Und an unserer Grenze stehen zum Teil sehr alte Atomkraftwerke. Das macht vielen Angst.

Ob ein Atomkraftwerk direkt an der Grenze steht oder weiter weg, ist nicht so relevant. Das hängt viel mehr von den meteorologischen Bedingungen ab. Tschernobyl war weit von Österreichs Grenzen entfernt und Sie haben hundert Kilometer entfernt von Tschernobyl heute eine geringere Radioaktivität als in Österreich. Man hat aber aus Tschernobyl wahnsinnig viel gelernt. Das war damals kein technisches Versagen. Die Verantwortlichen dort haben 20 Sicherheitsmaßnahmen bewusst außer Kraft gesetzt. Die russischen Kraftwerke sind vielleicht etwas älter, aber sie funktionieren.

Ja, aber auch in Fukushima in Japan gab es einen Atomkraftunfall. Durch ein Erdbeben.

Ja. Unbestritten. Aber auch hier ist leider viel Populismus dabei. Da wurde zuletzt vermeldet, dass wieder 100.000 Tonnen radioaktiv verseuchtes Wasser in das Meer geleitet wurde. Die Radioaktivität dieses Wassers war geringer als der Grenzwert von australischem Trinkwasser. Aber sobald irgendwo der Begriff Radioaktivität auftaucht, zucken die Leute zusammen und werden nervös. Praktisch jedes industrielle Lebensmittel wird geröntgt, um es auf Fremdkörper zu untersuchen.

Lesen Sie dazu unser Pro und Contra:

Also Atomkraft ist sicher, Sie legen sich fest?

Sicher ist gar nichts. Am Ende des Tages ist es eine Abwägung. Allein im Kohleabbau haben Sie irrsinnig viele gesundheitliche Schäden bei Menschen. Es passiert auch immer wieder, dass ein Staudamm bricht, da haben Sie auch zigtausend Tote.

Atomgegner behaupten, Atomkraftwerke geben auch im Normalbetrieb Radioaktivität an die Umgebung ab. Stimmt das?

Also das wäre mir neu. Normalerweise ist es so, dass das geschlossene Kreisläufe sind und der Dampf, der rauskommt, ist normaler Wasserdampf. Sie haben etwa in Tirol im Grundwasser in einigen Bezirken eine höhere Radioaktivität als im Grundwasser von Fukushima.

Kann die Kernfusion langfristig die Kernkraft oder überhaupt alle anderen Kraftwerksformen ablösen?

Ich persönlich glaube an die Kernfusion. Es gibt ein schönes Beispiel dafür, die Sonne. Die produziert seit Milliarden Jahren saubere Energie. 1997 ist es gelungen, erstmals mehr Energie rauszubekommen, als wir hineingeben müssen. Derzeit entsteht ein Kernfusionsreaktor in der Nähe von Nizza, wo wir 2025 erste Ergebnisse haben werden.

Wo sind hier noch die größten Hürden?

Hürden haben wir keine mehr. Die sind gelöst. Aber wir müssen schauen, wie wir das von einem kleinen Reaktor auf einen Gigawatt-Reaktor skalieren. Da gilt es auszuprobieren, was am effektivsten ist.

Wann wird es so weit sein?

Wir gehen davon aus, dass wir 2035 bis 2038 einen Fusionsreaktor, der Strom liefert, schlüsselfertig haben. Und der 2040 in Serie gehen kann. Die EU hat nicht umsonst gesagt, dass sie 2040 energieneutral sein will. Bis dahin werden wir die Kernkraft noch als Brückentechnologie brauchen.

 Kernfusion gilt als Hoffnungsträger für saubere Energie der Zukunft. So lässt sich damit theoretisch umweltfreundlich Strom in nahezu unbeschränktem Ausmaß erzeugen. Anders als bei der Kernspaltung in Atomkraftwerken, bei der die Bindungen von Atomkernen aufgebrochen werden, um Energie zu erzeugen, werden bei dem Fusionsprozess zwei Atomkerne zu einem neuen Kern verschmolzen. Abfallprodukte wie Atommüll gibt es dabei nicht. Für die Kernfusion sind extrem hohe Temperaturen von bis zu 150 Millionen Grad notwendig – die zehnfache Hitze der Sonne.   Das so hoch erhitze Plasma muss durch ein extrem starkes Magnetfeld im Zaum gehalten werden, weil es jedes Material schmelzen würde. 

Erzeugt wird es in einer kranzförmigen Vakuumkammer, einem sogenanntem Tokamak. Läuft die Kernfusion, entsteht dabei so viel Wärme, dass die 150 Millionen Grad Celsius von alleine gehalten werden. Ein Teil der Hitze wird abgezweigt, um Wasser zu verdampfen, das eine Dampfturbine antreibt. Diese erzeugt Strom. Mit einem Teil  wird der Energiebedarf des Magnetfelds gedeckt, der Großteil fließt ins Stromnetz. Der Prozess ist derzeit noch nicht effizient genug. Vielversprechend sind Chinas „künstliche Sonne“ und das internationale Projekt „ITER“ in Nizza, an dem u. a. die EU mitarbeitet.

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