© Getty Images/iStockphoto/HearttoHeart0225/iStockphoto

Chronik Österreich
11/27/2021

Wenn Liebe zur Lebensgefahr wird

Gewalt gegen Frauen: Seit 1. September müssen Gefährder zur verpflichtenden Gewaltpräventionsberatung. Das Ausmaß beträgt sechs Stunden. Wie sinnvoll ist das?

von Valerie Krb

1.000 Euro für die Freiheit. So formuliert es Karin Pfolz, wenn sie die Geschichte ihrer Ehe erzählt. Es ist eine Geschichte voller Gewalt. Der Täter ihr Ex-Mann. Die Angriffe begannen am Abend vor der Hochzeit. Sie sagte es ihrer Mutter, diese versuchte es als Ausrutscher kleinzureden. Als die Schläge immer brutaler wurden, wurde Pfolz klar: Sie muss weg. Aber wie? Ohne Unterstützung von Familie und Freunden, dafür mit einem kleinen Kind, begann sie heimlich, nachts Näharbeiten für Kollegen zu erledigen, um das Geld für die Scheidung beiseitezulegen. Bis sie 1.000 Euro beisammen hatte und sich befreite. Was hier auf wenigen Zeilen zusammengefasst ist, war in Wahrheit ein jahrelanger Überlebenskampf.

Jede fünfte Frau in Österreich ist körperlicher Gewalt ausgesetzt. Allein heuer gab es 53 Mordversuche an Frauen, weitere 29 wurden getötet. 28 davon mutmaßlich durch ihre Partner, Familienmitglieder oder Bekannte. Sie wurden erschlagen, erstochen oder überfahren. Es sind sogenannte Femizide. Was in Österreich auffällt: Es werden mehr Frauen als Männer ermordet.

Die Regierung hat deshalb ein Gewaltschutz-Maßnahmenpaket im Umfang von 24,6 Millionen Euro beschlossen. Ein Bestandteil davon ist die Gewaltpräventionsberatung für Gefährder. Seit 1. September müssen jene, gegen die ein Annäherungs- und Betretungsverbot verhängt wurde, zu einem verpflichtenden, sechsstündigen Gespräch, aufgeteilt auf mehrere Termine. 1.700 solcher Zuweisungen gab es bisher. 80 Prozent davon haben sich laut Innenministerium innerhalb der Frist von fünf Tagen gemeldet.

Gewaltschutzpaket: Im Mai 2021 hat die Regierung nach einer Häufung von Femiziden Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen beschlossen. 24,6 Mio. Euro wurden dafür bereitgestellt. Frauenorganisationen hatten 228 Mio. Euro gefordert.

9 Millionen Euro davon fließen in die Gewaltpräventionsberatung für Gefährder. Nach einer Wegweisung müssen sich die Täter innerhalb von fünf Tagen melden. In den ersten drei Monaten gab es 1.700 solcher Wegweisungen.

Fünf Millionen Euro bekommen die neun Gewaltschutzzentren. Weitere Maßnahmen sind etwa die Ausbildung von Präventionsbeamten  und die automatische Übermittlung von Stalking-Fällen an Gewaltschutzzentren.

Derzeit läuft die Kampagne „16 Tage gegen Gewalt“, um Gewalt gegen Frauen zu thematisieren. Im Rahmen dessen fand am Dienstag der zweite Gewaltschutzgipfel von Politik und Experten statt.

90 Prozent Männer

In fünf von neun Bundesländern wird die Gewaltpräventionsberatung vom Verein Neustart durchgeführt, von Sozialarbeitern wie Elisabeth Schwab. Bereits am 1. September, also mit Inkrafttreten, hatte sie das erste Beratungsgespräch mit einem Gefährder. Die Männer – nur knapp zehn Prozent sind Frauen – müssten ihr zuerst schildern, was vorgefallen sei. Zweiter Schritt sei die Krisenintervention: Wo kann der Betroffene schlafen? Kern aber sei die sogenannte Normverdeutlichung, also klarzumachen, dass Gewalt gesellschaftlich nicht akzeptabel ist. Das alles mit dem Ziel, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen und zur Veränderung zu motivieren.

„Die Klienten sind am Anfang oft nervös und skeptisch. Beim zweiten oder dritten Termin höre ich aber häufig, dass es guttut, darüber zu reden. Eine Wegweisung ist eben kein Thema, das man am Stammtisch bespricht“, sagt die Sozialarbeiterin. Ein Großteil würde sich in der Beratung öffnen. Natürlich komme es vor, dass sie auf Widerstand stoße. „Deshalb ist es wichtig, dass die sechs Stunden verpflichtend sind.“ Verweigert man die Unterweisung, drohen 2.000 Euro Strafe, im Wiederholungsfall 5.000 Euro.

Karin Pfolz sagt, sie sei in ihrer Ehe zum „Küchenkastl“ mutiert. Sie meint, dass ihr Ex-Mann sie als Eigentum betrachtet habe. Deshalb sei die Zeit der Trennung auch eine so gefährliche für Frauen. Ihr großes Glück sei die Nachbarin gewesen, die ihr vollgeräumtes Auto gesehen habe. Sie wollte flüchten, wusste aber nicht wohin. „Da hat mir die Nachbarin einen Schlüssel zugeschoben und gesagt, ich kann in ihre leer stehende Wohnung“, erzählt sie.

Karin Pfolz war immer wieder bei der Polizei. Einmal habe man ihr gesagt, sie soll ihren Mann zur Einvernahme schicken. „Wie stellen Sie sich das vor?“, habe sie empört geantwortet. Das letzte Mal zur Polizei ging Pfolz nach der Scheidung, als er sie erneut angriff. Ihr Ex-Mann bekam eine Geldstrafe. Die sechs Stunden Präventionsberatung hält sie für zu gering. Mindestens 20 bis 30 Stunden seien notwendig, außerdem eine Psychotherapie für Gefährder.

Kritik an der Gewaltpräventionsberatung kommt auch vom Verein Autonome Frauenhäuser. „In nur sechs Stunden kann ein Täter keine Verantwortung übernehmen“, ist sich Geschäftsführerin Maria Rösslhumer sicher. Sie hätte ein achtmonatiges Antigewalttraining als sinnvoller erachtet. Außerdem bemängelt sie die fehlende Transparenz der Anbieter wie Neustart. Wichtig sei nämlich eine opferschutzorientierte Täterarbeit, was auch einen Austausch mit den Opferschutzorganisationen bedeuten würde. „Wenn die Anbieter Kontakt zu den Opferschutzeinrichtungen aufnehmen wollen, braucht es die Zustimmung der Täter. Das ist prekär.“

Sozialarbeitern Elisabeth Schwab betont, nach sechs Stunden Gewaltpräventionsberatung habe man zumindest „einen Fuß in der Tür“. Danach weist sie Gefährder auf weiterführende Angebote hin, wie Psychotherapie oder Antigewalttraining. Zudem trifft Neustart eine Risikoeinschätzung. Besteht ein hohes Risiko, rege man eine sicherheitspolizeiliche Fallkonferenz an, wo Schutzmaßnahmen auch mit dem Opferschutz besprochen würden. In den drei Monaten sei das aber noch nicht der Fall gewesen. Dennoch: „Zu glauben, man könne Gewalt gegen Frauen zu hundert Prozent verhindern, ist utopisch“, sagt Schwab. Und Präventionsarbeit brauche es nicht nur bei potenziellen Tätern, sondern auch an Schulen und am Arbeitsplatz, um größeres Bewusstsein zu schaffen.

Polizei als letzter Weg

Mehr Bewusstsein und Zivilcourage wünscht sich auch Karin Pfolz. „Wenn einer Kollegin das Geldbörsel gestohlen wird, ist es selbstverständlich, ihr zu helfen. Kommt eine Kollegin mit blauem Auge in die Arbeit, nicht.“ Der Gang zur Polizei sei meistens erst der letzte Schritt, das direkte Umfeld könne früher reagieren. Täterarbeit sei wichtig, um Gefährdern einen Weg zu zeigen, wie sie mit Aggressionen umgehen sollen. Gleichzeitig brauche es aber eine gute Zusammenarbeit zwischen Frauenhäusern und der Exekutive und mehr Geld für den Opferschutz sowie psychologische Betreuung, auch für Kinder aus gewaltvollen Beziehungen.

Pfolz hat das Erlebte in vielen Therapiestunden und einem Buch aufgearbeitet. Heute gibt sie Workshops zur Gewaltprävention. Als Opfer möchte sie nicht dargestellt werden. „Wir Betroffene sind starke Frauen. Sonst würden uns die Täter ja nicht brechen wollen.“

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.