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Chronik Österreich
05/07/2019

Wenn die Emotionen überkochen: Bildungsbeirat fordert Regeln nach HTL-Fall

Konfliktherd Schule: Lehrer der HTL Ottakring vorerst nicht entlassen, KURIER-Bildungsbeirat fordert klare Regeln.

von Markus Strohmayer, Ute Brühl

Schüler, die dem Lehrer mit einer Trillerpfeife ins Ohr pfeifen. Schüler, die mit Papierkugeln auf den Lehrer schießen. Schüler, die den Lehrer in die Ecke drängen und um ihn tanzen. Schüler, die sich eine Zigarette in der Klasse anzünden – das zeigen Handyvideos aus jenem Klassenzimmer der HTL Wien-Ottakring, in dem es in der Vorwoche zu einer Spuckattacke einer Lehrkraft auf einen Schüler gekommen sein soll. Das Video wurde von Hunderttausenden Menschen geklickt.

Krankenstand

Am Montag sollte sich der Lehrer – Protagonist in allen beschriebenen Szenen – in der Bildungsdirektion der Stadt Wien einfinden. Er kam nicht, da er sich im Krankenstand befindet. Ohne die Anwesenheit des Mannes wurde nun entschieden, dass er vorerst nicht entlassen wird. Bildungsdirektor Heinrich Himmer kündigte eine umfassende und neutrale Untersuchung durch die Bildungsdirektion an.

Unabhängig von den Ergebnissen ist der HTL-Lehrer bis auf Weiteres vom Unterricht abgezogen. Der betroffene Jugendliche sei vom Unterricht suspendiert worden, teilt Himmer mit. Welche Konsequenzen das Verhalten der übrigen HTL-Schüler haben wird, entscheidet sich am Freitag im Rahmen einer Disziplinarkonferenz. Derzeit ergebe sich ein vollkommen unterschiedliches Bild, je nachdem, mit wem man spreche, hielt der Bildungsdirektor fest. „Jeder hat eine andere Wahrnehmung.“ Unabhängige Zeugenaussagen seien nun notwendig.

Auf Facebook setzen sich unterdessen zahlreiche Menschen für den Lehrer ein. Sie sagen , der Lehrer hätte Unterstützung von der Direktion bekommen müssen. Die mittlerweile offline gegangene Seite „Wir fordern: Rücktritt der Direktion der HTL Ottakring“ hatte zwischenzeitlich mehr als 15.000 Unterstützer. Dort zeigten zahlreiche Videos, wie der Lehrer von Schülern schikaniert wird. Der HTL-Direktor Peter Johannes Bachmair sagte schon letzte Woche zum KURIER, dass die Lehrkraft überfordert gewesen sei. Die Schulleitung sprach allerdings auch von einer sonst unauffälligen Klasse. Von seinen 170 Lehrkräften sei der Lehrer in dem Video der einzige mit derartigen Problemen. Der Direktor gibt allerdings zu, dass die Szenen auf den Videos eine Katastrophe wären: „Von derartigen Brutalität habe ich nichts gewusst, sonst hätte ich längst reagiert.“

Die Gewalt an den Schulen ist aber nicht nur in Ottakring ein Problem – die Zahl der Anzeigen in Wien stieg von 2016 auf 2017 um 31 Fälle (Grafik) Aktuellere Zahlen wurden nicht erhoben.

Regeln und Konsequenz

Doch wie kann es so weit kommen? Und was kann die Schule machen, dass eine Situation erst gar nicht eskaliert? Das haben wir die Mitglieder des KURIER-Bildungsbeirats gefragt.

Heidi Schrodt (Bildung Grenzenlos) sieht viele mögliche Ursachen für die Eskalation: „Der Lehrer ist vielleicht überfordert und getraut sich nicht, Hilfe zu holen.“ Denn die Schule sei ein Ventil für soziale und private Probleme, für die es sonst keinen Raum gibt, wie ihr Kollege Michel Fleck (AHS Anton-Krieger-Gasse) meint.

Bleibt die Frage, wie man darauf reagiert. Rainer Graf (Schulzentrum Ybbs) spricht für alle im KURIER- Bildungsbeirat, wenn er sagt: „Das Wichtigste sind klare Regeln im Umgang mit Mobbing. Diese müssen in der Schule klar und offen kommuniziert werden. Verstößt ein Schüler gegen Regeln, muss es klare Konsequenzen geben.“

Im Klartext heißt es: „Bei uns wird ein Schüler, der Mitschüler oder Lehrer mobbt, einmal verwarnt, beim zweiten Mal wird er der Schule verwiesen“, erzählt Graf. In einer privaten Schule ist das allerdings einfacher als in einer öffentlichen, wo es eine vorgeschriebene Vorgangsweise für eine Suspendierung oder einen Schulausschluss gibt.

Eine solche Suspendierung hält Michael Sörös (Bildungsdirektion Wien) „für eine unverzichtbare Erste-Hilfe-Maßnahme. Die Zeit, in der der Schüler nicht in der Schule ist, gibt ein bisschen Luft, weitere Schritte zu überlegen.“

AHS-Direktorensprecherin Isabella Zins fordert darüber hinaus: „Wir benötigen Supervision für Lehrer – nicht nur für Neu- und Quereinsteiger.“ Ihr Kollege Erwin Greiner (Teach for Austria) fordert zudem, „dass angehende Pädagogen schon in der Ausbildung auf solche Krisensituationen vorbereitet werden. Das ist derzeit kaum der Fall“. In der Praxis hätten sich auch Team-Sitzungen bewährt: „Wenn Pädagogen gemeinsam über Probleme in der Klasse reden, sind sie weniger Einzelkämpfer und können gemeinsam Lösungen finden.“