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Chronik Wien
05/06/2019

Schikanierter HTL-Lehrer: Bildungsdirektor kündigt Untersuchung an

Der Lehrer, der vergangenen Donnerstag einen Schüler angespuckt haben soll, wird nicht entlassen. Zuerst gibt es eine Untersuchung.

von Markus Strohmayer

Heute Vormittag wäre ein 50-jähriger Lehrer in der Wiener Bildungsdirektion vorgeladen gewesen, um zu seiner Spuckattacke gegen einen Schüler auszusagen. Die Lehrkraft ist derzeit jedoch im Krankenstand und erschien nicht. Er wurde am Donnerstag nach einem Streit vom einem Schüler gegen die Tafel im Klassenzimmer gestoßen. 

Ohne die Anwesenheit des Mannes wurde nun entschieden, dass er vorerst nicht entlassen wird. Bildungsdirektor Heinrich Himmer kündigte eine umfassende und neutrale Untersuchung durch die Bildungsdirektion an. Die Untersuchung sei durch zahlreiche neue Videos in den Sozialen Medien notwendig geworden. 

Unabhängig von den Untersuchungsergebnissen ist der HTL-Lehrer bis auf Weiteres vom Unterricht abgezogen. Der betroffene Jugendliche sei vom Unterricht suspendiert worden, teilt Himmer mit.

Derzeit ergebe sich ein vollkommen unterschiedliches Bild, je nachdem mit wem man spreche, hielt der Bildungsdirektor seinen Eindruck fest. „Jeder hat eine andere Wahrnehmung.“ Das sei nach diversen Medienberichten und Facebook-Eintragungen überhaupt das Problem: „Viele haben dazu schon eine vorgefasste Meinung. Da ist es sehr schwierig, jetzt noch objektiv draufzuschauen.“ Zur lückenlosen Aufklärung brauche man daher unabhängige Zeugenaussagen.
 

Mobbing-Vorwürfe gegen Schüler

Auf Facebook setzen sich unterdessen zahlreiche Menschen für den Lehrer ein. Sie sagen auch, der Lehrer hätte Unterstützung von der Direktion bekommen müssen. Die Seite "Wir fordern: Rücktritt der Direktion der HTL Ottakring" hat mittlerweile mehr als 15.000 Unterstützer. Auf der Seite sind Videos zu sehen, die eindeutig zeigen, wie der Lehrer schikaniert wird.

In einem Video wird er von einer Papierkugel am Kopf getroffen. In einem anderen pfeift ihm ein Schüler mit einer Trillerpfeife aus weniger Zentimetern Entfernung ins Ohr. Eine weitere Aufnahme zeigt, mehrere Schüler, die den an der Tafel schreibenden Lehrer einkreisen und um ihn herum tanzen. Im Hintergrund ist lautstark Musik zu hören.

Nicht einmal als ein Schüler sich neben ihm eine Zigarette dreht und diese dann anraucht, kann sich der Lehrer durchzusetzen, wie ein weiteres Video zeigt. Der HTL-Direktor Peter Johannes Bachmair sagte schon letzte Woche zum KURIER, dass die Lehrkraft überfordert gewesen sei. Seitens der Schulleitung hieß es allerdings auch, dass die Klasse sonst unauffällig gewesen sei.

Bachmair wehrt sich außerdem gegen die Mobbing-Vorwürfe. Von seinen 170 Lehrkräften sei der Lehrer in dem Video der einzige mit derartigen Problemen. Der Direktor gibt allerdings zu, dass die Szenen auf den Videos eine Katastrophe wären: "Von einer derartigen Brutalität habe ich nichts gewusst, sonst hätte ich längst reagiert."

Respektlose Schüler seien Teil des Alltags, aber im konkreten Fall hätte es Ihnen aber Spaß gemacht, den Lehrer an die Grenze der Belastbarkeit zu bringen.

"Lehrer wollte unbedingt Vertragsverlängerung"

Für Bachmair besonders überraschend ist, dass der schikanierte Lehrer bis zuletzt seinen Vertrag verlängern wollte, obwohl er seiner Meinung nach für diesen Beruf gänzlich ungeeignet sei. Dass der Vertrag nicht verlängert werde, sei aber ohnehin schon vor dem Auftauchen der Videos beschlossene Sache gewesen.

Lehrergewerkschaft fordert Konsequenzen

Schockiert von den Zuständen in der HTL Ottakring zeigte sich der Vorsitzende der Österreichischen Lehrergewerkschaft, Paul Klimberger: "Es handelt sich hier um einen ganz schlimmen Fall, der bestätigt, was wir schon länger beobachten: einen Anstieg von verbaler, körperlicher sowie virtueller Gewalt über Social Media."

Zwar handle es sich um eine Minderheit, die Lehrer terrorisiere, trotzdem müsse mit voller Stärke durchgegriffen werden. Auch der Rechtsstaat sei bei derartigen Übergriffen gefragt. "Gewalt in der Schule egal von welcher Seite – müssen wir unterbinden. Sonst ist es in zehn Jahren kein Schulproblem, sondern ein gesellschaftliches Problem."

Welche Konsequenzen das Verhalten der Schüler tatsächlich haben wird, entscheidet sich am Freitag im Rahmen einer Disziplinarkonferenz. Über den Schulverbleib von mehr als zehn Schülern werde dabei im Kollegium entschieden, erklärt Bachmair. "Einige der Hauptakteure werden wohl mit Schulverweisen rechnen müssen."

Ergebnis der Untersuchungskommission in 14 Tagen

Der betroffene Lehrer ist ein Quereinsteiger für den fachpraktischen Unterricht und war erst seit September im Dienst. Diese Lehrergruppe kommt aus der Wirtschaft und wird an berufsbildenden Schulen in der fachpraktischen Ausbildung etwa im Bereich Maschinenbau oder Elekrotechnik eingesetzt. Wollen diese Lehrer länger an der Schule bleiben, müssen sie parallel eine begleitende pädagogische Ausbildung absolvieren.

Die Kommission, die den Fall an der HTL Ottakring untersucht, soll klären, ob es in der betreffenden Klasse auch noch andere Vorfälle gegeben habe beziehungsweise ob umgekehrt der Lehrer auch Probleme mit Schülern anderer Klassen gehabt habe, so Bildungsdirektor Himmer. Außerdem will er wissen, ob und welche Maßnahmen es an der Schule in der Vergangenheit bereits gegeben habe.

An der Schule selbst soll etwa erörtert werden, welche Konsequenzen die Vorfälle für die Handynutzung haben oder wie man konkret mit Mobbingfällen beziehungsweise Verdachtsfällen umgegangen wird. „Und wir müssen uns fragen, was wir für die Wiener Schulen daraus lernen: Was müssen wir tun, damit so etwas nicht entsteht.“

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