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Analyse
12/18/2019

Warum sich die Wiener mit ihrer S-Bahn so schwertun

Anders als die U-Bahn ist die Schnellbahn für viele Wiener ein unbekanntes Wesen. Das wird ihr nicht gerecht.

von Christoph Schwarz

Am vierten, letzten Einkaufssamstag müssen die Wiener also ohne eine ihrer wichtigsten Öffi-Linien auskommen. Das steht seit Dienstag fest.

Die Arbeiten in der U1-Station Karlsplatz dauern nach dem Kabelbrand wohl noch bis Sonntag. Die Linie bleibt zwischen Hauptbahnhof und Schwedenplatz gesperrt.

Keine leichte Situation. Keine U-Bahn-Linie befördert so viele Fahrgäste wie die U1. Rund 113 Millionen Passagiere waren es 2018.

Klar, dass bei all jenen Wienern, die diese Woche durch die Innenstadt unterwegs sind, andere Öffis in den Fokus rücken – Straßenbahn und Bus, aber auch die S-Bahn. Oder doch nicht?

Denn der durchschnittliche Wiener, so scheint es, hat eine natürliche Scheu vor seiner S-Bahn. Für viele ist sie das unbekannte Wesen des Öffi-Verkehrs. Ein Verkehrsmittel, mit dem niederösterreichische Pendler fahren – aber sicher kein Wiener. Und, in Erinnerung an die alten Zuggarnituren, eine Art kleine, schmuddelige Schwester der U-Bahn.

Doch: Woher stammt dieses Bild? Und besteht es überhaupt zu Recht?

Wer die Malaise der Wiener S-Bahn verstehen will, muss einen Blick auf ihre Geschichte werfen.

Ihr Vorläufer ist die Wiener Stadt- und Verbindungsbahn, die 1898 den Betrieb aufnahm. Aus ihr entwickelten sich die U-Bahn ebenso wie – ab dem Jahr 1962 – die S-Bahn.

Eine gemeinsame Kommunikation und Weiterentwicklung gab es aber viele Jahre nicht. Die U-Bahnen gehören zu den Wiener Linien und damit der Stadt Wien – die S-Bahn wird von den ÖBB betrieben.

Marketing-Stiefkind

Die Stadt setzte in ihrem (zunehmend kultigen) Marketing daher ausschließlich auf die Bewerbung von U-Bahn, Straßenbahn und Bus.

So vertreiben die Wiener Linien heute unter anderem Badeschlapfen, Strumpfhosen im Design der alten U-Bahn-Sitzbezüge und sogar Wettex mit U-Bahn-Logo. Von alldem profitiert die S-Bahn nicht.

Auch der Name „S-Bahn“ selbst war übrigens lange nicht geläufig. Ursprünglich war der Ausdruck „Schnellbahn“ üblich. die „S-Bahn“ tauchte erst ab dem Jahr 2005 offiziell in Lautsprecherdurchsagen und Aushängen auf.

Dass die S-Bahn (anders als in anderen, etwa deutschen Städten) keinen Eingang ins kollektive Gedächtnis der Wiener fand, hat aber noch einen weiteren Grund: Es mangelt an drei Erkennungsmerkmalen, über die höherrangige Öffis international meist verfügen.

Fast überall lassen sich – selbst für Touristen – Öffis über ihr Namenskürzel, über ihre klar ausgeschilderten Endstationen und über einen Farbcode eindeutig identifizieren.

Nicht so in Österreich: Viele Wiener tun sich bis heute schwer, zwischen den S-Bahn-Namen – S1, S2, S7, S45... – und ihren Endstationen einen sinnhaften Zusammenhang herzustellen.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass es sich bei den Endpunkten oft um nicht allzu bekannte niederösterreichische Orte – Wolfsthal, Laa an der Thaya, Hollabrunn... – handelt, die manch urbaner Wiener kaum auf der Landkarte fände.

Ungeübte Nutzer wissen also nicht einmal, in welche Himmelsrichtung sie fahren.

Späte Farbenspiele

Auch einen echten Farbcode gibt es für die S-Bahn nicht. Bis 2017 dauerte es, bis zumindest die zwei meistfrequentierten Strecken (Meidling-Floridsdorf sowie Handelskai-Hütteldorf) in den Plänen der Wiener Linien farblich gekennzeichnet wurden.

Sie sind seither – wer hätte es gewusst? – hellgrün und altrosa eingefärbt.

Der Realität wird das Bild vielfach nicht gerecht: In den vergangenen Jahren starteten die ÖBB eine qualitative Aufholjagd. Die neuen Garnituren der S-Bahn sind moderner als manche U-Bahn.

Auch die Beförderungsleistung ist groß: Die S-Bahn ist der am stärksten genutzte Zug; von jährlich 250 Millionen Bahnkunden bundesweit sind 100 Millionen in oder durch Wien unterwegs.

Milliardenschweres Öffi-Paket

Nicht nur Pendler, auch immer mehr Wiener nutzen die S-Bahn innerstädtisch: Die Zahl der Einsteiger ist zwischen den Stationen Rennweg und Wien-Mitte seit 2010 – überdurchschnittlich stark – um 46 Prozent gestiegen. 70 Prozent der Fahrten bleiben innerhalb des Stadtgebiets.

Seit 2010 stieg auch die Zahl der Züge – auf 718. Und der Ausbau geht weiter: Unlängst brachte Bürgermeister Michael Ludwig mit Niederösterreich, Burgenland und den ÖBB ein milliardenschweres Öffi-Paket auf den Weg.

Davon profitieren die S-Bahnen überdurchschnittlich. Jetzt müssen nur noch die letzten Wiener ihre Schwellenangst ablegen.

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