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Chronik Österreich
05/20/2020

Warum die Corona-Krise ein Blackout zur Folge haben könnte

Experten rechnen binnen fünf Jahren mit dem Ernstfall. Durch den geringen Stromverbrauch könnte es sogar schon bald so weit sein.

von Birgit Seiser

Ausgangssperre, Maskenpflicht, ein Feind, der nicht sichtbar ist – die Probleme durch das Coronavirus, denen Österreich und der Rest der Welt derzeit gegenübersteht, haben das Leben grundlegend verändert. Sie sind aber nur ein Vorgeschmack auf die Katastrophe, die Experten auf uns zukommen sehen: Ein Blackout.

Verteidigungsministerin Claudia Tanner, sagte im Jänner, dass ein landesweiter Stromausfall in den nächsten Jahren mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit eintreten wird. Das Bundesheer schätzte die Chancen auf eine weltweite Pandemie sogar geringer ein, als jene eines Blackouts. Er würde unser Leben zum Stillstand bringen. Mehr noch: niemand wüsste, was eigentlich los ist und warum plötzlich nichts mehr geht.

Keine Vorlaufzeit

Vorbereitet sind wir laut Herbert Saurugg, Blackout-Experte und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge, schlecht: „Als die Regierung die Corona-Maßnahmen präsentiert hat, war die Bevölkerung über die Situation schon seit Tagen medial informiert. Es gab also eine Vorlaufzeit, dadurch kam es zu den Hamsterkäufen. Ein Blackout passiert aber von der einen Sekunde auf die andere“. Saurugg war jahrelang für das Bundesheer im Einsatz und und beschäftigt sich seit Jahren damit, was passieren könnte, wenn die Welt plötzlich still steht.

Nachhaltige Schäden

Ein entscheidender Faktor, der schnell zu Panik führt, ist, dass niemand wüsste was eigentlich los ist und wie lange der Stromausfall dauern wird. Doch genau diese Zeitspanne wirkt sich nachhaltig auf die weitere Entwicklung der Krise aus. Wenn nur für einen Tag der Strom ausfällt, dauert es Tage oder gar Wochen, bis alle Systeme wieder funktionieren: „Es gibt Schätzungen, dass viele Nutztiere binnen weniger Stunden sterben könnten. Die Kühlkette für Lebensmittel wäre sofort unterbrochen, und abgesehen davon könnten die meisten Geschäfte gar nicht mehr öffnen“, warnt der Experte.

Durch einen stunden- oder gar tagelangen Stromausfall würden in weiterer Folge Schäden entstehen, die nur schwer zu beheben sind. Besonders Computersysteme wären davon massiv betroffen. Schon am zweiten Tag sei damit zu rechnen, dass sich vereinzelt Personen gewaltsam Zugang zu Geschäften verschaffen, um an Lebensmittel zu kommen.

Das Szenario, das Saurugg schildert, muss nicht von kriminellen Hackern absichtlich herbeigeführt werden. Tatsächlich sei es so, dass unglückliche Umstände zum europaweiten Blackout führen könnten. Die europäischen Stromnetze hängen zusammen. Kommt es an einem Standort zu Problemen, klinkt sich ein anderes Kraftwerk ein, um auszuhelfen. Ein Beispiel: Im Jahr 2006 waren Teile Europas bis zu zwei Stunden ohne Strom. Grund war die missglückte Abschaltung einer Hochspannungsleitung. Nur durch das Zuschalten anderer Kraftwerke konnte ein Blackout verhindert werden.

  • 2006, Europa

Teile von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich, Spanien sind bis zu zwei Stunden ohne Strom. Der Grund war die missglückte Abschaltung einer Hochspannungsleitung

  • 2012, Indien

Der bisher größte Stromausfall  trifft mehr als 600 Millionen Menschen in Indien und dauert mehrere Stunden. Auslöser war die Überlastung des Stromnetzes

  • 2015, Ukraine, Türkei

Durch einen  (russischen) Cyberangriff kommt es zum Blackout. Durch den Ausfall von Kraftwerken in der Türkei sind 76 Millionen Menschen  für neun Stunden ohne Strom

  • 2019, Venezuela, USA

Die Versorgungskrise in Venezuela sorgt allein im März für vier teils tagelang dauernde Stromausfälle.
Auch in New York kommt es zu massiven Problemen. Mehr als  70.000 Menschen sind mehrere Stunden von der Stromversorgung abgeschnitten. Grund war eine Überlastung

Corona verschärft Lage

Dass die Corona-Krise ein Blackout begünstigen könnte, zeigt ein aktueller Fall aus Großbritannien. „Dort musste ein zentrales Kraftwerk heruntergefahren werden, weil die Bevölkerung krisenbedingt nicht genug Strom verbrauchte. Der Strompreis rutschte in den Keller. Alternative Energiequellen, wie Fotovoltaik-Anlagen, bringen genug Strom. Daher kommen die großen Kraftwerke an ihre betriebswirtschaftlichen Grenzen. Sie sind es aber, die die Stabilität großflächig sicherstellen. Sollte es zu Problemen kommen, und die großen Kraftwerke sind nicht mehr am Netz, kann das fatale Folgen haben“, sagt Saurugg. Man müsse daher aus der Corona-Krise lernen und sich nicht auf Vollversorgung und Vorlaufzeit verlassen, sondern immer genügend Lebensmittel zu Hause zu haben.