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Wirtschaft
07/12/2019

Blackout: Wie sich Menschen auf Katastrophen vorbereiten

Immer mehr Menschen rüsten sich für den Ernstfall. Auch in Österreich. Mit Essensvorräten, Bunkern oder Survival Trainings.

von Laura Schrettl, Dieter Frauenlob, Irmgard Kischko

„Biological Hazard“ – das steht auf der Eingangstüre eines Bunkers im Süden Niederösterreichs geschrieben. Links hängen Gasschutzmasken. Rechts sieht man die Wand vor lauter Geräten nicht mehr. Darunter ein Strahlenmessgerät für den Fall eines Atomangriffs. Im Eck stehen vier riesige Kanister Wasser. In einem großen Metallschrank liegt Essen gebunkert. Das ist Martin Mollays Reich. Sollte „etwas“ passieren, dann ist er vorbereitet.

„Etwas“ – das kann für Mollay alles sein. Blackout, Naturkatastrophe, Hackerangriff, Flüchtlingsbewegung, Atomunfall. „Auch ein Krieg ist ein mögliches Szenario. Wenn zum Beispiel die Einkommensschere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderdriftet, kann es sehr wohl zu einem Bürgerkrieg kommen. Es braucht nur der Meeresspiegel zu steigen und Millionen Menschen müssen ins Landesinnere ziehen“, erklärt Mollay, während er durch seinen Bunker führt.

Auf den Ernstfall bereitet sich nicht nur Mollay vor. Im Internet hat sich mittlerweile schon eine aktive Community zu dem Thema gebildet. Auch in Österreich tauschen sich immer mehr Meschen in Foren und in den sozialen Medien aus, wie man sich am Besten für den Katastrophenfall rüsten kann. Erst im Mai diesen Jahres hat sich auch die Österreichische Regierung auf eine mögliche Ausnahmesituation vorbereitet. Simuliert wurde bei der Übung „Helios“ ein Blackout. Also ein plötzlicher, überregionaler und länger andauernder Stromausfall und ein damit verbundener Totalausfall der Infrastruktur.

Mollay wäre es egal, wenn der Strom ausfällt. „Ich habe keinen Kühlschrank, ich habe keinen Fernseher. Strom produziere ich mit der Photovoltaik-Anlage. Ich lebe strom-autark.“ 

Mollay lebt am Waldrand in der 1.000-Einwohner-Gemeinde Hollenthon in der Nähe von Wiener Neustadt. Für Heizung und Strom zahlt er nichts. Nur für Internet – denn eigentlich ist er Software Entwickler. Das Wasser bezieht er aus dem Brunnen, die Dusche und das Kompost-Klo sind im Garten. Auch im Winter benutzt er die Anlagen im Freien.

Mollay ist Survival-Trainer. Nach seiner Zeit beim Bundesheer im Jagdkommando hat sich der 43-Jährige selbstständig gemacht, um seiner Leidenschaft ganz nachzugehen. Er zeigt Menschen, wie man im Notfall in der Natur überleben kann. Feuer machen, Unterschlupf bauen, Nahrung suchen. „Wir gehen erst mal zwei Tage raus und schauen, was wir wirklich brauchen. Nach dem zweiten Tag sagen die Leute auf einmal: ‚Ich habe gar keinen Hunger.‘ Das passiert, weil du gar keine Zeit hast, über Dinge nachzudenken, die nicht wesentlich sind für dich“, sagt Mollay.

Essen hat Mollay aber genug gebunkert. In seinem Vorratskasten stapeln sich Konservendosen mit Linsen und Bohnen, Reis, Bulgur und etwas Milch. Alleine von einer Packung Haferflocken könnten sechs Personen einen Tag lang satt werden. Die Flocken müsse man nur in Wasser einweichen. Seine Reserven sind jahrelang haltbar. Von seinem Vorrat könnten zehn Menschen circa zehn Tage lang leben.

Essensvorrat sei eine Frage des Hausverstands

Mollay ist nicht der Einzige, der Vorräte anlegt. „Ich habe einen Lebensmittelvorrat, mit dem ich und meine ganze Familie problemlos – ohne dass ich irgendwie rationieren müsste – zweieinhalb Monate durchkommen“, sagt Stefan Gruber, der sich selber als "Prepper" (vom englischen "prepare") bezeichnet, ein aus den USA stammender Begriff für Menschen, die sich auf eine Katastrophe vorbereiten. Gruber heißt nicht wirklich so, seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Einen großen Vorrat an Essen, zu Hause zu haben – das sei für ihn eine Frage des Hausverstandes.

Dass nicht nur Gruber und Mollay an einen Essensvorrat denken, hat die „Helios“ Übung der Regierung gezeigt. Sogar der österreichische Zivilschutzverband hat eine Bevorratungs-Checkliste veröffentlicht. Wasser, haltbare Lebensmittel, Medikamente, Licht- und Energiequellen sollten demnach für etwa zwei Wochen in jedem österreichischen Haushalt vorrätig sein.

Bei einem Stromausfall könnte Gruber mit Holz heizen und kochen. Seine Erste-Hilfe-Ausrüstung reiche weit über einen üblichen Notfalls-Schrank hinaus. „Für mich ist das wie eine Versicherung. Ich habe keine Zwangsneurose, die mich dazu zwingt, weil morgen die Zombies vor der Tür stehen. Aber falls irgendetwas passiert, möchte ich diese Zeit gerne relativ gemütlich überstehen“, sagt der Prepper.

Gruber, der so wie Mollay aus Niederösterreich kommt, beschäftigt sich auch bereits seit über 20 Jahren mit den Themen „Survival und Prepper“. Aber nicht aus Angst vor möglichen Katastrophen. Er möchte einfach auf alles vorbereitet sein. Er sieht sich sowohl als Survivor als auch als Prepper. Bezeichnungen, die oft vermischt werden.

Survivor und Prepper ist nicht das Gleiche

Beim Survival geht es ums Überleben in Notsituationen oder mit wenig Hilfsmitteln in der Natur. Prepper hingegen zielen in erster Linie darauf ab, Essensvorräte zuhause anzulegen und sich auf mögliche Krisenszenarien vorzubereiten.

In Österreich beschäftigt sich eine ganze Community mit dem Thema. Sie nennen sich „Austrian Preppers“, ein Online-Forum, das sich mit Bevorratung von Lebensmitteln, Ausrüstungen und dem Thema Survival beschäftigt. Die Plattform sieht sich als Community für Prepper, die sich mit Zivilschutz und Krisenvorsorge auseinandersetzen wollen. Medien gegenüber halten sie sich eher bedeckt. Auf ihrer Website distanzieren sie sich von den sogenannten Doomsday-Preppern und wollen weder mit Waffen, noch mit der rechten Szene in Verbindung gebracht werden.

"Ein Psychopath nach dem anderen“ 

Extreme Prepper bereiten sich in den USA mit Bunkeranlagen und Waffen auf den Weltuntergang vor. In den USA ist diese Szene viel größer als in Europa. Die Netflix Serie Doomsday Preppers zeigt beispielsweise Menschen, die sich auf den Untergang der Zivilisation vorbereiten. Gruber könne über die Serie nur lachen und sieht darin, „einen Psychopathen nach dem anderen“. „Ich glaube, dass dort viele extrem fanatisch sind und nur darauf warten, damit sie endlich drauf los ballern können“, sagt Mollay.

Mollay und Gruber glauben nicht, dass es in Österreich eine extreme Prepper-Szene wie in den USA gibt. „Ich habe zumindest noch nie jemanden kennen gelernt. Ich glaube aber auch, dass diese ‚Spinner‘, wenn es welche gibt, es nicht von sich geben, dass sie Spinner sind. Die halten das streng geheim, warum auch immer. Die Szene, die sich bei uns damit beschäftigt, ist zum Großteil vernünftig, würde ich sagen", meint Gruber

Zu Mollays Survival Trainings kämen großteils ganz normale Leute. Nur selten ist ein Verschwörungstheoretiker dabei. Meistens sind es Männer, aber auch Familien oder Firmen kommen zu ihm.

Die Sonne scheint, es ist ein sehr heißer Tag – hier im Wald merkt man aber nichts davon. Mollay steht barfuß vor seiner Feuerstelle. Vor ihm liegen verschiedene Utensilien. Ein Stein, ein Tampon, etwas Zunder. Mit allen kann man Feuer machen. Der Survival-Trainer pflückt ein Blatt und zeigt, wie leicht es ist, einen Kompass zu bauen. Er legt eine gewöhnliche Nähnadel darauf und das Blatt folglich in einen Becher voll Wasser. Es beginnt sich zu drehen. Wenige Sekunden später bleibt das Blatt stehen. Die Nadelspitze zeigt nun nach Norden. Das sind Dinge, die Mollay in seinen Survival Trainings lehrt. Denn Orientierung sei das Wichtigste.

Wenn Mollay von einer Krisensituation spricht, gibt es für ihn eine Abfolge von Dingen, die dem Menschenleben gefährlich werden können. Diese sind:

  • Drei Sekunden ohne Aufmerksamkeit
  • Drei Minuten ohne Sauerstoff
  • Drei Stunden unter extremer Wärme/Kälte
  • Drei Wochen ohne Essen

„Die Menschen denken bei Survival oft nur an Nahrungsbeschaffung. Verhungern ist aber die letzte Gefahr, über die ich mir Sorgen machen sollte“, sagt Mollay.

Mittlerweile ist es Nachmittag. Mollay sitzt in seinem Bunker an einem Schreibtisch. Hier sitzt er gerne und probt für den Ernstfall. In der rechten Hand hält er ein Funkgerät. Damit kann er bei einer Katastrophe mit der Außenwelt in Kontakt treten. An der Wand hängen Landkarten von Österreich und seinen Nachbarländern. Daneben ein paar Listen mit Morsecodes. Eine UV-LED Lampe, mit der er Pflanzen züchten könnte, steht auf seinem Tisch. Darüber ist ein Lüftungsschlauch, der nach draußen führt. Sollte die Luft durch einen Atom- oder Chemieangriff vergiftet oder verstrahlt sein, wird sie durch einen selbstgebauten Filter gereinigt.

Neben Survival- bietet Mollay auch Bunkertrainings an. Für etwa einen Tag sperrt er sich mit seinen Kunden ein und simuliert den Ernstfall eines Atom- oder Chemieangriffs. Früher war man in Österreich sogar verpflichtet, beim Bau eines Einfamilienhauses einen Schutzraum mit einzubauen.

Heute gibt es keine Schutzraumverordnung mehr. 1997 strich Kärnten als letztes Bundesland die Schutzraumpflicht aus der Bauordnung. Trotzdem gibt es auch heute noch Menschen, die einen Bunker in ihren Häusern einrichten wollen.

Schutzräume in Österreich sind gefragt

Manfred Schuster kann ihnen dabei helfen. Etwa 15-20 Schutzräume pro Jahr baut er in neugebauten Häusern ein, bis zu acht Stück in bereits bestehende Privathäuser in Österreich. Schuster ist Geschäftsführer des Bunker-Ausstatters „SEBA“.

Er bevorzugt die Bezeichnung Schutzraum. Bunker sei für ihn ein militärischer Ausdruck, der mit Krieg in Verbindung gebracht wird. Das Geschäft läuft gut.

Ein Anstieg der Nachfrage sei immer dann zu verzeichnen, wenn irgendwo auf der Welt etwas passiere oder die Menschen in den Medien etwas über mögliche Krisenszenarien lesen. Etwa nach dem Unglück in Fukushima im Jahr 2011 habe es mehr Aufträge gegeben.

Aktuell beschäftige die Bevölkerung die Thematik um das Atomkraftwerk Mochovce in der Slowakei, nahe der österreichischen Grenze. „Dort werden Reaktoren mit der Technik aus den 70er Jahren eingebaut. Da sind einige Baumängel an die Presse geraten, das wird den Menschen jetzt bewusst“, sagt Schuster.

Die Sicherheit vor nuklearer Strahlung sei der Hauptgrund, warum sich Österreicher einen Schutzraum zulegen. Die Angst vor einem Blackout spiele beim Kauf eines Schutzraumes kaum eine Rolle.

Seine Kundschaft ziehe sich durch alle Bevölkerungsschichten. „Das sind nicht nur Menschen, die sich Prepper nennen. Das sind Menschen, denen ihre persönliche Sicherheit wichtig ist, oder denen bewusst ist, was bei einem Atomunfall passiert“, sagt Schuster.

Ein Schutzraum ist mit Liegen, einer speziellen Belüftung und einer trümmersicheren Decke ausgestattet. Die Kosten beginnen bei 8.000 Euro. Darüber hinaus verkauft Schuster Strahlenmessgeräte, Schutzmasken und einen Vorrat an Langzeitnahrung. Mit diesem könne man sich mindestens zwei Wochen lang im Schutzraum ernähren.

In Mollays Bunker stehen drei Pritschen und ein Tisch. Alles sehr spartanisch. Ein Fenster und eine Tür sind von außen mit Sandsäcken verschlossen. Im Nebenraum gibt es eine provisorische Toilette: Ein Kübel mit einer Holzplatte zum Draufsetzen. Sollte er seinen Bunker verlassen müssen, steht am Boden der Fluchtrucksack bereit.

Bewusstsein muss geschaffen werden

Für Robert Stocker, den Leiter des Staatliches Krisen- und Katastrophenschutzmanagement (SKKM), ist so ein Bunker heutzutage nicht mehr notwendig. Die damalige Schutzraumpflicht war für ihn jedoch die letzte große Initiative, welche noch in den Köpfen als gesellschaftliche Vorsorge für ein Krisenereignis vorhanden war.

„Wir wollen dieses Bewusstsein von damals durch ein neues Bewusstsein ablösen“, sagt Stocker. Und zwar dahingehend, dass egal welche Krise eintrifft, die Infrastruktur ausfällt oder es gesundheitliche Probleme gibt, sich jeder Haushalt zwei Wochen selbst versorgen können sollte.

„Das Blackout ist für uns jenes Szenario, bei dem fast alle Gesellschaftsschichten und der Wirtschaftsbereich betroffen sind. Das zweitschlimmste Szenario wäre ein IT-Ausfall. Das sind sozusagen die beiden Worst-Case Szenarien“, sagt Stocker weiter.

Was Sie über ein Blackout wissen müssen

Was ist ein Blackout?

Wenn ein Stromausfall länger dauert und laut Definition „eine europäische Dimension“ hat. Ein Blackout entsteht durch einen Kaskadeneffekt: Fällt zum Beispiel eine wichtige Stromleitung aus, gehen automatisch Kraftwerke vom Netz.

Warum steigt die Gefahr von Blackouts mit der Energiewende?

Strom aus Solar- und Windenergieanlagen wird nicht stetig produziert. Das macht das gesamte Energiesystem komplexer. Ein Problem ist auch, dass jene Kraftwerke, die stetig Strom produzieren, wie die AKW in Deutschland, schrittweise stillgelegt werden, Ersatz aber fehlt. 

Kann auch längere Trockenheit ein Blackout auslösen?

Möglich ist das. Österreich ist ein Wasserkraftland. Ist die Wasserführung der Flüsse wegen längerer Trockenheit niedrig, muss Strom vermehrt importiert werden. Das kann zu Engpässen führen.

Könnten Hacker das Stromsystem zu Fall bringen?

Theoretisch ja. Die Versorger betonen aber, dass ihre Datenübertragung  ein geschlossenes System sei, das zudem häufig auf mögliche Lücken für Hacker überprüft werde.

Können auch Spekulanten Blackouts verursachen?

In Deutschland wäre das fast passiert. Stromhändler sollen zu wenig Energie eingekauft und darauf spekuliert haben, dass der Strom kurz vor Lieferung billiger wird und sie damit Kosten sparen könnten. Kurz vor Lieferung schoss der Preis für die Energie aber hoch. Plötzlich gab es zu wenig Strom. Die Netzbetreiber mussten einspringen und kurzfristig Strom aus dem Ausland zukaufen.

Was waren die Auslöser für das jüngste Blackout in Südamerika?

Das beruhte auf menschlichem Versagen. Ein Netzbetreiber hatte nicht ordnungsgemäß gemeldet, dass eine wichtige Leitung repariert wird. Das löste eine technisch fatale Kettenreaktion aus.

Was kostet ein Blackout die Wirtschaft?

Österreichs Energie spricht von 40 Millionen Euro je Stunde Stromausfall, falls die Höchstspannungsleitung betroffen ist.

Wie schnell kann ein Blackout behoben werden?

Meist nach wenigen Stunden. In Österreich würden zunächst die Pumpspeicherkraftwerke hochgefahren und schrittweise die Donaukraftwerke. Dann werden diese regionalen „Strominseln“ verbunden.

Bei der Helios-Übung, an der auch das SKKM beteiligt war, wurde der Ernstfall Blackout geprobt. Nicht, weil es das wahrscheinlichste Szenario ist, sondern weil es die meisten Bereiche in Österreich betreffen würde.

„Das zuständige Ministerium besagt, dass es eine 98-prozentige Sicherheit gegen ein Blackout gibt. Was wir aber nicht sagen können, ist dass es nie eintreten wird. Diese absolute Sicherheit gibt es nicht“, sagt Stocker.

Für Gruber steht fest, dass ein Blackout kommen wird. „Die Frage ist nur wann und wie heftig es wird. Wenn der Strom weg ist, ist er weg. Das geht in einer Millisekunde. Ich bin dann versorgt. Kopfzerbrechen bereitet mir nur, was die große Masse dann macht, die sich um nichts gekümmert hat.“

Dass ein Blackout eintreten wird, steht auch für Survival-Trainer Martin Mollay fest. Die „Helios“-Übung der Regierung hat ihn in seiner Überzeugung bestätigt.