Doctor typing information on the computer in office

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Chronik Österreich
08/20/2021

Warum die Ärztekammer eine Stornogebühr für Arzttermine will

Die Ärztekammer überlegt eine Strafe fürs unentschuldigte Nichterscheinen bei Terminen. Das hat mehrere Gründe.

von Caroline Ferstl

Nur zwei Tage habe es im Vorjahr gegeben, an denen kein Patient unentschuldigt nicht erschienen sei. An ganz besonders schlimmen Tagen treffe dies auf etwa ein Viertel aller Termine zu, berichtet eine Wiener Zahnärztin dem KURIER. „Ich habe meine Ordination jetzt schon seit ein paar Jahren, und es wird von Jahr zu Jahr schlimmer“, erzählt die Ärztin, die anonym bleiben möchte.

Ähnliches hat auch der Vizepräsident der Ärztekammer Steiermark und Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin Dietmar Bayer in den vergangenen Monaten in seiner Praxis in Leibnitz verstärkt erlebt. Er ließ jetzt mit einem Vorschlag aufhorchen, der Abhilfe schaffen soll: eine Stornogebühr für Patienten, die ihren Termin ohne Absage verfallen lassen.

Fehlende Solidarität

„Im Zuge der Pandemie haben viele Ordinationen ihr Patientenmanagement von Tagesordination auf Terminordination umgestellt. Wenn ein Termin nicht abgesagt wird und der Patient nicht erscheint, habe ich eine Stehzeit von 50 Minuten. In dieser Zeit könnte ich drei Kontrollen bei dringenden Patienten durchführen“, kritisiert Bayer. Auch in der Schule, sagt er, habe das unentschuldigte Nichterscheinen Konsequenzen, selbiges sollte in der Arztpraxis gelten.

„Im Zuge der Pandemie haben viele Ordinationen ihr Patientenmanagement von Tagesordination auf Terminordination umgestellt. Wenn ein Termin nicht abgesagt wird und der Patient nicht erscheint, habe ich eine Stehzeit von 50 Minuten. In dieser Zeit könnte ich drei Kontrollen bei dringenden Patienten durchführen“, kritisiert Bayer. Auch in der Schule, sagt er, habe das unentschuldigte Nichterscheinen Konsequenzen, selbiges sollte in der Arztpraxis gelten.

Zwischen 25 und 50 Euro „Strafe“ könne sich Bayer für dieses „unsolidarische, unfaire Verhalten“ vorstellen. Die Zahlung sollte aufgeteilt werden zwischen Arzt – „als Entschädigung für den logistischen Aufwand“ – und einem Strukturfonds, aus dem in Folge neue Leistungen, wie etwa längere Ordinationszeiten oder mehr Behandlungsräume finanziert werden sollen. So käme das Geld wieder den Patienten zugute, meint Bayer.

In zahlreichen Branchen sind Stornogebühren gang und gäbe: etwa im Kosmetikbereich, beim Friseur, im Nagelstudio oder im Massagesalon. Ganz ähnlich ist es in privaten Gesundheitszentren.  Auch im Fitnessbereich wird häufig bei unentschuldigtem Nichterscheinen die Einheit verrechnet, etwa in Yogastudios oder bei Stunden mit einem Fitnesstrainer.

In Hotellerie und Tourismus ist die Stornierung von Buchungen seit jeher nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt vor Reiseantritt möglich; Online-Buchungsplattformen, bei denen die Bezahlung mit Kreditkarte selbstverständlich ist,  haben diesen Trend verstärkt.

Häufiger werden Stornogebühren auch in der Gastronomie.  In Österreich noch weniger verbreitet, ist es vor allem international normal, bei einer Tischreservierung in einem Luxuslokal vorab die Kreditkartendaten der Gäste aufzunehmen, um im Fall eines Nichterscheinens eine Art Strafgebühr zu verrechnen.

In Wien gibt es vereinzelt Lokale, die eine derartige Regel anwenden: Beim Plachutta wird erst ab einer Reservierung von 16 Personen eine Stornogebühr verrechnet, die Höhe sei abhängig von der Personenanzahl. Im Steirereck im Stadtpark kann man den Tisch bis zu 48 Stunden vorher stornieren, dann werden 150 Euro verrechnet – pro Person. Peter Dobcak, Wirtesprecher der Wirtschaftskammer, befürwortet das Vorgehen.

Rückendeckung für seinen Vorschlag bekommt er von Thomas Szekeres, dem Präsidenten der Österreichischen Ärztekammer: Jeder unangekündigt verfallene Termin sei einer, der einem anderen Patienten nicht angeboten werden könne, so Szekeres via Aussendung. „Wer Termine, die er nicht einhalten kann, nicht rechtzeitig oder gar nicht absagt, handelt egoistisch und rücksichtlos und schadet anderen Patienten, die länger auf Termine warten müssen.“

Wetterabhängig

Ein fehlendes Solidaritätsgefühl kritisiert auch die Wiener Zahnärztin bei ihren Patientinnen und Patienten. Ihrer Meinung nach ist das Erscheinen – oder Nichterscheinen – jedoch auch häufig eine Frage des Wetters: „Vor allem die Jungen sind da sehr unzuverlässig. In der Praxis wissen wir ganz genau, bei starkem Regen oder Schneefall oder dem ersten schönen Tag im Jahr werden die meisten Termine abgesagt. Das ist grotesk, aber mittlerweile Usus“, so die Ärztin.

Zahlen fürs Warten?

Die Forderung der Ärztekammer sorgte zum Teil für Aufregung in den sozialen Medien: Auf KURIER.at forderten die Leserinnen und Leser im Gegenzug eine Strafzahlung für Ärzte, wenn es – trotz Termin und pünktlichen Erscheinens – zu Wartezeiten kommt.

Bayer weist diese Forderung zurück: „Wir arbeiten nicht am Fließband, sondern behandeln individuelle Menschen. Unser Vorschlag soll dazu dienen, Wartelisten zu reduzieren und Menschen zu helfen. Diese Forderung zieht unseren Vorschlag ins Lächerliche.“

Vor allem den zweiten Stich ließen viele unentschuldigt sauen: Das Phänomen, zu einem bereits fixierten, medizinischen Termin nicht zu erscheinen, gibt es nicht nur bei Arztterminen am laufenden Band, sondern auch bei der Corona-Impfung.

Im März und April hatten Tausende Menschen ihren Impftermin abgesagt oder sind einfach nicht erschienen. In Wien waren es rund zehn Prozent der Angemeldeten. Der Grund war größtenteils die damalige Verwirrung um den Impfstoff Astra Zeneca und die damit in Verbindung gebrachten Blutgerinnsel.

Ein weiterer Teil sei laut einem Sprecher des Gesundheitsstadtrats Peter Hacker (SPÖ) wegen Krankheit nicht erschienen.  Und wieder andere hätten einfach darauf vergessen. Im Juni waren jedoch nicht mehr alle Gründe für die Absagen so nachvollziehbar. Vereinzelt wurden das schöne Wetter oder Urlaube für das Fernbleiben genannt. „Es wäre schon fair, wenn in so einem Fall wenigstens der Termin vorab storniert wird“, hieß es damals etwa seitens Kärntner Landesregierung.

Häufig waren Absagen für den zweiten Stich der Corona-Impfung. Viele dachten, es reiche, sich erst im Herbst ein zweites Mal impfen zu lassen. Manche verwiesen auf die niedrigen Infektionszahlen im Sommer. In Kärnten wurde sogar eine eigene Werbekampagne gestartet, um  zum zweiten Stich  zu animieren.

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