© Matthias Nagl

Chronik Österreich
08/22/2019

Warum der Konflikt Wald gegen Wild in Gastein eskalierte

Zuviel Wild schadet dem Wald. Im Gasteinertal tobt deshalb ein besonders heftiger Streit: drei Gerichtsverfahren sind anhängig.

von Matthias Nagl

Borkenkäfer, Windwurf, Murenabgänge – der Klimawandel bringt die Wälder immer stärker unter Druck. Dabei hat der Wald im alpinen Gelände eine wichtige Schutzfunktion: vor Lawinen- und Murenabgängen sowie als Wasserspeicher. Die Schadholzmengen nehmen in ganz Österreich zu. Der Klimawandel ist aber nicht das einzige Problem für die Wälder.

Österreichweit gibt es Konflikte zwischen Waldbesitzern und Jagdpächtern, da das Wild den Wald als Nahrungsquelle nutzt und ihm damit schadet. Ein besonders heftiger Konflikt dieser Art spielt sich im Gasteinertal ab. Drei Gerichtsverfahren sind zwischen den Bundesforsten als Waldbesitzer und dem Jagdpächter Thomas Tscherne aktuell anhängig.

Wildfütterung neben Aufforstung

Der Jäger betreibt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Bundesforste-Revier eine Wildfütterung, die er auch touristisch vermarktet, die Bundesforste haben teils massive Wildschäden zu beklagen. „Einzelner Wildverbiss ist überhaupt kein Problem. Aber hier haben wir massive Schäden“, sagt Hannes Üblagger, Betriebsleiter der Bundesforste im Pongau bei einem Lokalaugenschein.

Das Revier im Angertal bei Bad Hofgastein befindet sich in besonders sensiblem Gebiet. Die Wälder auf steilen Hängen sind ein natürlicher Schutz gegen Erosion. Im Jahr 2002 sorgte ein Föhnsturm in Salzburg für den größten Windwurf seit Beginn der Aufzeichnungen. Auch große Flächen im Angertal wurden von einem Tag auf den anderen abgeholzt.

20.000 Lärchen verbissen

Die Bundesforste setzten teils auf Naturverjüngung, teils auf künstliche Aufforstung. Bei der Naturverjüngung wird die Wiederaufforstung quasi der Natur überlassen. In Revieren, wo sich die Wildmenge in Grenzen hält, funktionierte auch die Naturverjüngung gut. Nach etwas mehr als 15 Jahren entwickelt sich der Wald planmäßig.

Anders schaut es in dem Gebiet in Nachbarschaft der Rotwildfütterung aus – trotz künstlicher Aufforstung. Nicht zuletzt wegen des Klimawandels setzten die Bundesforste dort auf die Lärche. Sie ist generell widerstandsfähiger und als Tiefwurzler auch gegen Stürme besser geschützt. „Wir haben in dem Gebiet 20.000 Lärchen gesetzt. Wenn mir jemand noch eine Lärche davon zeigen kann, die nicht verbissen ist, kriegt er ein Bier“, meint Üblagger.

Braunfäule destabilisiert Bäume

Der Verbiss ist auch für den noch bestehenden Wald ein Problem. Die Hirsche fressen die Rinde, ohne deren Schutz bekommen die Bäume die Braunfäule. „Sie destabilisiert die Standfestigkeit der Bäume“, erklärt Üblagger. Damit fallen gerade die Fichten noch leichter Windwürfen zum Opfer.

Auch die Jägerschaft ist mit dem Konflikt nicht glücklich. „So etwas habe ich noch nie gesehen. Zu sagen, es ist kein Wildschaden, ist nicht richtig“, sagt der Gasteiner Jägermeister Andreas Hörtnagl. „Wir müssen schauen, dass wir als Jäger das in der Hand haben und nicht Gerichte entscheiden.“

Bestand muss sinken

Genau das ist nun geschehen. Die Bundesforste haben im Winter 237 Stück Rotwild in dem Revier gezählt. Das Landesverwaltungsgericht hat entschieden, dass der Bestand bis zum kommenden Winter auf 125 Stück, ein Jahr später auf 100 Stück reduziert werden muss.

Mit diesem Bestand solle sich auch der Wald erholen können, heißt es von den Bundesforsten. „Wir können mit dem Urteil leben“, sagt auch Tscherne. Er wirft den Bundesforsten vor, dass die Schäden in der Vergangenheit übertrieben dargestellt wurden.

Unter Wildverbiss versteht man einerseits das Abknabbern von Zweigen und Wipfeln an Jungbäumen durch das Wild, andererseits auch Schälschäden, also das Abbeißen der Rinde. Für Waldbesitzer ist Wildverbiss auch ein wirtschaftlicher Schaden.

Für nicht betroffenes Holz gibt es auf dem Markt im Schnitt 70 Euro pro Festmeter. Durch Verbiss geschädigtes Holz kann bestenfalls noch als Industrieholz für 30 Euro pro Festmeter verkauft werden. Pro Hektar Wald gibt es dann statt etwa 35.000 Euro nur noch 15.000 Euro.