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Reportage
05/17/2020

Vor dem zweiten "ersten Schultag": Alltag "so normal wie möglich"

Am Montag sperren die Pflichtschulen wieder auf. Vieles ist neu. Der KURIER war bei den Vorbereitungen in einer Schule dabei.

von Theresa Bittermann

Haupteingang, Seiteneingang und „Hort-Eingang“ – in der Volksschule Guntramsdorf (NÖ) stehen ab heute nicht nur eine, sondern gleich drei Türen offen. Dort werden die Lehrerinnen und Lehrer mit Desinfektionsmittel auf die Kinder warten. In der Warteschlange soll genug Abstand gehalten werden. Die Lehrkräfte tragen ein Schutzvisier. „So sieht man weiterhin das Lächeln, die Mimik“, sagt Direktorin Judith Händler beim Lokalaugenschein während der letzten Vorbereitungen. Man werde sich bemühen, den Alltag für die Kinder nun „so normal wie möglich“ zu machen, sagt sie. Dass vieles sehr anders ist, lässt sich aber nicht leugnen. Nur halb so viele Tische stehen in den Klassen, pro Kind ein Tisch. Die Kinder sind in sich abwechselnde Gruppen eingeteilt.

„Helena – Gruppe A“ steht auf einem Namensschild am Schultisch. Eine Packung Schokolinsen, eine Stange Traubenzucker und ein Zettel „Schön, dass du wieder da bist“ liegen daneben. Es hat etwas von der Schultüte am ersten Schultag – was in gewisser Weise auch zutrifft. Die Maxime der Pädagoginnen und Pädagogen: „Die Kinder sollen nicht das Gefühl haben, dass sie gefährlich sind“, sagt die Direktorin. Trotzdem sollen Sicherheitsabstand und strenge Hygiene-Regeln eingehalten werden, kein einfacher Spagat für das Lehrpersonal.

Die Schließung der Schulen war zu Beginn des „Shutdowns“ eine der ersten Maßnahmen, die verkündet wurden. Es war ein Mittwoch. Zwei Tage blieben dem Lehrpersonal und deren Schülerinnen und Schülern damals noch, um einen schnellen Plan zum „Distance Learning“ zu fassen. Mit ein paar Arbeitsaufträgen im Gepäck und teils nur groben Anweisungen verließen sie dann Mitte März alle die Klassenzimmer.

Wie das „Home-Schooling“ geregelt wurde, war teilweise von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Zwar blieben die Schulen weiterhin geöffnet, besucht wurden sie aber während der vergangenen zwei Monate nur von einigen wenigen Kindern, die zu Hause nicht betreut werden konnten.

Nun starten die Pflichtschüler zum zweiten Mal in diesem Schuljahr in ihren „ersten“ Schultag. Bis Schulschluss bleiben jedem durch die Gruppenteilung noch 14 Tage in der Klasse. Losgelegt wird in der VS Guntramsdorf am ersten Tag aber nicht mit Frontalunterricht, sondern mit Austausch. „Jedes Kind hat diese Zeit anders erlebt, wir werden viel darüber reden“, sagt Händler.

Distanz im Spiel lernen

Beim Austausch im Sitzkreis wirft man sich keinen Ball zu. Stattdessen gibt es andere Spiele, bei denen man ganz bewusst mit Berührung umgeht: Zwei Scheiben Toastbrot liegen in getrennten Frischhaltebeuteln. Der eine Toast soll durch die Runde gehen – Hände werden danach gewaschen und desinfiziert. Der andere Toast bleibt in dem Sackerl. Die Kinder sollen so den Unterschied, den eine Berührung ausmacht, wirklich sehen können. Schritt für Schritt wird auf die unterschiedlichsten Arten geübt, Distanz zu wahren und die Hände sauber zu halten.

Die Gruppeneinteilung erfolgte in erster Linie nach Arbeitssituation der Eltern, in zweiter Linie nach Geschwisterpaaren. Erst an dritte Stelle konnten Freundschaften gestellt werden. Vor allem für Viertklässler, die vor dem Abschluss stehen, ist das schwierig. „Wir hoffen, dass wir es zumindest am letzten Schultag organisieren können, dass alle Kinder der Abschlussklassen sich zumindest noch einmal sehen dürfen“, sagt Händler. Darauf hofft auch die benachbarte Mittelschul-Direktorin Christa Friedl: „Normalerweise lassen wir die gemeinsame Zeit nach vier Jahren immer Revue passieren. Wäre schön, wenn wir das auch dieses Jahr schaffen“, sagt sie.