© Bildagentur Muehlanger

Chronik Österreich
07/18/2021

Vom Almleben im Schatten des Problemwolfs

50 Schafe sollen Wölfe im gerissen haben. Fast alle Bauern haben ihre Tiere abgetrieben. Nur Familie Wallner ist geblieben.

von Anja Kröll

Tobias trägt Gummistiefel, eine kurze Lederhose und einen weißen Kübel mit „Leck“. Klopft er gegen den Behälter mit Futter, beginnen die roten Wangen des Elfjährigen noch ein wenig stärker zu leuchten.

Dann kommen sie gerannt: das Gescheckte, das eine, das so gerne springt und das Schüchterne. „Na, das Schüchterne gibt’s nimmer, das hat er g‘holt“, erklärt Tobias Wallner.

Mit „er“ ist auf der Poludnig Alm, dem Revier der Schafe von Familie Wallner, die als Vieh-Halter hier arbeitet, dieser Tage nur einer gemeint: der Wolf.

Seit Wochen haben zwei Wölfe die Berghänge im Kärntner Gailtal ebenfalls zu ihrem Revier erklärt.

25 Schafe gerissen

Die Bilanz nach wenigen Almsaison-Wochen lautet: 25 Schafe gerissen, rund 30 vermisst. Vergangenes Wochenende zog ein Großteil der 15 Bauern, die normalerweise ihr Vieh im Sommer auf der Alm hoch über Hermagor halten, die Konsequenz: Sie trieben die Tiere ins Tal ab.

Einzig Familie Wallner ist mit 15 Tieren geblieben. „Wir wohnen im Sommer auf der Poludnig Alm, haben einen Stall und können so das Vieh ab 17 Uhr einsperren“, sagt Ruth, die Großmutter von Tobias.

Für Familie Wallner ist es der erste Sommer als Halter auf der Poludnig-Alm. Ebenso wie für den Wolf, der davor hier nie in Erscheinung getreten sei. Dabei ist man große Beutegreifer in der Gegend gewohnt. „Der Bär reißt jeden Sommer rund 20 Schafe. Aber das sind 20 in der Saison, nicht in drei Wochen“, sagt Thomas Brugger, Obmann der Almgemeinschaft.

Die Gailtaler Almgemeinschaft hat bereits einen Antrag auf Abschuss des streng geschützten Wolfes gestellt. Aber die Entscheidung dauert. „Alles dauert“, sagt Ruth Wallner, als man ihr in die Holzstube der Almhütte folgt. Am Küchentisch erzählt sie weiter:

Wird ein Schaf gerissen, werde das Land verständigt. Dann komme der Wolfsbeauftragte, nehme eine Probe und drei Wochen später ist der DNA-Nachweis da. „Es geht uns ja nicht um die Entschädigung. Wir ziehen die Tiere von klein an auf, sie folgen uns auf Zuruf und dann müssen sie so leiden“, sagt sie.

In den Hals gebissen

So wie das kleine Lamm, das Tobias wenig später bei einem Rundgang auf den Hängen der Poludnig Alm herzeigt. „Das ist erst heute aufgetaucht. Der Wolf hat es in den Hals gebissen“, sagt er, schnappt sich das Tier, legt es auf und den Rücken und deutet auf zwei Löcher im Hals. Der Wolf würde nicht alle Tiere töten, viele bleiben mit Bisswunden zurück. Die Vermutung, dass es sich um Hybrid-Tiere handelt, eine Mischung aus Wolf und Hund, liegt nahe.

Die Antwort, ob der Wolf geschützt, oder geschossen gehört, fällt auf gut 1.700 Höhenmetern einstimmig aus. Auch die Wirkung von Weideschutzgebieten – Bereiche, in denen kein Herdenschutz (Hunde oder Zäune) möglich ist und der Abschuss des Wolfes schneller vonstattengehen soll – sieht man kritisch.

„In unserem Gebiet ist Herdenschutz sowieso unmöglich. Wir sind touristisch erschlossen. Da holen Sie mal Herdenschutzhunde. Wenn die den ersten Wanderer anfallen, will ich die Schlagzeilen sehen“, sagt Obmann Brugger.

Auch für den 35-Jährigen ist es das erste Jahr in seiner Funktion. Auf forstwirtschaftliche Belangen habe er sich eingestellt, bekommen hat er den Wolf. „Hoteliers erzählen schon, dass Leute ihren Urlaub absagen, weil sie nicht im Wolfsgebiet wandern wollen“, so Brugger.

Angst vor dem Wolf hat Familie Wallner nicht. Tobias berichtet stolz von einem Messer und selbst geschnitzten Pfeilen zur Verteidigung. Seine Großmutter lächelt dann und streicht ihm durchs Haar.

Almen wachsen zu

„Was mir Sorgen bereitet, sind die Folgen“, sagt Ruth Wallner. Gemeint sind Almen, die zuwachsen, weil zu wenig Vieh grast. Bleibt das hohe Gras stehen, können sich im Winter leichter Gleitschneelawinen lösen, die die Almhütten bedrohen.

„Wir wissen nicht, ob die Bauern kommenden Sommer überhaupt noch Schafe auftreiben. So ein Massaker tut sich niemand noch einmal an und sollte der Wolf statt Schafen jetzt Kälber attackieren, dann gute Nacht“, sagt Obmann Brugger und zeigt zum Beweis das Foto einer Kuh mit eigenartigen Rissverletzungen. Die Abklärung der Spuren laufe.

Familie Wallner will jedenfalls weitermachen. „Die Leute sagen immer: Pass nur auf, der Wolf frisst gerne Großmütter. Ich antworte: Bin ich froh, dass ich zwei Enkelsöhne und kein Rotkäppchen habe“, sagt Ruth und treibt die Schafe für die Nacht in den Stall.

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