Chronik | Österreich
12.05.2017

"Verzweiflungstat": Geisel sechs Stunden festgehalten

28-Jähriger verschanzte sich mit einem Taxifahrer in einer Bankfiliale. Unblutiges Ende gegen 15.30 Uhr.

"Seien wir froh, dass es gut ausgegangen ist", sagte ein sichtlich mitgenommener Taxiunternehmer aus St. Johann in Tirol. Knapp sechs Stunden lang war einer seiner Fahrer in der Gewalt eines Geiselnehmers, der sich von ihm zur Bankfiliale im Kirchdorfer Ortsteil Erpfendorf (Bezirk Kitzbühel) bringen hatte lassen. Der Verdächtige, ein 28-jähriger Einheimischer, drohte mit einer Schusswaffe und vermeintlichen Sprengfallen. Gegen 15.30 Uhr gab es dann Entwarnung: Der Mann erkannte die Aussichtslosigkeit der Lage und gab auf. Von einer "Verzweiflungstat" und einer "Kurzschlusshandlung" sprach Tirols Landespolizeidirektor Helmut Tomac. Die angebliche Waffe stellte sich als Softgun heraus. Beim "Sprengstoff" handelte es sich um Attrappen.

Mehr als 200 Polizisten

Begonnen hat der Polizei-Großeinsatz mit mehr als 200 Beamten bereits gegen 9.30 Uhr. Als die ersten Beamten eintrafen, war zunächst nicht klar, ob sich der Täter noch in der Filiale befand, oder nicht. Kurze Zeit später stand fest: Der Verdächtige war immer noch im Gebäude – und er hatte eine Geisel genommen.

Zahlreiche Erpfendorfer, die rund um die Bankfiliale wohnen, erlebten bange Momente. Nach und nach sah man im Ortszentrum schwer bewaffnete Polizisten in schusssicheren Westen, die Personen aus der Gefahrenzone brachten. Aloisia Auer, die aus einem Haus in Sichtweite zur Bank evakuiert wurde, sagte: "Hoffen wir, dass das gut ausgeht." Sie beobachtete die Szenerie, als die Polizei anrückte. "Als Erstes schaut man natürlich auf die Bank. Dort waren schon die Jalousien heruntergelassen", erinnerte sich Auer. Auch Kindergartenkinder und Schüler wurden in Sicherheit gebracht.
"Ich habe gerade gearbeitet, als mir die Elternsprecherin der Schule meiner Kinder ein SMS geschickt hat, dass wir unsere Kinder heute nicht von der Schule abholen können. Dann mussten wir auch noch unser Haus verlassen. Ich hatte schon ein bisschen Panik", schilderte Alexandra Dürnberger. Sohn Moritz und Tochter Pia fanden den Trubel mit den schwer bewaffneten Polizeieinheiten hingegen offensichtlich aufregend.

Kontakt zum Täter

Rund eine halbe Stunde nach Beginn der Geiselnahme gelang es den Spezialisten, mit dem Verdächtigen zu sprechen. Die Landespolizeidirektion Tirol richtete einen Einsatzstab ein. Auch die Spezialeinheit Cobra war vor Ort.

Das Taxi, mit dem sich der Verdächtige, von seiner Geisel chauffieren ließ, wurde inzwischen von Cobra-Männern weggerollt. Währenddessen drehte Kirchdorfs Bürgermeister Gerhard Obermüller seine Runden im Ort. Er hatte für den Fall vorgesorgt, dass die Geiselnahme länger dauert: "Wenn es Bedarf gibt, haben wir Unterkünfte für die Personen bereitgestellt, die ihre Häuser und Wohnungen verlassen mussten."
Doch kurz vor 16 Uhr gab die Polizei Entwarnung: "Nach intensiven Verhandlungen durch die Beamten der Polizei-Verhandlungsgruppe konnte der Täter dazu bewegt werden, die Geisel freizulassen", teilte die Exekutive mit. Dem Opfer gehe es den Umständen entsprechend gut. Zum genauen Motiv machte die Polizei am Freitag keine Angaben. Bestätigt wurde nur, dass sich Geiselnehmer und sein 32-jähriges Opfer bereits vor der Tat kannten.