Die Schneefälle der vergangenen Tage sorgen in Teilen Österreichs für massive Gefahren und Behinderungen. Im Bild Leitungsmonteure der Tiwag bei Reparaturarbeiten am Stromnetz

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Chronik Österreich
11/19/2019

Wetter: Alleine das Land Tirol geht von zehn Millionen Euro Schaden aus

Die Lage entspannt sich. Aber es herrscht große Sorge, dass sich aus dem aufgeweichten Boden Erdrutsche bilden.

Die von den Unwettern der vergangenen Tage geplagten Menschen in Österreich hoffen auf ein glimpfliches Ende der anhaltenden Niederschläge. Die Meteorologen erwarteten für Dienstag in Osttirol und Kärnten nochmal verbreitet Regen und Schnee, die Niederschläge sollten aber nicht so extrem ausfallen wie an den Vortagen.

Die Unwetter in den vergangenen Tagen in Tirol haben laut ersten Schätzungen des Landes Tirol rund zehn Millionen Euro Schaden verursacht. Derzeit gäbe es eine Entspannung, „wir müssen aber weiterhin auf der Hut sein“, sagte Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) am Dienstag bei einer Pressekonferenz nach der Regierungssitzung. Das Land stelle nun Mittel aus dem Katastrophenfonds zur Verfügung.

Auf welche Summe sich die Schäden tatsächlich belaufen, könne man aber erst zum Schluss genau beurteilen, sagte Platter, der die Gefahr in Osttirol noch nicht gebannt sah. Außerdem könne man feststellen, dass die Zeiträume zwischen solchen Ereignissen immer kürzer werden. In Spitzenzeiten waren während der Unwettersituation, die vor allem Osttirol betrifft, 1.800 Einsatzkräfte gleichzeitig an der Arbeit. Die Mitarbeiter in der Leitstelle sowie in der Landeswarnzentrale wurden verdoppelt.

„Massive Schäden“ verzeichne man vor allem im Forstbereich, berichtete Landeshauptmannstellvertreter Josef Geisler (ÖVP). Rund 150.000 Kubikmeter Schadholz habe das Unwetter gefordert. Weil der Boden noch nicht gefroren war, seien zahlreiche Bäume unter der Schneelast umgeknickt. Zudem gestalten sich die Einzelentnahmen dieser Bäume schwierig.

Doch auch, wenn es schön langsam Entwarnung gibt. Die Sorge ist groß, dass sich vor allem an steilen Hängen der aufgeweichte Boden löst und es zu gefährlichen Erdrutschen kommt. „Die Lage bleibt angespannt“, teilte die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik mit. Am Montag war ein 79-Jähriger von so einem Hangrutsch hinter seinem Haus verschüttet und getötet worden.

Im Gurktal in Kärnten richten sich die Blicke zudem auf die Pegelstände. Am Montag waren die Feuerwehren hier bereits vielerorts mit Überschwemmungen konfrontiert. Erst ab Mittwoch sind dann vorerst keine neuen Regen- und Schneefälle zu erwarten.

Bub mit Blinddarmdurchbruch ausgeflogen

Wegen vieler verschütteter und gesperrter Straßen funktioniert auch die Rettungskette nicht immer einwandfrei. So etwa beim Fall des drei Jahre alten Rafael. Wie der ORF berichtet, wurde von einer Hausärztin in Heiligenblut am Großglockner ein Blinddarmdurchbruch diagnostiziert. Der Ort ist seit Tagen von der Außenwelt abgeschnitten. Feuerwehrleute bereiteten am Montagabend alles für die Landung des ÖAMTC-Rettungshubschraubers aus Klagenfurt vor. Die Apriacher Landesstraße wurde gesperrt und vom Schnee freigemacht. Autofahrer wurden aufgefordert, ihre Lichter abzuschalten, weil der Pilot mit einem Nachtsichtgerät landete.

In der Steiermark blieben die Helfer skeptisch. „Der nächste Regen wird die Lage noch gefährlich zuspitzen. Es wird weitere Muren und Überschwemmungen geben“, sagte Katastrophenschutzreferent Michael Schickhofer.

Aufgrund der gefährlichen Situation galt auch in der Nacht auf Dienstag in einigen Orten wieder der sogenannte Zivilschutzalarm. Viele Straßen und auch einige Bahnstrecken bleiben vorerst gesperrt, die Menschen wurden aufgefordert, lieber in ihren Häusern zu bleiben. Vor allem in Kärnten dürfen sich zahlreiche Kinder über einen weiteren schulfreien Tag freuen.

Die heftigen Schnee- und Regenfälle halten die Menschen im Westen und Süden Österreichs bereits seit vergangenen Mittwoch in Atem. Besonders betroffen waren seitdem stets Osttirol, Teile Kärntens, das südliche Salzburger Land und auch das italienische Südtirol. Erst für Mittwoch ist eine Ende der Niederschläge in Sicht. In Teilen des Bundeslandes Kärnten hat es im laufenden Monat bereits viermal so viel geregnet und geschneit wie sonst im gesamten November.

In Osttirol dürfte sich die Lage langsam beruhigen. Nach und nach würde eine Straßenverbindung nach der anderen wieder aufgehen. Zudem seien Kindergärten und Schulen großteils wieder geöffnet, teilte das Land am Dienstag mit. Auch die Lawinengefahr ging von Stufe 4, große Gefahr, auf Stufe 3, erhebliche Gefahr, zurück.

Und auch der hydrographischer Dienst des Landes Kärnten meldet aktuell eine Beruhigung der Lage: Niederschläge von Dienstag bringen keine größere Erhöhung der derzeitigen Abflüsse und Wasserstände.

Evakuierungen

Zuletzt mussten immer wieder Häuser evakuiert werden. Im Osttiroler Gaimberg waren Baggerarbeiten die Ursache für Räumung: Bei einem steil abfallenden Hang unterhalb eines Rohbaus samt Swimmingpool wurden mehrere Elemente einer Hangsicherung durch die Arbeiten aus der Bodenverankerung gerissen, um diese auszutauschen. Doch da dadurch der Hang instabil erschien und auf die darunterliegenden Wohnhäuser abzurutschen drohte, wurden die Arbeiten vom Bürgermeister eingestellt. Eine Begutachtung ergab, dass die Hangsicherung nicht mehr gegeben und daher ein Hangrutsch nicht mehr auszuschließen war. Die Wohnhäuser wurden daraufhin evakuiert. 18 Personen aus sieben Häusern wurden zum Teil in einem Hotel oder bei Verwandten untergebracht.

In Großarl in Salzburg spülte das Unwetter eine Brücke weg. Bauernhöfe waren abgeschnitten. Elf Personen wurden - teilweise mit Kränen - in Sicherheit gebracht.

Dienstagfrüh waren in Osttirol noch rund 1.000 Haushalte ohne Strom gewesen. Hauptbetroffen von den Stromausfällen waren weiter das Tauern- und Kalsertal, das Villgratental sowie das hintere Lesachtal bis zur Landesgrenze.

Durch den Starkregen der vergangenen Tage sind im Bezirk Zell am See, Salzburg, zahlreiche Hänge ins Rutschen gekommen. Muren blockieren wichtige Verkehrsverbindungen. Außerdem ist die Lawinengefahr weiter hoch.  Daher hat die Bezirkshauptmannschaft Zell am See das Bundesheer für einen Assistenzeinsatz angefordert. 49 Soldaten aus der Wallner-Kaserne unterstützen nun die freiwilligen Helfer in Thumersbach und Bruck an der Großglocknerstraße.


Assistenzeinsatz Planeralm

Weiters stehen derzeit in Kärnten, Salzburg und Osttirol fünf Bundesheer-Hubschrauber, jeweils zwei Black Hawk, zwei Agusta Bell 212 und eine Allouette III sowie ca. 100 Soldaten im Einsatz. Die Hubschrauber führen Evakuierungs-, Erkundungs-, und Versorgungsflüge durch und werden eingesetzt, um Bäume von den schweren Schneelasten durch den Abwind der Rotorblätter („Downwash“) zu befreien. Dadurch wird verhindert, dass Bäume umknicken und Stromleitungen unterbrochen werden.