Chronik | Österreich
27.10.2018

U(h)rkompliziert: Die Folgen einer neuen Zeitrechnung

Sonntagfrüh um 3 Uhr könnten zum letzten Mal die Uhren zurückgedreht werden. Firmen und Institutionen sind vorbereitet.

Wie es mit der Zeit in Europa weitergeht, weiß derzeit niemand. Der Ball liegt bei den EU-Staaten. Sicher ist bisher nur eines: Die halbjährliche Umstellung von Sommer- auf Winterzeit und zurück wird abgeschafft. Doch ob dann ständig Sommerzeit herrscht oder dauerhaft die Winterzeit eingeführt wird, das müssen die EU-Staaten entscheiden.

Und da liegt der Haken. „Die meisten Länder haben noch keine klare Position, sie sind einfach noch nicht so weit“, heißt es dazu in Brüssel auf KURIER-Anfrage. Während des österreichischen EU-Ratsvorsitzes hatte man gehofft, schnell zu einem gemeinsamen Ergebnis zu kommen. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Die Slowakei zieht die Winterzeit vor, Österreich dagegen die Sommerzeit, und die Mehrheit der EU-Staaten rechnet erst noch durch: Welche Folgen haben die veränderten Zeiten auf Flug- und Fahrpläne? „Das Ziel ist es jedenfalls, keinen Fleckerlteppich an Zeitzonen zu bekommen“, sagt eine mit den Verhandlungen betraute EU-Beamtin. Klar ist auch: Nur wenn alle EU-Staaten bis allerspätestens April eine gemeinsame Linie gefunden haben, werden die Uhren am Sonntag ein letztes Mal um eine Stunde zurückgedreht. Denn nur dann können EU-Staaten und EU-Parlament das Ende der Zeitumstellung rechtzeitig besiegeln – rechtzeitig vor den EU-Wahlen im Mai. In der von Österreich geleiteten Rats-Arbeitsgruppe ist man optimistisch: „Das kann sich ausgehen.“

Das Thema wird jedenfalls am Montag beim Treffen der EU-Verkehrsminister in Graz diskutiert.

ÖBB warten ab

Viele österreichischen Unternehmen sind schon jetzt gut vorbereitet. Mit am stärksten von einer Änderung betroffen wären die ÖBB. Sie stellen in der Nacht auf Sonntag 4000 Uhren um. Im aktuellen Fall werden die Zeitnehmer eine Stunde angehalten. „Die Uhren aktualisieren sich im Halbstundentakt, das läuft total automatisch ab“, sagt ÖBB-Sprecherin Juliane Pamme.

Große Auswirkungen hat die Zeitumstellung auf 18 Nachtzüge. „Sie stehen alle innerhalb dieser Stunde in einem geeigneten Bahnhof und fahren dann weiter“, erklärt Pamme. Die Züge kommen dann in der Winterzeit fahrplanmäßig pünktlich an. Sollte der Fall eintreten, dass jedes EU-Land selbst über die Zeit bestimmen kann und dann unterschiedliche Zeitzonen auch in Mitteleuropa gelten, wird es freilich komplizierter. Die Nachtzüge reisen durch acht Länder, also zukünftig womöglich durch unterschiedliche Zeitzonen. Die ÖBB wollen über dieses Szenario aber noch nicht spekulieren. „Wenn dieser Fall eintritt, müssen wir mit den Nachbarländern sprechen.“

Beim Technologiekonzern S&T AG, einem Anbieter von IT-Dienstleistungen sieht man die angedachte Änderung bei der Zeitumstellung gelassen. Im Grunde funktioniere die Zeitumstellung auch bei größeren IT-Anwendungen wie bei Windows-PC’s ohne Probleme, sagt ein Sprecher. Beim Bankomatbetreiber Payment Services Austria erfolgt die Zeitumstellung ebenfalls vollautomatisch. „Für das Bankomatsystem und seine Nutzer spielt es deshalb auch keinerlei Rolle, ob die Zeitumstellung abgeschafft oder weitergeführt wird“, heißt es. Auch die schon jetzt existierenden unterschiedlichen Zeitzonen gehörten zur Routine, somit würden auch unterschiedliche Regelungen in Mitteleuropa kein Problem bedeuten.

Bei der Stadt Wien mit ihren 74 öffentlichen Uhren und den Wiener Linien mit rund 4500 Uhren, 4000 Fahrscheinentwertern und 900 Ticketautomaten sieht man die mögliche Änderung ebenfalls entspannt. Sie hätte praktisch keine Auswirkung, da alles über Funk läuft, heißt es. Die rund 3000 österreichischen Pfarren mit ihren Kirchturmuhren wären von einer Änderung auch betroffen. In der Erzdiözese Wien ist jede Pfarre selbst für die Umstellung zuständig, doch auch die meisten Kirchturmuhren sind Funkuhren und stellen sich somit selbst um.

Gefahr für Schulkinder

Die Stimmung in der Bevölkerung ist relativ klar. Bei einer Straßenumfrage des KURIER sprach sich die Mehrheit für ein Ende der Zeitumstellung aus, bei der EU-Befragung zu diesem Thema waren 77 Prozent dieser Meinung.

Ein Problem könnte die dauerhafte Sommerzeit für Schulkinder sein. Davor warnt der Dachverband der Elternvereine an öffentlichen Pflichtschulen. Mit der ganzjährigen Sommerzeit würde man Kinder „monatelang einer erhöhten Gefahr auf dunklen Schulwegen aussetzen. Diese Gefahr ist real und vermeidbar“, betont Vorsitzende Evelyn Kometter. Sie spricht sich klar für eine Beibehaltung der Winterzeit aus.

Für „mehr Gelassenheit“ in der Diskussion plädiert der Neurologe Stefan Seidel, Leiter der Spezialambulanz für Schlafstörungen am AKH Wien. „Man sollte nicht zu viele Ängste schüren – weil Angst schürt nur wiederum die Schlaflosigkeit“.

„Mini-Jetlag“

Was mehr ins Gewicht falle als die Anpassungsschwierigkeiten bei einer Zeitumstellung bzw. die Frage der dauerhaften Sommer- oder Winterzeit sei „der Mini-Jetlag, den sich viele Menschen jede Woche von Sonntag auf Montag selbst machen: Viele züchten sich durch langes Aufbleiben am Wochenende und frühes Aufstehen am Montag einen Schlafmangel und sind dann zu Wochenbeginn weniger leistungsfähig.“ Andere würden sich durch langes Starren auf Bildschirme „um den Schlaf bringen“.

Natürlich sei es für den Körper gut, wenn es beim Aufstehen bereits hell ist: „Aus schlafmedizinischer Sicht ist es aber am wichtigsten, dass der Schlafbedarf gedeckt ist – und der beträgt bei einem Schulkind zehn bis elf Stunden, bei einem Erwachsenen sechs bis acht.“