Chronik | Österreich
11.06.2017

Uganda: Österreichs Helfer am Weißen Nil

Rund eine Million Kriegsflüchtlinge aus dem Südsudan müssen mit sauberem Trinkwasser versorgt werden.

Gnadenlos brennt die Sonne in diesen Junitagen vom fast wolkenlosen Himmel. Ein paar Jugendliche starten dennoch ein schweißtreibendes Kickerl mit ihrem selbst gebastelten "Fetzenlaberl" – zumindest ein wenig Zeitvertreib, denn zu tun gibt es nichts in Mvepi, dem Erstaufnahmelager für Flüchtlinge aus dem Südsudan. Bloß warten auf den Registrierungsprozess und dann auf den Weitertransport in eines der Flüchtlingscamps hier im Norden Ugandas.

Fabian Richard Wani ist der Einzige, der (bereits im März dieses Jahres) kam und blieb. Denn die Dienste des Pastors werden dringend benötigt: Als Freiwilliger nimmt er Übersetzungstätigkeiten wahr, weil viele Neuankömmlinge nur Arabisch sprechen. "Ich selbst war bis vor Kurzem in (der südsudanesischen Hauptstadt) Juba. Doch es wurde immer schlimmer", sagt der 34-Jährige.

Die Regierung, die in einen auch entlang ethnischer Linien verlaufenden Machtkampf mit Rebellen verstrickt ist (siehe unten), habe ihm sogar vorgeworfen, zu seinen drei eigenen Kindern auch drei Waisenkinder aufgenommen zu haben. Nachdem der Druck auf religiöse Führer immer heftiger geworden und ein hoher Priesterkollege sogar in einer Latrine eingesperrt worden sei, habe er begonnen, seine Flucht zu planen.

Mord & Vergewaltigung

Zuerst habe sein Bruder alle Kinder zu sich aufs Land geholt. Dann habe auch der Geistliche nächtens die Stadt verlassen. "Ich bin zwei Tage lang in mein Dorf gegangen, weitere zehn Tage habe ich gebraucht, um ins sichere Uganda zu gelangen", erzählt Wani, der wie alle Geflohenen von Mord und Vergewaltigung berichtet: "Ich schäme mich, was da in meinem Land passiert", sagt er unter Tränen.

Insgesamt haben die seit 2013 anhaltenden Kämpfe knapp zwei Millionen der 12,5 Millionen Südsudanesen zu Binnenflüchtlingen gemacht, fast ebenso viele flohen ins Ausland, in Uganda sind bereits eine Millionen Vertriebene gestrandet. Und täglich werden es mehr.

"Bei uns in Mvepi kommen täglich zwischen 2000 und 2500 Menschen an, 80 Prozent davon sind Frauen und Kinder", erläutert Simon Anyanzo vom ugandischen Roten Kreuz. Mit seinem breitkrempigen Hut und dem hölzernen Gehstock trägt er die Insignien des Chefs des Erstaufnahmezentrums. Ziel sei es, die Flüchtlinge binnen 48 Stunden durchzuschleusen und in der Region unterzubringen. Doch wegen des Massenansturms kann dieser Prozess auch schon einmal eine ganze Woche dauern.

Die Leute, die von den ugandischen Behörden per Bussen nach Mvepi gebracht werden, werden zunächst medizinisch untersucht, Kinder geimpft. Danach werden alle biometrisch registriert (Fingerprints, Foto) und erhalten einen Ausweis. Ehe sie endgültig abgefertigt werden, bekommen sie Matten zum Schlafen, Decken, Planen, um sich damit und mit Ästen eine einfache Unterkunft zusammenzubauen, ein kleines Koch-Set sowie einen Wasserkanister, Seife und eine Solarlampe. Dann geht es weiter mit Viehtransportern zum zugewiesenen Platz.

In Uganda erhält jede Flüchtlingsfamilie ein Land im Ausmaß von 50 mal 50 Metern, das sie bewirtschaften kann. Aufgrund des ungebremsten Zustroms allerdings wird derzeit überlegt, die Fläche auf 30 mal 30 Meter zu verringern.

"Eines der größten Probleme freilich ist es, die Menschen mit sauberem Trinkwasser zu versorgen", sagt Michael Opriesnig, Vize-Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes ( ÖRK), der sich kürzlich selbst ein Bild vor Ort machte. Das ÖRK ist nach einem Hilferuf der ugandischen Partnerorganisation seit Februar dieses Jahres mit vier Mitarbeitern in der Region für die Wasseraufbereitung zuständig. "Mittel- und langfristig müssen jedoch neue Wasserquellen erschlossen werden. Dabei werden wir mit unseren Experten unterstützen", betont Opriesnig.

Seine Feldstation, das "Kam Kam"-Camp, hat das ÖRK direkt am Weißen Nil aufgeschlagen – 90 Autominuten von der größeren Stadt Arua entfernt (siehe Grafik). Die Lage an dem Altarm ist idyllisch – an Infrastruktur gibt es dafür gar nichts. Strom muss mittels Generator produziert werden, für Laptops, Handys und ein wenig Licht am Abend. Um 22 Uhr ist damit Schluss, dann spannt sich nur noch der beeindruckende Sternenhimmel über die ÖRK-Zelte.

600.000 Liter täglich

"Täglich säubern und chlorieren wir 600.000 Liter Wasser", sagt Georg Ecker, der bis vor Kurzem das Team geleitet hat. Der 54 Jahre alte Haudegen, der schon an diversen Katastropheneinsätzen weltweit teilgenommen hat, erkrankte zuletzt in Uganda an Malaria, sein Kollege Andreas Waser ebenso. Doch auch die Krankheit konnte die beiden nicht in die Knie zwingen, evakuieren ließen sie sich nicht.

Den ganzen Tag über sammeln sich Tank-Laster, um das Wasser über teils elend schlechte Straßen zu den Flüchtlingen zu bringen, aber auch um die örtliche Bevölkerung zu versorgen. Ein Einsatz, der pro Monat mit 400.000 Euro zu Buche schlägt, aber immens wichtig ist: "Spätestens ab September kommt die große Regenzeit. Und wir haben Riesenangst, dass dann die Cholera ausbrechen könnte, wenn die Leute nicht das nötige saubere Trinkwasser haben", sagt Waser.

Ursprünglich war das österreichische Projekt für 40.000 Menschen ausgelegt, doch jetzt müssen 80.000 versorgt werden. Im Schnitt (Verluste abgezogen) kommen damit fünf bis sieben Liter pro Person und Tag. "Das ist aber die Untergrenze, die gerade noch akzeptabel ist", berichtet der Biologe Ecker.

Schub für die Dörfer

Die Aktivitäten seines Teams haben auch positive Auswirkungen auf die Bevölkerung im angrenzenden Dorf. Bis zu 60 Einheimische werden täglich beschäftigt, um das Areal der Wasseraufbereitung in Schuss zu halten – ein Zusatzeinkommen für die arme Bevölkerung. "Und es haben hier gleich zwei ,Gasthäuser‘ aufgesperrt in Form von einfachen Hütten. Dort werden die Fahrer der Tank-Laster verköstigt, was die lokale Wirtschaft ankurbelt", erzählt Andreas Waser.

Beliefert wird unter anderem das "Rhino"-Flüchtlingslager. Dort ist das Erstaufnahmezentrum wegen der Überbelegung von mehr als 90.000 Menschen derzeit ebenso geschlossen wie das im Camp "Bidibidi". In Letzterem sind fast 300.000 Kinder, Frauen und Männer untergebracht, so viele wie in keinem anderen Flüchtlingslager in Afrika. Womit das Areal von Mvepi derzeit das einzige Nadelöhr für alle neu ankommenden Vertriebenen aus dem Südsudan ist.

Aufruf

Im Rahmen der Ostafrika-Hilfe von "Nachbar in Not" bittet das Rote Kreuz um Spenden

Südsudan: Krieg im jüngsten Staat

Beginn

Nur gut zwei Jahre nach der Unabhängigkeit 2011, womit der Südsudan der jüngste Staat der Welt ist, begann der Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir und seinem damaligen Stellvertreter Rick Machar. Letzterer wurde gefeuert und begann eine offene militärische Konfrontation mit der Staatsgewalt. Die Auseinandersetzungen verlaufen entlang ethnischer Linien zwischen der größten Volksgruppe der Dinka (Kiir) und der Nuer (Machar).

Folgen

Zehntausende Menschen wurden getötet, zwei Millionen im Land vertrieben, zwei Millionen weitere flohen ins Ausland, davon eine Million nach Uganda.

Dürre

Erschwert wird die Lage für die Menschen dadurch, dass auch der Südsudan von den Folgen der Dürre in Ostafrika massiv betroffen ist. Bis zu fünf der zwölf Millionen Einwohner könnten demnächst auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein.