Chronik | Österreich
01.09.2017

Tschetschenen-Bande unter Terrorverdacht

Ein Mitglied der festgenommenen, neunköpfigen Gruppe soll sich dem IS angeschlossen haben.

Raub, Brandstiftung und Schutzgelderpressung auf Bestellung: Damit hat eine mafiöse Tschetschenen-Bande dieser Tage für Schlagzeilen gesorgt – der KURIER berichtete.

Eventuell war das aber nur die Spitze des Eisbergs. Nach ihrer Festnahme sind die neun Verdächtigen nun auch im Visier des Verfassungsschutzes. Die Ermittler haben vor allem an Rizvan Ch. (39), einem in Wien-Favoriten lebenden Tschetschenen, großes Interesse. Er soll sich in Syrien dem IS angeschlossen und in den Dschihad gezogen sein. Bereits zuvor soll der Islamist weibliche Verwandte nach Syrien gebracht haben, um sie im Umfeld des IS zu verheiraten.

Nun liegt es an den Ermittlern festzustellen, welche Terrorgefahr von Rizvan Ch. und seinen Komplizen ausgeht. Dazu werden sämtliche sichergestellten Computer, Mobiltelefone und Unterlagen ausgewertet, die bei der "Operation Palace" vergangene Woche sichergestellt wurden. Der Festnahme der Verdächtigen waren monatelange Observationen und Telefonüberwachungen vorausgegangen.

Brandermittler des nö. Landeskriminalamts hatten den Ball ins Rollen gebracht, nachdem am 13. März in Hollabrunn die "Palace Pizzeria" mit einer riesigen Detonation in die Luft geflogen war.

Die Tschetschenen-Bande soll den Brand im Auftrag des bankrotten Lokalbesitzers gelegt und dabei einen entscheidenenden Fehler begangen haben. Es wurde so viel Benzin verwendet, dass die Dämpfe eine nicht gewollte Explosion auslösten. Auch wenn acht der neun Beschuldigten alle Vorwürfe bestreiten, deckt sich zumindest die Beichte des Fluchtwagenfahrers Salam Ch. (46) mit den Ermittlungen. Eine Stunde nach der Explosion lieferten zwei Männer den 37-jährigen Abdullah A. schwer verletzt im Wiener AKH ein. Der Tschetschene hatte einen Schlüsselbeinbruch erlitten, Glassplitter und Metallteile steckten in seinem Körper.

Vom Portal getroffen

Dem Polizeiakt zur Folge war der Drahtzieher der Bande vor dem Portal der Pizzeria gestanden, als seine Gefolgsleute zündelten. Auch der 43-jährige Adam K. soll dabei gewesen sein. Laut dessen Anwalt, Wolfgang Blaschitz, war das nächtliche Treffen in Hollabrunn aber friedlicher Natur. "Sie wollten Pizza essen gehen, als das Gebäude in die Luft flog, sagt mein Mandant", so Blaschitz. Drei von einander unabhängige V-Männer lieferten der Polizei weitere Beweise für die mafiösen Machenschaften.

Nachdem die Bande die vereinbarten 150.000 Euro für den Brand nicht bekam, weil die Versicherung nicht zahlte, soll der Vermittler des Geschäfts entführt worden sein. Am 4. Mai wurde der Chef von drei türkischen Friseursalons in ein Waldstück verschleppt. Die Tschetschenen sollen ihn "bearbeitet" und gedroht haben, ihm ins Knie zu schießen, wenn sie ihr Geld nicht bekommen. Adam K., Abdullah A. und Salem Ch. sollen außerdem auf Bestellung einen Brandanschlag auf einen türkischen Supermarkt in Krems geplant haben.

"All diese Vorwürfe beruhen auf den Aussagen von Informanten, die vor Gericht nicht aussagen. Abgesehen von ihrer Ethnie, gibt es keine Anhaltspunkte einer Zusammengehörigkeit der Gruppe", erklärt Anwalt Florian Kreiner, der sechs der neun Männer vertritt. Kreiner bekrittelt, dass nur gegen die Neun ermittelt wird und eine rivalisierende Gruppe unbehelligt bleibe.

Ein schlechter Ruf ist Gold wert

Bei Ermittlern gelten tschetschenische Straftäter als "harte Hunde". Viele haben Kampferfahrung, oft sind sie bewaffnet. Auch Andreas Holzer, Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt, kennt die Besonderheiten der Ethnie. "Tschetschenen sind sehr auf ihren Ruf bedacht, auch wenn das ein krimineller Ruf ist. Sie wollen sich ein gewisses Standing aufbauen. Eine Haftstrafe ist dabei nicht hinderlich", schildert Holzer.

Verhaltensregeln

Innerhalb der Polizei gibt es einen eigenen Leitfaden im Umgang mit der Volksgruppe: Stehen die Beamten einer Gruppe gegenüber, geht es einerseits darum, Autorität zu vermitteln, aber andererseits auch Respekt zu zeigen. "Eine Amtshandlung vor den anderen würde einen Gesichtsverlust bedeuten", sagt Holzer. Da speziell bei Tschetschenen die Ehre einen hohen Stellenwert hat, könnte das rasch zu einer Eskalation führen.

Die Polizei hat relativ oft mit Tschetschenen zu tun. Rund 30.000 leben in Österreich. Im Vorjahr wurden 3200 Straftaten durch Personen aus der "Russischen Föderation" angezeigt, 40 Prozent davon in Wien. Auch bei den IS-Kämpfern sind sie führend: 279 Personen aus Österreich reisten in den Dschihad, 112 davon waren Tschetschenen.

Auffällig wird die Gruppe vor allem bei Delikten wie Körperverletzung oder gefährlicher Drohung. Und da geraten selbst Jugendliche ins Visier der Ermittler – wie etwa im Fall der Goldenberg-Bande – ein Großteil der Mitglieder befindet sich übrigens wieder auf freiem Fuß. Im kommenden Jahr wird auch der Bandenchef aus der Haft entlassen.

Die aktuellen Festnahmen (siehe oben) betreffen eine Schutzgeld-Bande. Sie hatte laut Ermittlungen Unternehmer mit Migrationshintergrund erpresst. In Lokalen ließ die Bande Kellner auskundschaften, was zu holen ist und ob es Schwarzgeld-Konten gibt. "Sie wussten ganz genau, wer wie viel zahlen kann", sagt Holzer. Seit den Festnahmen ist es ruhiger geworden.

Dennoch: In Graz, Linz, Wien und auch in Vorarlberg dürften weiterhin kleinere Gruppen aktiv sein. Verbindungen gibt es auch in Nachbarländer. "Die Autoritäten, die alles steuern, sitzen oftmals im Ausland", sagt Holzer.