Asiatische Riesenkarpfen in der Donau: „Bis zu fünf Millionen Eier“
Mit weit geöffnetem Maul ziehen sie durch die Neue Donau, manche Exemplare werden bis zu 1,5 Meter lang und 50 Kilogramm schwer. Wer beim Wehr 2 genau ins Wasser schaut, kann die ungewöhnlichen Riesenfische regelmäßig beobachten. Unter ihnen befinden sich laut dem Wiener Naturfotografen Georg Popp sogar mindestens zwei Albinos.
Bei den Tieren handelt es sich um sogenannte Tolstolob, asiatische Großkarpfen, die ursprünglich aus Ostasien stammen. Popp, der die Tiere für sein Projekt „Wiener Wildnis“ fotografiert hat, beobachtet ihre Entwicklung schon länger. „Die Karpfen wurden in den 70er- und 80er-Jahren bewusst in der Donau ausgesetzt, um das Wasser zu filtern“, erzählt der Fotograf dem KURIER. Die Hoffnung sei damals gewesen, mit den Fischen für klareres Wasser zu sorgen.
Tatsächlich wurden verschiedene asiatische Fischarten im vergangenen Jahrhundert gezielt in europäischen Gewässern angesiedelt. Auch in Wien ist der Einsatz solcher Fische historisch dokumentiert: Bereits 1970 berichtete die Stadt beispielsweise über das gezielte Aussetzen von 1.000 Weißen Amuren in der Alten Donau, um Wasserpflanzen zu reduzieren.
Einen Meter lang und mehrere Jahrzehnte alt
Das auffälligste Merkmal der Tolstolob ist gleichzeitig der Grund, weshalb sie überhaupt angesiedelt wurden. Die Fische sind Filtrierer und nehmen kleinste Nahrungspartikel aus dem Wasser auf. „Sie schwimmen mit offenem Maul durchs Wasser und filtern dabei ihre Nahrung heraus“, erklärt Popp. Für Angler macht sie das zu schwierigen Kandidaten. Klassische Köder interessieren die Tiere kaum. Wenn ein Tolstolob an einem Haken landet, dann laut Popp meist eher zufällig.
Ihre beeindruckende Größe macht die Fische dennoch unübersehbar. Exemplare können deutlich über einen Meter lang und mehrere Jahrzehnte alt werden. Ihr riesiges Maul und die tief sitzenden Augen verleihen ihnen ein Aussehen, das sich deutlich von vielen heimischen Fischarten unterscheidet.
Klimawandel befeuert Ausbreitung
Jahrzehntelang habe es laut Popp einen Faktor gegeben, der eine massive Vermehrung in Wien begrenzte: die Temperatur. Für ihre Fortpflanzung benötigen die asiatischen Fische ausreichend warmes Wasser und passende Bedingungen.
Doch genau hier sieht der Naturfotograf eine Veränderung. „Die Winter werden immer wärmer und die Durchschnittstemperaturen unserer Gewässer steigen ebenfalls“, sagt Popp. Damit könnten sich auch die Voraussetzungen für die Tiere zunehmend verbessern. Dass die Neue Donau im Sommer hohe Temperaturen erreicht, zeigen aktuelle Messungen der Stadt Wien: Ende Juli wurden beispielsweise unmittelbar oberhalb des Wehrs 2 rund 23 Grad gemessen; an der Arena Beach waren es knapp 25 Grad.
Ob höhere Temperaturen tatsächlich zu einer massenhaften natürlichen Vermehrung in der Neuen Donau führen werden, ist allerdings offen. Neben der Temperatur spielen bei der Fortpflanzung asiatischer Großkarpfen auch andere Bedingungen eine Rolle. Die Neue Donau ist zudem ein Sonderfall: Bei Normalwasser ist ihr Einlaufbauwerk geschlossen und sie verhält sich weitgehend wie ein stehendes Gewässer; bei Hochwasser wird Donauwasser durch die Neue Donau geleitet.
„Kipppunkt könnte in zehn, 20 oder 30 Jahren erreicht sein“
Popp blickt deshalb vor allem auf die langfristige Entwicklung. In den USA haben sich asiatische Karpfen in manchen Flusssystemen massiv ausgebreitet. Berühmt wurden insbesondere Silberkarpfen durch spektakuläre Aufnahmen: Durch Motorboote aufgeschreckt, springen die Tiere aus dem Wasser und landen mitunter sogar in den Booten.
Von solchen Zuständen ist Wien weit entfernt. Popp warnt dennoch davor, die Entwicklung zu unterschätzen. „Der Kipppunkt könnte in zehn, 20 oder 30 Jahren erreicht sein. Fakt ist: Ein Karpfen legt bis zu fünf Millionen Eier, und die Winter werden immer wärmer.“
Noch seien die Tiere vor allem ein spektakulärer Anblick. Doch sollte sich eine Population erst einmal stark ausbreiten, könnte es schwierig werden, sie wieder unter Kontrolle zu bringen. „Sie dann wieder loszuwerden, kann sehr, sehr teuer werden – so es überhaupt gelingt“, warnt Popp.
Abfischen mit Netzen bereits Thema
Das Problem sei in Wien zumindest am Radar. Laut Popp wurde bereits darüber nachgedacht, die großen Fische mit Netzen aus den Gewässern zu holen. Wie schwierig das werden könnte, habe sich seiner Einschätzung nach auch in der Unteren Lobau gezeigt. Dort seien im Zuge eines Fischsterbens ebenfalls größere Mengen Tolstolob aufgefallen.
Ob und in welchem Umfang ein Abfischen tatsächlich von der Stadt erwogen wurde, wäre noch von den Wiener Gewässern zu bestätigen. Fest steht: Die Neue Donau ist mit 21,1 Kilometern Länge und einer Wasserfläche von mehreren hundert Hektar ein enormes Gewässersystem. Allein zwischen Wehr 1 und Wehr 2 ist sie stellenweise bis zu sechs Meter tief.
Aufsehen über Landesgrenzen hinaus
Für Popp sind die Riesenkarpfen aber nicht nur ein mögliches ökologisches Warnsignal, sondern zunächst ein faszinierendes Stück Wiener Stadtnatur. Gemeinsam mit seiner Frau Verena Popp-Hackner gründete er vor mehr als einem Jahrzehnt das Projekt „Wiener Wildnis“. Mit ihren Aufnahmen wollen die beiden zeigen, welche außergewöhnliche Tier- und Pflanzenwelt direkt vor der Haustür der Wienerinnen und Wiener existiert. „Uns geht es darum, mehr Aufmerksamkeit für die urbane Natur zu schaffen“, sagt Popp.
Mit seinen Aufnahmen der Riesenkarpfen ist das jedenfalls gelungen. Die Bilder sorgten mittlerweile über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen: Popps Karpfen schafften es etwa bis in die deutsche Bild.
Noch sind die riesigen Fische am Wehr 2 vor allem eine Attraktion für Naturfreunde. Doch Popp sieht in ihnen zugleich ein Beispiel dafür, wie sich die Wiener Natur mit steigenden Temperaturen verändern könnte. Ob aus den auffälligen Exoten tatsächlich einmal eine dominante Art wird, ist offen. Für den Fotografen steht aber fest: Man sollte ihre Entwicklung im Auge behalten.
- Das Projekt: Die Naturfotografen Georg Popp und Verena Popp-Hackner gründeten „Wiener Wildnis“ Ende 2012. Ihr Ziel: die oft übersehene Tier- und Pflanzenwelt der Stadt sichtbar zu machen.
- Die Idee: Mit außergewöhnlichen Aufnahmen zeigen sie, wie viel Wildnis mitten in Wien steckt – von Füchsen und Bibern über Eisvögel bis zu den Riesenkarpfen in der Neuen Donau.
- Wenn es tiefer geht: Unterwasserfotograf Thomas Haider gehört zum Team und hilft mit, wenn es unter die Wasseroberfläche geht. Der international ausgezeichnete Wiener Fotograf macht die verborgene Unterwasserwelt der Stadt sichtbar.
- Fünf Fotobücher: Mittlerweile ist die Arbeit von „Wiener Wildnis“ in fünf Fotobüchern festgehalten. Darin widmet sich das Team unterschiedlichen Naturräumen der Stadt – darunter der Donauinsel, der Alten Donau und dem Liesingbach.
- Das neueste Buch: „Die Liesing – Ein Bach erwacht zum Leben“ erschien 2025. Georg Popp, Verena Popp-Hackner und Thomas Haider dokumentieren darin auf 224 Seiten den renaturierten Liesingbach und seine Tier- und Pflanzenwelt.
Der Eisvogel ziert das Cover des neuesten „Wiener Wildnis“-Fotobuchs „Die Liesing – Ein Bach erwacht zum Leben“. Darin zeigen Georg Popp, Verena Popp-Hackner und Unterwasserfotograf Thomas Haider die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt entlang des Wiener Liesingbachs.
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