Leben
08.07.2017

Wien: Wildnis in der Stadt

Frösche, Rehe, Igel, Hamster. Biber, Raubvögel: Die Wildnis ist mitten in der Stadt. Man muss sie nur finden. von Verena Popp-Hackner (Text und Fotos)

Abends in Ottakring, nahe einer U3-Station. Menschen auf dem Weg nach Hause, starr vor sich hinblickend. An einem Fußweg, von der Straßenbeleuchtung nur spärlich erfasst, lauert eine menschliche Gestalt im Halbdunkel und rührt sich nicht. Das bin ich.

Igel im Stadtpark: Wer abends auf der Wiese vor dem Kursalon wartet,
hat Sichtungsgarantie

Bald wird der Fuchs kommen, keine 20 Meter von mir entfernt seinen Kopf durch ein Loch im Zaun des angrenzenden Grundstückes stecken, kurz zögern und blitzschnell im Dunkel der Nacht verschwinden. Über dem Loch im Zaun habe ich vor ein paar Stunden ein ferngesteuertes Blitzlicht montiert, das mir eine realistische Chance einräumt, diesen Moment mit meiner Nikon samt 400 mm Teleobjektiv aus sicherer Distanz einzufangen. Seither heißt es warten. Viele Stunden warten für eine Chance, die knapp drei Sekunden dauern wird. Wieso ich so genau weiß, was der Fuchs machen wird? Weil ich gestern auch schon da war und vorgestern auch – und auch vorvorgestern. Und auch letzte Woche. Und jedes Mal war es so.

Auch wenn sie den meisten Städtern verborgen bleiben, Wildtiere gibt es in Wien überall. Freilich muss man genau wissen, wo man sucht – und wann. Aber in fünf Jahren Wildlife-Fotografie mitten in der Stadt, haben wir unsere Hausaufgaben gemacht.

Ringelnatter im Mauerbach in Auhof: im Hintergrund die Brücke des Wiental-Radwegs

Eigentlich ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die Metropolen der Welt von einer Vielfaltwilder Tiere in fast allen Größen und Formen bewohnt werden. „Wenn Sie eine Stadt wie Tokio auf den Kopf stellten und kräftig schüttelten – Sie würden staunen, was da an Tieren herausfiele. Nicht nur Katzen und Hunde“, heißt es in Yann Martels Roman Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger.

Wien ist da keineswegs anders. Ganz im Gegenteil. Nachdem Wien mit knapp über 50 Prozent Grünraumanteil eine der grünsten Metropolen Europas ist, ist es dazu prädestiniert, von Wildtieren erobert zu werden. Dennoch überrascht das Ausmaß. Beispiel Füchse: Geschätzte 4.000 Füchse streifen durch die nächtlichen Gassen der Bundeshauptstadt. Man kann ihnen in jedem Bezirk über den Weg laufen, im Schlossgarten Schönbrunns ebenso wie vor dem Burgtheater in der Wiener Innenstadt. Oder die Biber: Ausgehend vom Nationalpark Donau Auen, wo sie in den 1980er-Jahren wieder angesiedelt wurden, haben sie die Gewässer der Stadt erobert. Man geht davon aus, dass sie jedes potenzielle Revier besetzt haben, ihre Population daher stabil bei etwa 250 Individuen bleibt. Kaum jemand bekommt sie zu Gesicht, aber ihre Existenz bleibt nicht unbemerkt. Die im Winter angenagten bzw. gefällten Bäume sprechen eine eindeutige Sprache. Oder die Feldhamster! Wien ist die Feldhamsterhauptstadt Europas.

Während man die vom Aussterben bedrohten Nager „draußen“ in der Natur kaum mehr zu Gesicht bekommt, füllen sie sich in der Stadt sehr behaglich ihre Backen. Friedhöfe, Spitalanlagen, Kleingärten und sogar Sportanlagen von Schulen werden erobert und, naja, durchlöchert. Nicht immer zur Freude aller, versteht sich. Feldhamster stehen jedoch ganz oben auf der Liste der bedrohten Tierarten und werden in Wien streng geschützt. Diese Liste ließe sich ewig fortsetzen.

Hamstergalopp mit vollen Backen: Die Nager nehmen immer denselben Weg

Für viele Wildtiere gibt es in der Stadt bessere Lebensbedingungen als in den umliegenden, oftmals landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebieten. In der hoch technologisierten Landwirtschaft wird kein Zentimeter ausgelassen, jede Saat optimal vor Fressfeinden geschützt. Bauern versprühen Pestizide, decken ganze Äcker ab, ziehen Netze über Stauden. Artenreiche Feldränder, Heckenstreifen und Brachen gehören meist der Vergangenheit an. Für viele Tierarten bleibt einfach kein Raum zum Überleben.

Die Erforschung der urbanen Natur steckt erst in den Kinderschuhen, aber man weiß schon heute, dass sie für das Wohlbefinden der Städter zukünftig von enormer Bedeutung sein wird. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass schon in wenigen Jahrzehnten gut 80 Prozent der Weltbevölkerung in immer ausgedehnteren urbanen Ballungszentren leben werden. Meist losgelöst von fröhlichem Vogelgezwitscher oder dem beruhigenden Summen der Bienen. Stadtwildnis ist ein Zukunftstrend, den man in Wien nicht verschläft. Ein paar Beispiele: In Wien gibt es das „Turmfalkenprojekt Wien“ des Naturhistorischen Museums, das der Frage nachgeht, weshalb es ausgerechnet in Wien die dichteste Besiedelung (bis zu 400 Brutpaare) an Turmfalken Europas gibt.

Einflugschneise ins Nest: Ein Turmfalke mit seinen hungrigen Jungen beim Nest in der Borromäuskirche im Geriatriezentrum Wienerwald. Für dieses Foto muss man mit einer Leiter 20 Meter auf den Turm steigen

Das Projekt „Stadtwildtiere“, betrieben vom Institut für Wildtierbiologie der Veterinärmedizinischen Uni Wien, erforscht das Leben der Stadtfüchse und Dachse oder neuerdings das der Eichhörnchen (die in Wien ja alle Hansi heißen). Über die ´Nistplätze der geschätzten 5.000 Mauersegler-Brutpaare in Wien weiß man so wenig Bescheid, dass derzeit – geleitet von der Wiener Umweltschutzabteilung MA 22 – ein weltweit einmaliges Projekt zur Nistplatzkartierung läuft.

Und seit fünf Jahren betreibe ich, zusammen mit meinem Mann, dem Fotografen Georg Popp, das Projekt WIENER WILDNIS, das sich der Visualisierung des Phänomens „Stadtwildnis“ verschrieben hat. In keiner anderen Großstadt der Welt wurde das wilde Treiben so konsequent fotografisch festgehalten, wie von uns in Wien. Und zwar mit einer Bildsprache, die den entgegengesetzten Weg der klassischen Naturfotografie geht. Was man sonst so gerne bei schönen Tierfotos außen vor lässt – Autos, Strommasten, Gebäude, Straßen etc. – um die Illusion der unberührten Natur aufrecht zu erhalten, haben wir zum stilgebenden Element unserer Bilder gemacht. Und siehe da, daraus entstand eine eigene Ästhetik, die unsere Motive bis hin auf einen Briefmarkensatz der österreichischen Post befördert hat. Selbst die Wiener Unterwasserwelt haben wir nicht ausgelassen und dafür unseren langjährigen Freund, den mehrfach von der BBC ausgezeichneten Unterwasser-Fotografen Thomas Haider mit an Bord geholt. Seine Aufnahmen zeigen das Leben unter- wie auch oberhalb der Wasseroberfläche auf sehr spektakuläre Weise.

Städtische Gewässer wurden noch nie so liebevoll porträtiert. Von Anfang an nahmen wir die Wiener Gewässer ganz besonders genau ins Visier. Wasservögel, Amphibien und sogar ein mehr als zwei Meter langer Wels kamen uns vor die Linse. Unsere aktuellen Bilder der Schwanenfamilie am Wienfluss, direkt am Stadtpark, haben auf Facebook über 100.000 Menschen begeistert. Der Kontrast und Spannungsbogen von scheinbar heiler Unterwasserwelt und gleichzeitig hart verbautem Gewässer, ist endlos faszinierend. Nicht nur weil in ihnen und an ihren Ufern besonders viel Leben zu finden ist, sondern weil sie einen ziemlich großen Teil der Stadt bedecken. Fünf Prozent der so dicht bebauten Fläche Wiens sind mit Wasser bedeckt. Wien ist somit auch das wasserreichste Bundesland Österreichs. Das haben Sie nicht gewusst, stimmt’s?

Premiere in der Wiener Innenstadt. Heuer hat erstmals ein Schwanenpaar im ersten Bezirk gebrütet. Am Wienfluss direkt beim Stadtpark

Der Mensch glaubt nur, was er sieht. Im Herbst wollen wir ein bislang einzigartiges Wien-Buch mit unseren besten Aufnahmen publizieren, mit Ansichten einer Stadt, die es so noch nie gegeben hat! In den begleitenden Texten sollen jene Institutionen, Organisationen und Behörden vorgestellt werden, die sich so engagiert für die Naturvielfalt Wiens einsetzen und versuchen, diese zu bewahren. Ohne sie liefe nämlich nichts. Auch das sollte einmal klargestellt sein: Natur in der Stadt und die damit einhergehende Lebensqualität gibt es nicht zum Nulltarif. Um unser Buch zu ermöglichen, haben wir eine eigene Crowdfunding-Aktion ins Leben gerufen, von deren Erfolg die Realisierung des Buches abhängt (siehe unten). Je mehr Menschen uns über die Crowdfunding-Aktion unterstützen, desto mehr können wir mit unserem Buch schließlich auch erreichen.

Den wilden Stadtbewohnern auf der Spur: Das Fotografenpaar Verena Popp-Hackner und Georg Popp beweist viel Geduld und Ausdauer

Aber zurück ins mittlerweile nächtliche Ottakring. Schön langsam werden die Passanten weniger, der Verkehr lässt nach. Die Zeit der wilden nachtaktiven Wiener beginnt. Von Füchsen ist die Rede, nicht von Partylöwen! Aber auch Menschen kommen vorbei. Wer, so wie ich, auf einem dunklen Weg in Wien „auf der Lauer“ liegt, lernt auch die Menschen eines Grätzels kennen. Jedenfalls jene, die nachts unterwegs sind. Diese Begegnungen machen das lange Warten kurzweiliger. Eine alte Dame mit Rollator kommt meist gegen 23.00 Uhr und ruft den Fuchs, weil er das angeblich hört. „Puupi! Puuuuuuppiii!“ Nebenbei bringt sie ihm immer – was man eigentlich unterlassen sollte – eine Tasse Hundefutter. Eine Gruppe netter junger Menschen kommt oft schon zur Dämmerung, macht sich’s auf einem Mauersims bequem und hofft die Füchse zu erspähen. Sie kennen die Tiere seit Jahren und haben sie schon mit ihren Handys fotografiert. „Seit wir die Füchse kennen, gehen wir abends viel öfter spazieren“, sagt eine. „Und schauen weniger fern“, lacht ihr Freund.


Das tut gut: Grünspecht beim Wasserbad im Meidlinger Friedhof

Zwischen 22 Uhr und Mitternacht kommen noch weitere vier bis fünf Personen, die sowohl mich kennen als auch den Grund, weshalb ich mit meinem „Kanonenrohr“ – wie die meisten sagen – im Lichtschatten der Laternen warte. Ein gestresster Architekt, ein pensionierter Fleischhauer und eine Gang von drei Jugendlichen. Einer von ihnen träumt davon, auch einmal Filmer zu sein und Videos von berühmten Rappern für YouTube machen zu dürfen. Er findet es „cool“, was ich mache. Er zeigt mir jedes Mal seine neuesten Werke auf seinem Handy. Nicht wenige von meinen nächtlichen Bekanntschaften haben sich zu Beginn vor mir schon fast zu Tode erschreckt. So kommt man einander auch näher ...

Die Wiener, das haben wir in fünf Jahren sehr oft erlebt, sind irgendwie stolz auf ihre Wildtiere. Auf die Dachse und Kormorane, die Igel, die Graureiher vom Wasserpark in Floridsdorf, die Rehe am Steinhof oder am Zentralfriedhof, die Wildkaninchen vom Handelskai, die Wiener Nachtpfauenaugen. Sogar von der Intelligenz der schwarzen Krähen lässt man sich im Winter faszinieren, auch wenn man sie gerne als „Raben“ bezeichnet. Mit über 200.000 Exemplaren gehört Wien übrigens auch zu den bedeutendsten Krähenhauptstädten Europas.

Wir Wiener freuen uns über jedes Stück wilder Natur. Immerhin haben wir sogar für brachliegende Baugründe, die von der Natur zurückerobert werden, ein eigenes Wort: die G’stettn. G’stettn gelten als wichtige Trittsteinbiotope, weil sie es Tieren ermöglichen, mitten in der Stadt Fuß zu fassen. G’stettn sind faszinierende Gebiete und Abenteuerspielplätze für Kinder – jenseits von Schaukel und Sandkiste. Am ehemaligen Nordbahnhofgelände, wo gerade Wohnhäuser für gut 20.000 Menschen entstehen, wird man vielleicht die Chance nützen, ein Stück dieser Stadtwildnis für die Stadtkinder der Zukunft stehen zu lassen. Wo man die schönsten G’stettn Wiens findet und was es dort zu entdecken gibt, erfährt man übrigens in einem eigenen „G’stettn-Führer“, von der Wiener Umweltanwaltschaft.

Er ist da, der Ottakringer Fuchs. So schlau, dass er den meisten Menschen verborgen bleibt

Um Mitternacht in Ottakring versuche ich möglichst nicht mehr in Gespräche verwickelt zu werden, zu schnell kann man den entscheidenden Moment verpassen, an dem der Fuchs den Weg quert und in den Büschen verschwindet. Eine ältere Dame kommt noch von der U-Bahn-Station heraufspaziert. Fein angezogen, intensive Duftwolke hinter sich herziehend – sieht nach Theaterbesuch aus. Wir begegnen uns zum ersten Mal und sie erstarrt vor Schreck. Wenig „amused“ schüttelt sie den Kopf und sagt: „Na sie trauen sich was, da allein im Dunkeln! In DER Gegend!“

Aus den Augenwinkeln sehe ich hinter dem Zaun einen Schatten über eine kleine Wiese huschen. Er ist da. Leider hat er die Dame erspäht (gewittert sowieso, dazu braucht man kein Fuchs zu sein …) und wartet im Schutz einer Hecke. Wenn er umdreht und sich eine andere Route sucht, bin ich gute vier Stunden umsonst hier herumgehangen und kann meine Sachen packen. „Naja“, meint die Dame kopfschüttelnd im Weitergehen, „jeder wie er will und kann. Wenn S’ glauben, dass des an Sinn macht. Ich wohn’ seit vierzig Jahren da und gehe da jeden Tag vorbei. Aber an Fuchs hab’ ich noch nie gesehen!“

Spricht es aus, taucht in den Schatten zwischen zwei Wegbeleuchtungen und keine fünf Meter hinter ihr steckt der Fuchs seinen Kopf durch den Zaun, springt über den Weg und verschwindet lautlos im Dunkel der Nacht.
Aber zuvor habe ich noch rechtzeitig auf den Auslöser gedrückt.