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Chronik Österreich
06/04/2020

Tiroler ÖVP-Landesvize beschimpft WWF-Vertreterin vor laufender Kamera

Die Frau sei ein "widerwärtiges Luder", sagte Geisler. Jetzt entschuldigt er sich für die "Gefühlsregung".

von Andreas Puschautz, Christian Willim

Im Rahmen einer Kundgebung am Innsbrucker Landhausplatz übergab die Umweltschutzorganisation WWF am Mittwoch knapp 23.000 Unterschriften gegen den Bau des Kraftwerks Tumpen-Habichen im Ötztal.

Die Adressaten der Petition: die Tiroler Landesregierung, in Person vertreten von Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe (Grüne) und LH-Stellvertreter Josef Geisler (ÖVP).

Wie ein jetzt aufgetauchtes Video zeigt, wurde letzterer bei dieser Gelegenheit jedoch untergriffig und beschimpfte eine Vertreterin des WWF derb. Nachdem ein Versuch Geislers, die Frau in ihrer Rede zu unterbrechen, von der Frau vereitelt werden konnte, raunte Geisler Felipe zu: "Siehst, die lässt mich gar nicht reinreden. Widerwärtiges Luder."

 

Weder Felipe noch die Rednerin reagieren in dem Moment auf Geislers Aussage, ein längerer Ausschnitt des Videos liegt auch dem WWF nicht vor.

Im Nachhinein aufgeflogen

Die Betroffene schildert die Situation in einem übermittelten Statement so: "Ich habe 'widerwärtig‘ gehört und war kurz irritiert, habe mich aber zuerst noch auf mein Statement konzentriert. Nachdem die Kundgebung zu Ende war, ist ein Bekannter, der daneben stand, auf mich zugegangen und hat gesagt: 'Ein Wahnsinn, hast Du gehört wie der Geisler Dich genannt hat - Widerwärtiges Luder. Danach bin ich dem weiter nachgegangen und habe die Aufnahmen organisiert.“

Der WWF forderte von Geisler eine rasche öffentliche Entschuldigung für den frauenfeindlichen Sager. "Derartige Beschimpfungen haben in der Politik nichts verloren. Wenn Josef Geisler seinen Fehler nicht einsieht, ist er rücktrittsreif. So darf ein Amtsträger nicht mit Menschen umgehen, die völlig zurecht auf die Folgen der Wasserkraft-Verbauung für die Flüsse hinweisen“, sagte WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides zur "inakzeptablen Entgleisung" Geislers.

"Gefühlsregung"

Der kommt dieser Aufforderung auf KURIER-Nachfrage nach: "Ich entschuldige mich selbstverständlich, wenn das falsch angekommen ist. Das war keine absichtliche Beleidigung.“

Er habe zu sich selbst gesprochen und wohl "laut nachgedacht“. Es habe sich um eine "Gefühlsregung“ gehandelt, nachdem ihn die Dame mehrmals nicht zu Wort kommen lassen habe.

Im bekannten Ausschnitt des Videos sieht man freilich nur, wie Geisler die Aktivistin unterbrechen will, sie es jedoch nicht zulässt.

Keine ausreichende Entschuldigung

Für die Liste Fritz genügt das "halbherzige Bedauern" Geislers jedenfalls "in keiner Weise". "Diese Aussage ist herabwürdigend und beschämend, sie ist widerwärtig und inakzeptabel, sie verlangt nach Konsequenzen. Herr Landeshauptmann-Stellvertreter Geisler, entschuldigen sie sich aufrichtig oder treten sie zurück", fordern Klubobfrau Andreas Haselwanter-Schneider und Landtagsabgeordneter Markus Sint in einer gemeinsamen Aussendung. 

Es sei zudem untragbar, "dass sie in ihrer Arroganz auch noch die Tatsachen zu verdrehen versuchen, denn nicht die WWF-Mitarbeiterin ist ihnen ins Wort gefallen, sondern sie sind der WWF-Mitarbeiterin ins Wort gefallen", kritisieren sie weiter. Das Video dokumentiere das eindeutig.

Sexismus und Frauenfeindlichkeit dürften in der Tiroler Politik keinen Platz haben und es sei irritierend und beschämend, wenn ÖVP-Landeshauptmann und Parteiobmann Günther Platter einen solchen Untergriff und ein solches Verhalten in seiner Landesregierung und in seiner Partei dulden sollte. Platter müsse eine aufrichtige Entschuldigung einfordern, das sei "das Mindeste“, fordern Haselwanter-Schneider und Sint.

 

Kritik auch an Felipe

Für die Liste Fritz ist auch das Schweigen Felipes auf Geislers "frauenfeindlichen Untergriff" inakzeptabel und irritierend. "Wir Frauen brauchen uns derartige Angriffe und Untergriffe, derartiges Machogehabe nicht bieten lassen. Da wird Widerrede zur Pflicht, da fordere ich parteiübergreifende Solidarität ein“, so Haselwanter-Schneider.

Die derart angesprochene grüne Landeshauptmann-Stellvertreterin gibt sich selbstkritisch: "Ich ärger mich sehr, dass ich die Aussage in dem Moment nicht gehört und damit nicht wahrgenommen habe. Ich war im intensiven Austausch mit der Aktivistin“, schildert Felipe das Geschehen aus ihrer Sicht.

"Entschuldigung ohne Ausrede" gefordert

Deutlicher wurde die Vize-Landtagspräsidentin und Frauensprecherin der Tiroler Grünen, Stephanie Jicha. Solch eine "frauenfeindliche und sexistische Aussage" wäre bei keiner Gelegenheit akzeptabel - und "schon gar nicht am Landhausplatz ihm Rahmen einer Petitionsübergabe gegenüber einer Aktivistin“.

Darüber hinaus habe Geisler auch bei seiner Entschuldigung die Tatsachen verdreht. Nicht die Aktivistin habe ihn unterbrochen, sondern er die Aktivistin. Es müsse "endlich aufhören, dass Frauen von der Offensive in die Defensive gedrängt werden", fordert Jicha. Eine Entschuldigung ohne Ausrede oder Erklärungsversuch sei "das Mindeste".

"Geislers Verhalten widert mich an", kommentierte die Frauensprecherin der Bundes-Grünen, Meri Disoski: "Es offenbart den strukturellen Sexismus, der nach wie vor in höchsten politischen Ebenen des Landes fest verankert ist“. Sexismus gehöre für Frauen zum Alltag, genauso wie die dahinterliegenden Machtverhältnisse. "Wenn Geisler sich jetzt öffentlich auf seine vermeintliche Emotionalität beruft, ist das heuchlerisch und falsch“, hält die Grüne Frauensprecherin fest.

Die korrekt angemeldete Kundgebung samt Petitionsübergabe an Geisler und Felipe richtete sich gegen das Kraftwerk Tumpen-Habichen, das trotz offener Rechtsfragen seit März gebaut wird und ein wertvolles Flussjuwel für immer zu zerstören droht. Die Ötztaler Ache zählt zu den schutzwürdigsten Flüssen Österreichs, das Land Tirol selbst hat sie als "einzigartig“ eingestuft.

Erst vor kurzem hat eine aktuelle BOKU-Studie ergeben, dass bereits 60 Prozent der heimischen Fischarten in Flüssen als gefährdet gelten. "Die Tiroler Landesregierung sollte endlich ihre verfehlte Naturschutzpolitik ändern, anstatt legitimen Protest gegen die Wasserkraft zu verunglimpfen“, sagt WWF-Geschäftsführerin Andrea Johanides.

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