Chronik | Österreich
14.07.2017

Terrorgefahr aus dem Spielzeugladen

Die Polizei rüstet sich für kriminelle Angriffe und holte bereits illegale Flugobjekte im Rahmen der Drohnenabwehr vom Himmel.

Als Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak und Syrien mit handelsüblichen Spielzeugdrohnen die ersten Sprengstoffanschläge auf Militärkonvois flogen, schrillten bei den Polizeieinheiten in Europa die Alarmglocken. Für Sicherheitsstrategen ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Terroristen oder andere Kriminelle auch in Mitteleuropa die moderne und leicht erhältliche Technik für ihre hinterhältigen Ziele nutzen. Deshalb hat Österreich bereits vor zwei Jahren im Verbund aller europäischen Polizei-Sondereinheiten namens "Atlas" ein eigenes Projekt zur Drohnenabwehr gestartet. Projektleiter ist die Abteilung für Sondereinsatztechnik der Spezialeinheit Cobra.

Dass bisher so gut wie nichts über die Drohnenabwehr des Staates in die Öffentlichkeit gedrungen ist, hat gute Gründe. Die europäischen Sondereinheiten wollen sich aus einsatztaktischen Gründen nicht zu sehr in die Karten blicken lassen. "Jedermann kann leistungsstarke Drohnen völlig frei im Handel kaufen und sie auch ganz einfach bedienen. Man kann damit leicht ein paar Kilo Last transportieren, auch gefährliche Stoffe. Das öffnet natürlich auch dem Missbrauch Tür und Tor. Wir versuchen, darauf bestmöglich vorbereitet zu sein", erklären Cobra-Chef Bernhard Treibenreif und Thomas Vahrner von der Abteilung für Sondereinsatztechnik.

Systeme getestet

In den vergangenen zwei Jahren hat die heimische Polizei deshalb alle vielversprechenden Systeme am Weltmarkt getestet. Österreich war im Atlas-Verbund das erste Land, dass sich für Abwehrgeräte entschieden und diese auch angeschafft hat. Welche Systeme, das unterliegt der Geheimhaltung.

Die am freien Markt verfügbaren Technologien reichen von Radar-Detektoren über Lasergeräten zu Störsendern, die die GPS-Daten der Drohne manipulieren. Entwickelt wurden auch Abwehrgeräte, aus denen ein Projektil abgefeuert wird und schließlich ein Netz um die fliegende Drohne spannt. Dank eines kleinen Fallschirms wird das Flugobjekt zum kontrollierten Absturz gebracht. Die holländische Polizei setzt sogar auf eigens abgerichtete Adler, die das Flugobjekt mit ihren Fängen greifen.

"Der Markt verändert sich ständig. Wir beobachten das und arbeiten parallel an einer eigenen Entwicklung", schildert Vahrner, der nicht nur Cobra-Beamter, sondern auch Ingenieur ist. Mittlerweile gehört die Drohnenabwehr der Polizei zum Standardrepertoire im Antiterroreinsatz und bei Großveranstaltungen.

Als am Dienstag im Hotel Schlosspark Mauerbach (NÖ) das Außenministertreffen der OSZE über die Bühne ging, war die Polizei nicht nur mit Personenschützern und Präzisionsschützen, sondern auch mit der Drohnenabwehr vertreten. "Es gibt für jede Veranstaltung eine eigene Analyse und Risikoeinschätzung durch die Landesämter für Verfassungsschutz", so Treibenreif.

Menschenmassen

Auch beim Formel-1-Grand-Prix in Spielberg, beim Nova Rock oder dem Donauinselfest waren die Abwehrspezialisten vertreten und fingen auch illegale Drohnen ab. Zum Glück nicht von Terroristen sondern von Personen, die unerlaubterweise über einer großen Menschenmenge Videos produzieren wollten. Welche Gefahr das mit sich bringt, weiß man spätestens seit Skistar Marcel Hirscher beim Slalom beinahe von einem abstürzenden Fluggerät getroffen wurde.

Die Cobra selbst operiert bei Einsätzen seit bereits sechs Jahren mit eigens modifizierten Drohnen. Etwa zu Aufklärungszwecken vor geplanten Zugriffen.

Mit Wärmebildkameras an den Drohnen können Objekte "durchleuchtet" werden, ob und wie viele Personen sich darin befinden, oder ob jemand flüchtet.

Zahl der Drohnen im Land steigt stetig in die Höhe

Ihr korrekter Name klingt gleich viel bedeutender: Unbemannte Luftfahrzeuge. So heißen die umgangssprachlich als Drohnen bezeichneten Geräte offiziell. Davon schwirren mehr in Österreich herum, als vermutet: Allein im ersten Halbjahr 2017 bewilligte die Flugsicherheitsbehörde Austro Control 1100 neue.

2014 wurden Einsatz und Betrieb der autonomen Fluggeräte erstmals gesetzlich geregelt. Seither müssen ihre Besitzer um Genehmigung ansuchen. Ausgenommen davon sind nur kleine Drohnen, die weniger als 250 Gramm wiegen und maximal 30 Meter hoch fliegen, sie gelten als Spielzeug.

Ein Fünftel abgelehnt

Alles darüber ist jedoch bewilligungspflichtig und offensichtlich in Mode: 2014 stellte die Austro Control 150 Bewilligungen aus, 2015 schon 410, 2016 waren es 1195 eine Anzahl, die Mitte des heurigen Jahres fast schon erreicht wurde. Insgesamt sind demnach rund 2800 Drohnen im Einsatz, wobei nicht jedem Antrag automatisch eine Genehmigung folgt: Es gab 3500 Anträge seit 2014, ein Fünftel wurde abgelehnt.

Die gesetzliche Reglung ist sehr detailliert. Beim Gewicht wird in vier Kategorien unterteilt bis zu 150 Kilogramm: Je schwerer, desto größer, desto höhere Flugmöglichkeiten – und dadurch ergeben sich die Auflagen. Zweites Kriterium ist der Einsatzort: Unterschieden wird unbebautes, unbesiedeltes, besiedeltes und dicht besiedeltes Gebiet. Für Flüge über Menschenmassen ist eine zusätzliche Genehmigung erforderlich. Wie bei Kfz sind für Drohnen Haftpflichtversicherungen nötig. Wer sie ohne Genehmigung fliegen lässt, muss mit Geldstrafen bis zu 22.000 Euro rechnen.

Nahezu alle Drohnen werden zum Filmen oder Fotografieren eingesetzt, berichtet Markus Pohanka, Sprecher der Austro Control, exakt 95 Prozent. Sie können aber mehr: Landwirte verwenden Drohnen, um lästige Tiere zu vertreiben, burgenländische Winzer verscheuchen mit Drohnen Stare. Gerichtssachverständige verwenden sie, um Unfallstellen von oben einschätzen zu können, auch für Vermessungsflüge werden sie eingesetzt.