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Chronik Österreich
07/30/2019

"Äpfel und Birnen": Gutachterstreit um Tempo 140

Wegen ihm wurden 160 km/h erlaubt. Die aktuellen Gutachten zu 140 km/h findet Ernst Pfleger nicht gut.

von Dominik Schreiber

Der Unfallforscher Ernst Pfleger war die treibende Kraft, weshalb Verkehrsminister Hubert Gorbach einst einen Testbetrieb für Tempo 160 auf den Autobahnen startete. Sein Gutachten ebnete den Weg für schnelles Fahren. Nun gibt es zu 140 km/h gleich vier Gutachten, die belegen sollen, dass dieses Tempo kein Problem ist – und schon hagelt es Kritik von Pfleger: "Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen."

Und selbst der Projektleiter und nunmehrige Asfinag-Geschäftsführer Christian Ebner ist vorsichtig. Den dort beschriebene Rückgang der Unfallzahlen etwa „kann man nicht 1:1 zurückführen auf Tempo 140“, meint er.

Seriöse Autoren

Fakt ist, dass seriöse Ziviltechniker und ein Universitätsprofessor der TU Wien hinter den Gutachten stehen. Doch ob der Vorher-Nachher-Vergleich überhaupt aussagekräftig ist, sei dahin gestellt. Laut Gutachten stieg die tatsächlich gefahrene Geschwindigkeit nur minimal, genauso die Lärm- und Schadstoffbelastung. Die Unfallzahlen gingen demnach sogar zurück.

Zumindest diese Aussage ist problematisch. Im Vergleichszeitraum gab es einen zweispurigen Bereich, der saniert wurde. Der Vorher-Teil besteht also in einem teilweise zweispurigen Bereich mit einer Baustelle, der Nachher-Teil ist durchgängig dreispurig. „Dabei ist die Verkehrsdichte geringer und so gibt es weniger Unfälle“, erklärt Pfleger. Dazu kommt, dass Unfallzahlen eigentlich erst nach drei Jahren als aussagekräftig gelten.

Durchaus hinterfragenswert scheint auch der Vergleich, wonach nur wenige Autofahrer tatsächlich schneller unterwegs sind als wenn 130 km/h erlaubt sind. Vergleichen wurden dabei Wochen unmittelbar nach der Umstellung – in diesen gab es drei Regentage mehr (wo langsamer gefahren wird). Ungeklärt bleibt auch, ob das Tempo in den Monaten danach, wenn mehr die 140er-Schilder und das Projekt (er)kennen, nicht noch gestiegen ist.

„Sehr aufwendig“

Durchaus überraschend ist, dass weder der Schadstoff-Ausstoß noch der Lärm (0,6 Dezibel) nennenswert steigt. Dem zugrunde liegen aufwendige Messfahrten vor allem bezüglich der Schadstoffe. „Das wurde noch nie so aufwendig untersucht wie diesmal“, sagt Ernst Pucher, der auch an der TU Wien lehrt. So wurden mit verschiedenen Fahrzeugen Messfahrten in den Abschnitten durchgeführt und zwei Messstationen neben der A1 aufgebaut.

Warum das Messergebnis ganz andere Ergebnisse liefert als Ex-Verkehrsminister Jörg Leichtfried (SPÖ) vor Monaten befürchtet hat? „In diesen Bereichen gibt es schon jetzt hohe Geschwindigkeiten, deshalb gab es nur eine kleine Änderung“, erklärt Pucher. „Generell wird der Einfluss der Geschwindigkeit zu hoch eingeschätzt. Dazu kommt, dass zwei Drittel der Schadstoffe ohnehin der Lkw-Verkehr verursacht.“

Dieser ist interessanterweise um mehrere Prozent zurückgegangen in den Monaten nach dem Start von Tempo 140. Dass weniger Schadstoffe (nur plus ein bis zwei Prozent) ausgestoßen werden als vermutet, liegt laut Pucher auch daran, dass die paar km/h mehr sehr wenig ausmachen. Das bestätigt ÖAMTC-Cheftechniker Thomas Hametner dem KURIER: „Von 130 auf 140 km/h steigen die Umdrehungen pro Minute bei einem Mittelklassewagen von 2200 auf 2250. Mitunter erreicht man da sogar einen besseren Kernfeldpunkt des Autos – und verbraucht weniger.“

Der Streit wird weitergehen

Das Fazit lautet, dass die Gutachten in Summe jedenfalls nur bedingt aussagekräftig sind. Wenn so wenige schneller fahren, warum sollte man es erlauben? Auf der anderen Seite: Warum sollte es verboten werden, wenn es ohnehin gefahren wird und wenig Auswirkungen hat? Der Streit um das Tempo scheint jedenfalls nicht beigelegt – wie man sieht, wird das auch mit seriösen Studien nicht immer erreicht.