© Willim Christian

Innsbruck
05/31/2021

Stolperndes Gedenken an NS-Opfer in Innsbruck

Das Erinnern an das Arbeitslager Reichenau soll endlich einen würdigen Rahmen bekommen. Stolpersteinen erteilt die Stadt Innsbruck eine endgültige Absage.

von Christian Willim

Der Gedenkstein ist derart verwittert, dass sich die Schrift kaum noch lesen lässt. Vom städtischen Recyclinghof direkt dahinter dringt das Klirren von in den Entsorgungscontainern brechendem Glas herüber. Daneben rauscht der Verkehr durch das Gewerbegebiet Roßau. Dass die Blumen im Beet an diesem Erinnerungsort verwelkt sind, rundet das unwürdige Bild nur ab.

In den 1940er-Jahren stand in diesem Teil von Innsbruck das Arbeitserziehungslager Reichenau. Die Stadt will nun die Neugestaltung der Gedenkstätte angehen, über die es eigentlich bereits 2015 hieß, sie sei auf Schiene. Nun soll es eine Expertenkommission richten und ein würdiges Konzept erarbeiten.

Für den in Berlin lebenden Tiroler Historiker Johannes Breit, der ein Buch über das Lager geschrieben („Das Gestapo-Lager Innsbruck-Reichenau“, Tyrolia-Verlag) und eine Doku zum Thema gedreht hat, ist das höchst an der Zeit und begrüßenswert.

„Unglückliche Optik“

„Ich habe schon vor Jahren auf die Problematik dieses Platzes aufmerksam gemacht. Die Assoziation zwischen Gedenken und Müll ist eine unglückliche Optik“, sagt der 32-Jährige zu dem Gedenkort, der nicht einmal dem genauen Standort des Lagers entspricht.

„Mein Großvater war aus politischen Gründen hier kurz inhaftiert“, erklärt Breit, warum er sich mit der Geschichte des Lagers beschäftigt hat. Hier wurden tausende Fremdarbeiter und Kriegsgefangene gesammelt und von den Nazis als Zwangsarbeiter eingesetzt. Viele überlebten nicht.

Gegen Ende des Krieges wurden hier zudem politische Häftlinge sowie Juden, für die das Lager teils Zwischenstopp in Vernichtungslager war, eingesperrt. Dieser Aspekt wird auf dem 1972 aufgestellten Gedenkstein ausgeklammert, weshalb er für Breit „nicht auf Höhe der Zeit ist.“

Laut Stadt soll der Stein erhalten bleiben, aber sinnvoll in Zusammenhang mit dem aktuellen Forschungsstand gebracht werden. Für Kulturstadträtin Uschi Schwarzl (Grüne) ist ein neuer Ort für die Gedenkstätte denkbar: „Ich will aber der Kommission nicht vorgreifen.“

Stadt ohne Stolperstein

Abgeschlossen ist aus ihrer Sicht aber die Debatte über die Verlegung von Stolpersteinen in Innsbruck zum Gedenken von Nazi-Opfern. Die Stadt wolle neue Formate entwickeln. Personalisierte Gedenkzeichen im öffentlichen Raum „auf Straßenlaternen, Gebäuden oder an Stelen“ seien in Diskussion. Das Erinnern soll „auf Augenhöhe“ gehoben werden.

Das unterstreicht das Abgehen von im Boden eingelassenen Stolpersteinen, wie sie über ganz Europa hinweg in hunderten Gemeinden verlegt wurden. Innsbruck ist hier Leerstelle. Dabei wurden beim Novemberpogrom 1938 – gemessen an der Größe der jüdischen Bevölkerung – in keiner anderen Stadt mehr Menschen umgebracht. Alfred Graubart, Bruder eines der vier Todesopfer, überlebte schwer verletzt.

Harald Büchele, der an der einstigen Wohnadresse von Graubart lebt, wollte im Vorjahr einen Stolperstein für diesen verlegen. Der liegt nun aber in Bücheles Wohnung.

Die Stadt erteilte keine Genehmigung für das Einsetzen auf öffentlichem Grund. Mit Verweis auf die „neuen Wege“. Das Argument der Stadt mit der „Augenhöhe“ ist für den Innsbrucker „Blödsinn. Was erzeugt mehr Empathie, als wenn man auf den Boden sieht und versteht, dass hier ein Mensch gelegen hat?“ Er will weiter für die Stolpersteine kämpfen.

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